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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mühlberger, Josef

Schriftsteller, Journalist

* 1903, 03.04.
Trautenau/Böhmen

† 1985, 02.07.
Eislingen

Der am 3. April 1903 in Trautenau am Riesengebirge als Sohn einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters geborene Mühlberger wuchs – eingebettet in den Kulturraum der österreichisch-ungarischen Monarchie und der Donauregion – in einer zweisprachigen, von unterschiedlichen kulturellen Traditionen geprägten Umgebung auf und hat diese aus doppeltem Kulturerbe gespeiste Herkunft stets als entscheidendes Antriebsmoment, als belebenden und weiterweisenden Impuls seines dichterischen Schaffens empfunden. Zahlreiche seiner späteren Novellen und Erzählungen verarbeiten Eindrücke und Erlebnisse dieser – relativ – unbeschwert verbrachten Kindheits- und Jugendjahre, wobei Mühlberger die mentalitätsbedingten Unterschiede der beiden Nachbarvölker weder verschwieg noch herunterspielte, ihnen aber auch nicht jenen oft maßlos übersteigerten Stellenwert einräumte, wie manch andere sudetendeutsche Autoren der 1920er und 1930er Jahre – allen voran Erwin Guido Kolbenheyer, Hans Watzlik oder Wilhelm Pleyer.

Nach dem Schulabschluß studierte Mühlberger ab 1922 Germanistik und Slawistik an der Deutschen Universität in Prag und später (1927/28) – gastweise – in Uppsala. In Prag wurde er 1926 zum Dr. phil. promoviert mit einer Arbeit über „Die deutsch-böhmischen Dichter der Gegenwart“, die 1929 als Buch erschien. Von 1928 bis 1931 wirkte er federführend als Mitherausgeber der Kunst- und Literaturzeitschrift „Witiko“. In dieser Funktion bemühte er sich intensiv um Ausgleich und Verständigung der vielfach miteinander hadernden Volksgruppen im Sudetenland – eine im nationalitätenpolitisch aufgewühlten Klima der 1930er Jahre keineswegs leichthin gewählte und bequem zu bewältigende Aufgabe. Anfeindungen seitens extremer Kräfte aus den verschiedensten Lagern waren damit geradezu vorprogrammiert.

Unterdessen erschien 1934 im Insel-Verlag Mühlbergers Erzählung „Die Knaben und der Fluß“ – die Geschichte einer homoerotischen Knabenliebe. Der Diplomat und Philosoph Gerhard von Mutius hatte den Kontakt zum Verlegerehepaar Anton und Katharina Kippenberg vermittelt. Das Buch – nach Mühlbergers eigener Aussage in wenigen sommerlichen Tagen im Garten seines Elternhauses niedergeschrieben – erregte Aufsehen und brachte seinem Autor erstmals überregionale Anerkennung. Kein Geringerer als Hermann Hesse erblickte in ihm „die schönste und einfachste junge Dichtung, die ich seit langem gelesen habe“. Beflügelt von derartiger Fürsprache und getragen von der freundschaftlichen Zuwendung Katharina Kippenbergs, veröffentlichte Mühlberger in rascher Folge zwei weitere Bücher im Insel-Verlag: 1934 das Drama „Wallenstein“ – eine Auftragsarbeit der Stadt Eger zum „Jubiläum“ von 1635 –, und 1935 den ersten bedeutenderen Roman „Die große Glut“ – ein formal und inhaltlich der seinerzeit vielgepflegten Gattung des „Bauernromans“ zuzuordnendes Werk.

Mit alledem stand Mühlbergeran der Schwelle zum großen Erfolg; die Aufmerksamkeit des deutschen und internationalen Lesepublikums schien ihm durch die Anbindung an einen der seinerzeit prominentesten und weitstrahlendsten belletristischen Buchverlage sicher. Indes führte das sich wandelnde kulturpolitische Klima nach 1933 rasch zu einer nachhaltigen und dauerhaften Schmälerung des Mühlberger entgegengebrachten Publikumsinteresses, bis hin zur weitgehenden Nichtbeachtung seitens des offiziellen Literaturbetriebs.

Ausschlaggebend waren hier die Denunziationen des „völkischen“ Autors Wilhelm Pleyer, der – wie Mühlberger sudetendeutscher Herkunft und Debütant in der Literaturszene des Dritten Reiches – seinem etwa gleichaltrigen Landsmann dessen enge, teilweise freundschaftlichen Kontakte zu jüdischen und sozialdemokratischen Mitarbeitern des „Prager Tagblatts“ – etwa zu Max Brod oder zu Johannes Urzidil – zum Vorwurf machte und überdies Mühlbergers dezidiert kulturvermittelnde Position als „Verrat“ an der in schwerem „Volkstumskampf“ stehenden Sache des Sudetendeutschtums attackierte. Die verhalten, aber nachdrücklich bekundete Homosexualität Mühlbergers tat ein übriges, um ihn in nationalen Kreisen zu diskreditieren. Mühlberger seinerseits reagierte auf die sich häufenden Beschuldigungen, Verdächtigungen und Anfeindungen teils hilflos-naiv, teils ausweichend-konziliant, teils durch versuchtes Eingehen auf ideologische Minimalforderungen des Regimes – was nicht verhindern konnte, daß seine Bücher aus dem Handel genommen wurden und von 1935 bis 1947 keine eigenständige Buchpublikation mehr erscheinen konnte, obgleich für ihn ein offizielles Veröffentlichungsverbot nicht bestand. Aus seiner immer unsicherer werdenden, von Depressionen und Verzweiflungszuständen geprägten Lage „rettete“ sich der im Grunde unpolitische Autor nach Verbüßen einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen homosexueller Handlungen durch freiwilligen Eintritt in die Wehrmacht. Das Kriegsgeschehen führte ihn nach 1939 an die verschiedensten Fronten, nach Westeuropa, Rußland und Italien. Seine Tagebuchaufzeichnungen „Die schwarze Perle“ spiegeln die Erlebnisse der Kriegszeit ebenso plastisch wider wie zahlreiche seit 1947 publizierte Novellen und Erzählungen.

Nach Kriegsende kehrte Mühlberger zunächst in seine böhmische Heimat zurück, geriet dort jedoch sehr bald in den Strudel der nun erneut, wenngleich unter anderem Vorzeichen ausgetragenen deutsch-tschechischen Antagonismen. So wie ihm in den 1930er Jahren jedes Einschwenken in die Riege derer verhaßt war, denen die lautstarke Behauptung deutscher Ansprüche wichtiger schien als das Bemühen um Mittlerschaft und Verständigung, so galt seine Kritik nun den von tschechischer Seite aus einsetzenden, durch die Rote Armee gedeckten Unrechts- und Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber der deutschen Bevölkerungsmehrheit im Sudetengebiet. Es war erneut ein – aussichtsloses – Engagement gegen die übermächtigen politischen Zeitumstände. Mühlberger wurde verhört und inhaftiert und schloß sich 1946 einem der zahlreichen Flüchtlingszüge in den Westen an. Das Thema der Vertreibung, des Heimatverlustes, der menschlichen Unbehaustheit wurde fortan zu einem zentralen Motiv seines literarischen Schaffens.

Mühlberger ließ sich in Eislingen/Fils bei Göppingen nieder. Schwaben wurde ihm für nahezu vier Jahrzehnte zu einer „zweiten“ Heimat – die „erste“, Böhmen, hat er niemals wiedergesehen, wenngleich er aus der Ferne engen brieflichen Kontakt mit der Mutter hielt, die bis zu ihrem Tod in Trautenau lebte. Mühlberger arbeitete nun als freier Schriftsteller, Volkshochschulleiter und Feuilletonredakteur verschiedener Zeitungen und Zeitschriften. Zugleich erschien jetzt eine Fülle früher entstandener Werke, deren Veröffentlichung auf Grund der politischen Verhältnisse im Dritten Reich unterblieben war.

Über Katharina Kippenberg stellte sich zunächst der 1935 abgebrochene Kontakt zum in Wiesbaden lizenzierten Insel-Verlag her, in dessen Gefolge 1947 Mühlbergers wichtigster Lyrikband erschien, der die zwischen 1933 und 1945 geschriebenen Gedichte versammelte. Da die neue Direktion des Insel-Verlages jedoch – nicht nur im Falle Mühlbergers – keine Bereitschaft zeigte, den in der Vorkriegszeit bewiesenen Mut zur Förderung innovativer literarischer Ansätze neuerlich aufzubringen, unterblieb eine weitere Zusammenarbeit. Das in der Folgezeit publizierte Œuvre Mühlbergers verteilte sich auf mehr als ein Dutzend kleinerer Verlage – was auch ein Grund dafür sein mochte, daß Name und Werk des Dichters im neu entstehenden literarischen Leben der Bundesrepublik Deutschland kaum präsent waren. Zwar blieb sein Schaffen auch künftig nicht ohne Resonanz: Mühlberger erhielt mehrere, zum Teil renommierte Auszeichnungen, so den Herder-Preis (bereits 1938), den Adalbert-Stifter-Preis (1951), den Andreas-Gryphius-Preis (1965), den Sudetendeutschen Kulturpreis (1968) und den Eichendorff-Preis (1973). Dabei waren es jedoch vor allem die Organisationen und Institutionen der deutschen Vertriebenen, die den Autor förderten und sich um die Verbreitung seiner Werke bemühten. Dies wiederum trug im kulturpolitisch aufgewühlten Klima der 1970er und 1980er Jahre dazu bei, ihn in Kreisen einer sich als „progressiv“ gerierenden Literaturkritik als „unzeitgemäß“ abzustempeln und die Beschäftigung mit seinem Werk sektoral einzuschränken. Mühlberger wurde nun – vor allem nach 1968 – zum dritten Mal ein Opfer ideologischer Polarisationen, deren Pendelschläge ihn gleichsam dem Rhythmus normaler literarischer Rezeptionsvorgänge enthoben und ihn schon zu Lebzeiten weitestgehender Vergessenheit anheimfallen ließen.

„Vergängliches gleichnishaft zu nehmen, auch im Gräßlichen und Schrecklichen noch ein Gültiges aufzuspüren“: dies galt ihm in einer seiner seltenen autobiographischen Reflexionen über die eigene schriftstellerische Existenz als leitende Maxime seines Schaffens, und man kann sagen, daß sich Mühlberger dieser Maxime über alle Brüche und Wandlungen des Zeitgeistes hinweg treu geblieben ist. Eine solche Haltung verbindet ihn mit jenen etwa zeitgleich publizierenden Autoren, die in ihren Werken – einem Sprachstil bewahrender Klassizität und formaler Verhaltenheit verpflichtet – noch einmal die Traditionen abendländischer Humanität und Universalität unter Betonung eines aus christlichen Impulsen gespeisten Europäertums beschworen. Viele dieser Autoren – Reinhold Schneider etwa oder Otto von Taube, aber auch Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder oder, in Grenzen, Hans Carossa – richteten ihre Blicke dabei vor allem nach Westen und Süden, auf die Erbschaft der Antike und auf den Kulturraum der Romanitas. Mühlbergers Werk bietet hier gleichsam eine Ergänzung und Vervollständigung dieser „werteuropäischen“ Blickrichtung um die ostmitteleuropäische, die „böhmische“ Perspektive. Unter den deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit war und ist dies kein unbedingt häufig anzutreffender, überdies im kulturpolitischen Klima der Jahre nach 1968 noch zusätzlich marginalisierter bzw. tabuisierter Schaffensakzent. Josef Mühlbergers Werk hält ihn in einem Ausmaß bereit, dessen Umfang Anlaß genug sein sollte, ihm jene öffentliche Resonanz und Anerkennung zu verschaffen, die ihm zu Lebzeiten versagt geblieben ist.

Lit. und Werke: Zusammenstellung in: Frank-Lothar Kroll (Hrsg.): Josef Mühlberger, Ausgewählte Werke, 2 Bde., Bonn 2004. Vgl. ferner (mit weiterführender Literatur) Frank-Lothar Kroll: Ein deutscher Dichter aus Böhmen. Josef Mühlberger, in: Ders. (Hrsg.): Böhmen. Vielfalt und Einheit einer literarischen Provinz, Berlin 2000, S. 83-93; – Elke Mehnert: „Der Galgen im Weinberg“. Flucht und Vertreibung bei Josef Mühlberger, in: Dies. (Hrsg.): Ost-westliche Spiegelungen. Beiträge zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Berlin 2005, S. 105-113.

Bild: Schriftgut-Archiv-Ostwürttemberg

Frank-Lothar Kroll

 

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