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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Nadler, Josef

Literaturhistoriker

* 1884, 23.05.
Neudörfl/Böhmen

† 1963, 14.01.
Wien

Als Sohn eines Werkmeisters wurde er in einem kleinen böhmisch-sudetendeutschen Weilerdorf geboren. Seine Eltern wollten unbedingt „etwas Besseres“, Pfarrer oder Lehrer vielleicht, aus ihm machen. Geworden ist aus dem Dorfschüler ein hoch angesehener, ein streitbarer, aber auch umstrittener Literarhistoriker und Literaturkritiker, ein Schriftsteller von hohen Graden und ein hervorragender Pädagoge.

Schon in früher Jugend las er unter der alten Dorflinde begeistert Eichendorffs Gedichte, über die er dann mit einer Dissertation als Student in Prag zum Dr. phil. promovierte. Dort gab ihm sein Landsmann, der berühmte Germanist August Sauer, das Stichwort, das ihn sein Lebtag nicht mehr loslassen sollte, den Hinweis, daß der „allgemeinen“ Literaturgeschichte eine „besondere“, eine landschaftlich und stammeskundlich ausgerichtete, zur Seite gestellt werden müsse. Mit 28 Jahren war er „Ordentlicher Professor“ an der Universität Freiburg (Schweiz), 1912 erschien schon bei Habel in Regensburg der I., 1913 der II. und 1918 der III. Band seiner „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“. Sie machte, nicht nur durch das neue Ordnungsprinzip, sondern auch durch die Entdeckung weiter, in Vergessenheit geratener raumzeitlicher literarischer Landschaften Aufsehen, sie begegnete aber auch nachhaltiger Kritik der bisher führenden Schule der Germanistik. Was immer auch im Banne der neuen methodischen Sicht einseitig oder zugespitzt gesehen und im einzelnen nicht hinlänglich belegt sein mag, weitgehend ist bis heute die von Nadler in scharf umrissenen Konturen herausgearbeitete These anerkannt, daß das literarische Schrifttum des neustämmischen, ostdeutschen Raumes, begrenzt um 1200 durch die Elbe-Saale-Linie, einen teils gemeinsamen, aber auch spezifisch eigenen Weg gegangen ist. Dieser Prozeß erklärt sich nach Nadler durch das genetisch besondere Stammesgefüge des ostdeutschen Raumes, dem starke slawische und baltische Elemente eingeboren seien. Erst mit Beginn der Neuzeit, mit dem Abschluß des Barock, seien beide Hälften, analog der politischen Entwicklung, auch geistig zu einer großen Kulturnation, zum zweiten Deutschen Reich, zusammengewachsen.

Vor allem die Königsberger Zeit, in der Nadler von 1925 bis 1931 lehrte, in der er zahlreiche Arbeiten über historische und zeitgenössische ostdeutsche Dichtung veröffentlichte, in der er auch die Herausgabe der Werke des ostpreußischen Kulturphilosophen Johann Georg Hamann, des Freundes von Herder und Goethe, konzipierte, die dann nach dem Krieg vollendet wurde, erhärtete seine Stammestheorie. Sie schlug sich in seiner 1934 erschienenen Schrift über „Das stammhafte Gefüge des deutschen Volkes“ nieder, die mehrere Auflagen erlebte. Niedergeschlagen hat sich aber auch in den dreißiger Jahren, und erst dann, in gewissem Grade der verhängnisvolle „Geist der Zeit“, will sagen, der Ungeist seines österreichischen Landsmannes Hitler, ohne daß er ihm ausgesprochen Gefolgschaft leistete, in seinem Werk. Inzwischen von Königsberg nach Wien übersiedelt, lehrte er an der dortigen Universität bis 1947. 1941 erschien in 4. Auflage, „völlig neu bearbeitet“ und dokumentarisch überaus reichhaltig illustriert, seine „Literaturgeschichte des deutschen Volkes“, in vier Bänden. Schon der Aufriß zeigt, wohin die Reise jetzt ging: Vom Volk über den Geist zum (kleindeutschen) Staat, vom Staat zum (großdeutschen) Reich, das, so sein „Nachwort“, mitsamt den volksdeutschen Teilen und Inseln berufen sei, als „Treuhänder der europäischen Völkergemeinschaft“, und, als „Weltvolk“, der Welt Wege zu weisen. „Aus dem volkhaften Erlebnis der sudetendeutschen Heimat begonnen“, so der Autor in dem Nachwort, „wollte das Werk die Kräfte des Blutes und der mütterlichen Erde im deutschen Geistesleben sichtbar machen“. Der „Gang der Geschichte hat indessen bestätigt, was es grundsätzlich wollte. – Also möge es sein, wie es sei oder es solle nicht sein“.

Es sollte nicht sein, nicht so sein. 1947 wurde Nadler in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. 1949 wurden der vierte Band seiner Literaturgeschichte und die Schrift über „Das stammhafte Gefüge“ zwar nicht verbrannt, aber im Interesse der jetzt fälligen „Literaturbereinigung“ eingestampft. Ein Jahr später wurde er in höchster Instanz zwar von der NS-Diskriminierung entlastet, aber nicht wieder in Amt und Würden eingesetzt. Der von Hause aus im christlich-humanen Denken beheimatete Historiker lehrte fortab in der Wiener katholischen Akademie. 1951 erschien noch eine einbändige „Geschichte der deutschen Literatur“. Am 14. Januar 1963 ist er gestorben.

Hauptwerke: Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, Bd.I-III, 1912-1981. Das Schrifttum der Sudetendeutschen, 1924. Literaturgeschichte der deutschen Schweiz, 1932. Das stammhafte Gefüge des deutschen Volkes, 1934. Deutscher Geist / Deutscher Osten, Zehn Reden, Schriften der Corona, 1937. Literaturgeschichte des deutschen Volkes, 4. Aufl., Bd. I-IV, 1938-1941. Literaturgeschichte Österreichs, 1948. Franz Grillparzer (Biographie) 1948. Johann Georg Hamann / Sämtliche Werke, Bd. I-V, 1949-1953. Johann Georg Hamann, Der Zeuge des Corpus mysticum, 1949. Josef Weinheber / Sämtliche Werke, Bd. I-III, 1953. Josef Weinheber. Geschichte seines Lebens und seiner Dichtung, 1952.

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