Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mutius, Gerhard Freiherr von

Diplomat, Philosoph

* 1872, 06.09.
Gellenau/Schlesien

† 1934, 18.10.
Berlin

Nahe dem weitbekannten ostdeutschen Herzheilbad Kudowa liegt in der Westecke der Grafschaft Glatz das Dorf Gellenau. Schloß und Gutsherrschaft sind seit 1788 Besitztum der freiherrlichen Familie von Mutius. Durch ehrwürdige Tradition, heimliche Romantik und traditionelles Verankertsein in der dörflichen Umwelt verkörperte der Herrensitz mit seinem Dankesdenkmal an den heiligen Wendelin und seiner Kapelle ein Stück altdeutscher Poesie. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen hat einen Jugendaufenthalt in Gellenau im Befreiungsjahr 1813 nie vergessen können. Der Mann, in dessen nobler Erscheinung und musischer Persönlichkeit die Entwicklung der Familie gipfelte, war tief innerlich geprägt von dem Zauber des erinnerungsträchtigen Fleckchens Erde. Gerhard Freiherr von Mutius wurde am 6. September 1872 in Gellenau geboren. Er besuchte das berühmte, mit deutschen Geistesgrößen verbundene Gymnasium in Schulpforta von 1885 bis 1893, verließ die humanistische Internatsschule als Primus, studierte Rechtswissenschaft und legte seinen einjährigen Militärdienst in einem schlesischen Dragonerregiment ab. Vom Verwaltungsdienst wechselte er, 31 jährig, in den diplomatischen über, der ihn um die Welt führte. Paris, Petersburg und Peking waren die ersten Stationen. Seine Gewissenhaftigkeit und sein grüblerischer schlesischer Ernst verbanden sich von nun an mit einer vielerprobten Weitläufigkeit, die ihn zum Feinde jeglichen Vorurteils machte, zu einer fesselnden, jeden in Bann ziehenden Einheit. Von 1911 bis 1914 ist er Botschafter in Konstantinopel. Für sein politisches Weltbild wichtig war ein Aufenthalt in Polen. Mutius war im Ersten Weltkrieg vom Auswärtigen Amt der deutschen Okkupationsverwaltung zugeteilt worden. Seine im persönlichen Erleben der Grenzländer Schlesien und Grafschaft Glatz wurzelnde Aufgeschlossenheit für die slawischen Völker fand hier neue Nahrung. Er wußte und lobte, was die deutsche Verwaltung leistete, bedauerte aber, daß das volkspsychologische Moment zu wenig berücksichtigt wurde. In der Warschauer Zeit entstand sein Werk „Die drei Reiche“, für das er 1917 den Nietzschepreis erhielt. In dieser Schrift wie in der folgenden „Gedanke und Erlebnis“ erstrebt er die Wiedergeburt einer von Kant und Goethe ausgehenden idealistischen Weltanschauung. Auf „Wort, Wert, Gemeinschaft“ folgt „Jenseits von Person und Sache“, eine Sammlung von Essays, welche die Spannweite seiner Bildung zeigt. Ob er über „Kant in Südamerika“, „Nietzsche und das Wertproblem“, „Kierkegaard und das heutige Deutschland“, „Vincent van Gogh“, „Goethes Aktualität“ schreibt, immer weiß er in stilistisch  geschliffener Form Selbständiges und Wegweisendes zu sagen. In persönlicher Formung steht Mutius hier der sog. „Lebensphilosophie“ eines  Bergson und Scheler nahe. Den Höhepunkt seines philosophischen Strebens erreicht er in seinem letzten Buche „Zur Mythologie der Gegenwart“. Das Werk ist 1933, im Jahre der Machtergreifung, Alfred Rosenbergs „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ entgegengestellt. Es  wendet  sich schon damals auch gegen die einseitige Vorherrschaft des Technischen und Praktischen und gegen die Verkümmerung der schöpferischen Phantasiekräfte auf allen Lebensgebieten und mündet in das Kapitel „Religion als Aufhebung des Mythos“. Der innigen Liebe, die er für seine Glatzer Heimat empfand, entsproß die klassische Schilderung „Das Lob der kleinen Stadt“. Als Gerichtsreferendar war er am Amtsgericht in dem Gellenau benachbarten, verträumten Städtchen Lewin und an dem in Glatz selbst ausgebildet worden, und in dieser Zeit wurde die Grafschaft ihm tiefer innerer Besitz. Davon zeugt der genannte Essay – ein Kabinettstück anschaulicher Einprägsamkeit und vorbildlichen Sicheinfühlens in die Eigenart einer Landschaft. Auf positiv evangelisch-christlichem Boden stehend, hat Mutius aus solch inniger Bindung an seine Heimat das tiefe Verständnis für den Katholizismus gewonnen: „Mir ist katholisches Wesen seit frühen Kindheitstagen immer etwas so wie Heimatluft gewesen.“

Der Hochschätzung, deren sich Mutius erfreute, zeigt der Kreis seiner näheren Bekannten; zu ihnen zählten Gerhart Hauptmann, Hofmannsthal, Stehr, O. v. Taube, Heuss. Sein geistiges Erbe wirkt fort in den dichterischen Schöpfungen seiner Tochter Dagmar. Er starb am 18. Oktober 1934 in Berlin.

Lit.: Dagmar von Mutius, Lob der kleinen Stadt. Erinnerungen des Diplomaten Gerhard von Mutius an Städte der Grafschaft Glatz. Vierteljahresschrift Schlesien 1968, 1. Heft. Josef Mühlberger, Gerhard von Mutius, ein schlesischer Diplomat und Philosoph. Vierteljahresschrift Schlesien 1972, 3. Heft. Karl Schindler, So war ihr Leben, 1975, S. 119ff.

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.