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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mühlpfordt, Herbert Meinhard

Arzt, Heimatforscher

* 1893, 31.03.
Königsberg i.Pr.

† 1982, 09.10.
Lübeck

Vor 100 Jahren wurde Herbert Meinhard Mühlpfordt in der ostpreußischen Hauptstadt als Sohn des Dentisten Meinhard Mühlpfordt und seiner Frau Clara, geb. Adloff, geboren. Von seinen fast 90 Lebensjahren durfte er 52 in seiner Vaterstadt verbringen, Kriegs- und Studienjahre einmal ausgenommen, 38 Jahre lebte er in Lübeck – fern seiner Heimat, aber doch in einer historisch vielfältig verwandten Umwelt, ganz abgesehen davon, daß lübischeKaufleute im 13. Jahrhundert wesentlichen Anteil an der Gründung seiner Vaterstadt hatten. Die Jahre in Lübeck können nach dem Verlust Königsbergs in gewisser Weise als Höhe seines Lebens betrachtet werden. Hier konnte er noch einmal wie schon in Königsberg über 20 Jahre eine Arztpraxis betreiben; hier in Lübeck fand er schließlich jenes Arbeitsfeld, das ihm für immer einen Ehrenplatz in der Heimat- und Geschichtsforschung seiner Vaterstadt und seiner Heimat sichert.

Mühlpfordt besuchte bis zum Abitur 1912 das Fridericianum. Studien der Medizin, Literatur und Kunstgeschichte führten ihn nach Freiburg i.Br. (1912), München (1912/13) und zurück nach Königsberg (1913/14). Infolge seines Kriegseinsatzes 1914-1918 schloß er seine Studien erst 1920 mit dem Staatsexamen und 1921 mit der Promotion im Fach Medizin ab. Es folgten Jahre als Arzt in Berlin (an der Charite), 1922 die Niederlassung als Arzt in Allenstein und von 1929 bis 1937 die Stellung als Leitender Abteilungsarzt für Dermatologie im St. Marien-Hospital, ebenfalls in Allenstein. 1937 eröffnete er in Königsberg eine eigene Praxis. Von 1939 bis zu seiner Entlassung aus Gesundheitsgründen 1944 diente er als Stabs- und Oberstabsarzt in der Wehrmacht, von Januar bis April 1945 als Flüchtlingsarzt in Pillau und auf der Frischen Nehrung, wo er die Tragödie der Zivilbevölkerung und den Zusammenbruch der in Ostpreußen kämpfenden Truppe miterlebte. Sechs Tage nach der Kapitulation seiner zur Festung erklärten Vaterstadt Königsberg betreute Mühlpfordt einen Flüchtlingstransport nach Wismar, von wo er sich sogleich nach Lübeck begab. Hier unterhielt er bis 1959 eine eigene Praxis.

Seitdem konzentrierte sich Mühlpfordt auf die Heimatforschung und war als Schriftsteller tätig. Als Natur- und Kunstfreund und als begeisterter Bergsteiger unternahm er viele und ausgedehnte Reisen. Die landeskundliche Forschung über Ost- und Westpreußen, vor allem im Hinblick auf die Dokumentation der Kultur- und Geistesgeschichte Königsbergs, verdankt Mühlpfordt elf Bücher bzw. selbständige Schriften sowie über 200 Aufsätze und Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften. Diese Leistung zeugt von einer beachtlichen Schaffenskraft auch noch im fortgeschrittenen Alter. Seine bedeutendsten Arbeiten sind: Welche Mitbürger hat Königsberg öffentlich geehrt? (Göttinger Arbeitskreis 1963); Königsberger Leben in Bräuchen und Volkstum (Arbeitsheft der Landsmannschaft Ostpreußen, nach 1968); Königsberger Skulpturenund ihre Meister 1255-1945(Ostdt. Beitr. d. Gott. Arbeitskreises l970), dazu ein Supplementum (Prussia-Schriftenreihe 1979): Königsberg von A-Z. Ein Stadtlexikon (München 1972). 1981 folgten zwei Bändchen in der Schriftenreihe der J.G. Herder-Bibliothek über den aus Siegen stammenden und in Königsberg lange wirkenden Johann Friedrich Reusch sowie Königsberger Leben im Rokoko. Bedeutende Zeitgenossen Kants. Literarische Veröffentlichungen seien hier nur kurz erwähnt: Ostpreußische Märchen, Gespenstergeschichten, Gedichte, Der Goldene Ball, Ein Familienroman unserer Zeit. Die intensive Beschäfigung mit E.T.A. Hoffmann, seinem ebenfalls aus Königsberg stammenden Landsmann, sowie sein geradezu kongeniales Verhältnis zu ihm, müssen an anderer Stelle einmal ausführlich gewürdigt werden.

Anerkennung und Würdigung fand Mühlpfordt 1969 durch die Wahl in die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, 1970 durch die Verleihung der Goldenen Ehrennadel der Landsmannschaft Ostpreußen und 1977 durch die Zuerkennung der Bürgermedaille der Stadtgemeinschaft Königsberg.

Herbert Meinhard Mühlpfordt gehörte zu jenen Deutschen aus dem Osten, die nach der Zerstörung der Heimat, Flucht und Vertreibung darangingen, die Kenntnisse über das Zerstörte, Verlorene und Entückte aus der literarischen und – soweit das möglich war, der archivalischen Überlieferung sowie dem persönlichen Wissen vieler damals noch lebender Zeugen zusammenzutragen und damit wenigstens ideell für die Zukunft zu retten. Mühlpfordt beteiligte sich daran vor allem im Hinblick auf seine Vaterstadt Königsberg und schuf eine Reihe von Nachschlagewerken, die schon jetzt zu unentbehrlichen Hilfsmitteln geworden sind und die ihre Gültigkeit behalten werden. Dabei ergänzt sein Lebenswerk die Arbeit Fritz Oauses und anderer in einer stärker das Heimatkundliche, die lokale oder zeitliche Besonderheit betonenden Weise. Im persönlichen Gespräch konnte er überzeugend und bescheiden zugleich den Unterschied zwischen seinem Anliegen als Heimatforscher und dem etwa Gauses als Stadthistoriker erläutern.

Vieles, was Mühlpfordt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens erarbeitete, wurde bislang noch nicht veröffentlicht. Die 100. Wiederkehr seines Geburtstages wird Anlaß sein, einiges davon zur Publikation zu befördern; so soll das Vermächtnis des verdienstvollen, unvergessenen Sohnes seiner ostpreußischen Heimat erfülltund der Aufgabe, der er sich verschrieben hatte, auch in Zukunft gedient werden.

Quellen: P. Wörster (Nachruf), in: Preußenland, 20. Jg. (1982), Nr. 4, S. 58-59. -Ders. in: Altpr. Biographie, Bd. IV, 1. Lief. (1984), S. 1135.

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