Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Nadolny, Rudolf

Botschafter

* 1873, 12.07.
Groß-Stürlack, Kr. Lötzen

† 1953, 18.05.
Düsseldorf

Am 12. Juli 1873 wurde Rudolf Nadolny in Groß-Stürlack (Kreis Lötzen) geboren. Seine Eltern waren der Gutsbesitzer August Nadolny und seine Frau Helene, geb. Trinker. Während die Familie Nadolny eine alte ostpreußische Familie war, die bereits 1391 in Schöndamerau (Kreis Ortelsburg) nachweisbar ist, gehörten die Vorfahren seiner Mutter zu den Salzburger Emigranten. Hans Trinker erklärte in einem Verhör am 8. Oktober 1731, schon über 20 Jahre der lutherischen Lehre zugetan zu sein. Später findet man ihn unter den Emigranten, die in Kallweitschen im Kirchspiel Stallupönen angesiedelt wurden.

Nach der Volksschule in Groß-Stürlack besuchte Rudolf Nadolny von 1882 bis 1890 das Progymnasium in Lötzen, dann von 1890 bis zum Abitur 1892 das Gymnasium in Rastenburg. Anschließend wurde er „Einjährig-Freiwilliger“ beim Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm I. Nr. 3 in Königsberg. Er blieb in Königsberg und studierte an der dortigen Universität Jura. Das Referendarexamen bestand er 1896. Neun Monate war er beim Amtsgericht in Rhein (Kreis Lötzen) und anschließend beim Landgericht in Königsberg. Nebenbei lernte er Russisch und Französisch. 1901 bestand er das Gerichtsassessorexamen in Berlin und wurde Vormundschaftsrichter in Königsberg. Auf seine Bewerbung hin wurde Rudolf Nadolny 1902 ins Auswärtige Amt einberufen, womit seine Karriere als Botschafter begann. 1905 heiratete er in Berlin Änny Matthiessen. 1912 bewarb er sich um einen selbständigen Posten im Ausland. Zunächst hatte er einen Flaggenstreit zwischen Persern, Kurden, Russen und Deutschen zu schlichten, als die Russen Aserbeidschan besetzt hatten. Rudolf Nadolnys weitere Stationen waren Täbris, Bosnien-Herzegowina und Albanien. Während des Ersten Weltkrieges war er zunächst Chef der Sektion für Politik beim Generalstab, 1916 dann Geschäftsträger in Persien. Nach Kriegsende lebte Nadolny zwei Jahre in Berlin, bis er 1920 wieder in seinen Beruf als Diplomat zurückkehrte: 1920 wurde er Botschafter in Stockholm. 1924 ging es in die Türkei. Dort gewann er beschlagnahmte deutsche Einrichtungen zurück. 1931 schlug Reichskanzler Brüning vor, Rudolf Nadolny den Vorsitz der deutschen Delegation bei der in Genf beginnenden Abrüstungskonferenz anzuvertrauen, und dies geschah dann auch. Auch nachdem Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, blieb Nadolny in diesem Amt. Das Erstarken nationalsozialistischer Seite in der Außenpolitik stellte alle in Genf mühsam eingefädelten Einigkeitsbestrebungen in Frage. Nadolny versuchte im März, Hitler von einem Konfrontationskurs gegenüber dem Ausland, vor allem gegenüber England, abzubringen. Dies gelang offensichtlich, aber der Erfolg hielt nur wenige Wochen an. Als die Abrüstungskonferenz im Oktober 1933 wieder begann, war ein Stimmungsumschwung eingetreten. Am 14. Oktober 1933 erfuhr Nadolny über Dritte, daß Deutschland ohne sein Wissen sowohl aus der Abrüstungskonferenz wie auch aus dem Völkerbund ausgetreten war. Jetzt wurde Nadolny Botschafter in Moskau, womit sich sein Lebenstraum erfüllt hatte. Vorher noch hatte er in einer Unterredung mit Hitler diesem geraten, einen Vertrag mit Polen zu schließen, damit die ständige Bedrohung Ostpreußens ein Ende fände. In der Tat ist im Januar 1934 ein solcher Vertrag zustande gekommen. Hitlers ablehnende Haltung gegenüber der Sowjetunion und vor allem Nadolnys Vermittlungsversuche hatten zur Folge, daß Nadolny nach nur acht Monaten Tätigkeit in Moskau vom Amt dispensiert wurde. Rudolf Nadolny kaufte das Rittergut Briesen im Kreis Templin und bewirtschaftete es selbst, doch er hielt auch verschiedene öffentliche politische Vorträge. Der daraus entstehende Konflikt mit der nationalsozialistischen Regierung brachte ihm das Verbot öffentlicher Äußerungen ein. Mit Kriegsbeginn stellte sich Nadolny der Wehrmacht zur Verfügung. Er arbeitete als Major im Oberkommando der Wehrmacht. Dort war sein Bestreben, einen Krieg mit Rußland zu vermeiden. Als der Krieg mit Rußland dann ausbrach, verließ er konsequenterweise sofort den Dienst. Er verkaufte das Rittergut Briesen und pachtete das Obstgut Katharinenhof bei Gransee in der Nähe von Berlin. Dort erlebte er das Kriegsende. Durch seine russischen Sprachkenntnisse konnte er mit den russischen Offizieren verhandeln und einige Erleichterungen für die Bevölkerung erreichen. Zunächst im Osten, später im Westen versuchte er, eine Wiedervereinigungspolitik zu betreiben. Er gründete eine „Gesellschaft zur Wiedervereinigung Deutschlands“ gemeinsam mit dem früheren Reichsminister Andreas Hermes. Doch er scheiterte.

Am 18. Mai 1953 verstarb Rudolf Nadolny nach kurzer Krankheit im 80. Lebensjahr.

Seine eigenständig philosophisch-politischen Gedanken hatte Rudolf Nadolny schon 1928 in einem seiner Bücher niedergeschrieben. Seine späteren Memoiren schloß er mit den Worten: „Mochte nun auch eine auf einen kleinen Kreis beschränkte Gesellschaft scheitern, die Wiedervereinigung ist inzwischen eine Sache des gesamten deutschen Volkes geworden. Sie wird sich mit geschichtlicher Notwendigkeit durchsetzen, und keine Macht der Welt wird stark genug sein, sie auf die Dauer zu verhindern.“ 1990 ist Rudolf Nadolnys Wunsch in Erfüllung gegangen.

Lit.:Horst-Günther Benkmann: Wege und Wirken. Salzburger Emigranten und ihre Nachkommen, Bielefeld 1988, S. 142-148. Dort weitere Quellenangaben.

Bild: Privat

Uwe Standera

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.