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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Nepomuk, Johannes von

Heiliger, Landespatron von Böhmen

* 1350 ca.
Pomuk, heute Nepomuk/Südböhmen

† 1393, 20.03.
Prag

Über Herkunft und Jugend des Heiligen ist kaum etwas bekannt. Um 1370 erscheint er in den Quellen als öffentlicher Notar, etwa gleichzeitig auch als Kleriker in Diensten des Prager Erzbischofs Jan Očko von Vlašim. Schon 1374 stieg er zum ersten Notar der erzbischöflichen Kanzlei auf. Nach der Priesterweihe 1380 wurde er Sekretär des Erzbischofs Johannes von Jentzenstein. Im gleichen Jahr erhielt er vermutlich ein Kanonikat am Stift St. Ägidien in Prag. Darüber hinaus wurde ihm die Prager Altstadtpfarrei St. Gallus übertragen, mit der die Seelsorge für die dort ansässigen deutschen Kaufleute verbunden war. In den folgenden Jahren widmete sich Johannes von Nepomuk dem Studium der Rechte, zunächst an der Prager juristischen Fakultät, ab 1383 in Padua, wo ihn die Quellen 1386 als Rektor der ausländischen Studenten ausweisen und am 19. August 1387 seine Promotion zum Doktor der Rechte erfolgte. Nach seiner Rückkehr in die Heimat (wohl 1389) tauschte er sein Kanonikat bei St. Ägidien gegen einen Sitz im Kollegiatkapitel am Vyšehrad und übernahm anstelle der Pfarrei St. Gallus das Archidiakonat Saaz. 1390 berief ihn Johannes von Jentzenstein zu seinem Generalvikar und übertrug ihm damit Leitungsaufgaben in der Erzdiözese. In dieser Funktion verteidigte der Kanoniker die kirchliche Immunität gegen Angriffe von Seiten der Krone Böhmens. Weshalb gerade er den persönlichen Haß König Wenzels IV. auf sich zog, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit rekonstruieren. Äußerer Anlaß für den „kalkulierten Terrorakt" (Ferdinand Seibt) gegen den Generalvikar war vermutlich die Exkommunikation eines königlichen Günstlings sowie die Bestätigung eines Wenzel nicht genehmen Kandidaten als Abt des Klosters Kladruby (Klaudrau). Am Abend des 20. März 1393 wurde Johannes von Nepomuk, nachdem ihn zuvor König Wenzel eigenhändig mit brennender Fackel gefoltert haben soll, von der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt.

Da sich einerseits die Nachricht vom grausamen Ende des Generalvikars rasch verbreitet haben dürfte, andererseits auf königliches Geheiß über die Hintergründe Stillschweigen gewahrt werden mußte, kamen bald die verschiedensten Gerüchte in Umlauf. Die ersten Hinweise, wonach Johannes ermordet wurde, weil er sich als Beichtvater der Königin Johanna geweigert habe, das Beichtgeheimnis zu brechen, finden sich in der Kaiserchronik des Thomas von Ebendorfer (vor 1451) und in der Správovna des Pavel Židek (vor 1471). Zur historisch nicht verifizierbaren Legende vom „Märtyrer des Beichtsiegels" traten bald weitere außergewöhnliche Begebenheiten, so beispielsweise ein Lichtwunder bei der Geburt und das Austrocknen der Moldau beim Tode des Märtyrers. Die angedeuteten Widersprüche mögen Anlaß für die lange vertretene These gewesen sein, es handele sich bei Johannes von Nepomuk eigentlich um zwei verschiedene Personen, den wegen des Beichtgeheimnisses ermordeten Priester und den aus politischen Gründen hingerichteten Generalvikar. Im Jahre 1777 hat der Prager Augustinereremit Athanasius v. hl. Joseph in seiner Dissertatio htstorico-chronologico-critica de Joanne de Pomuk diese Annahme endgültig widerlegt.

Johannes von Nepomuk starb als Opfer seiner Standhaftigkeit gegenüber unberechtigten und willkürlichen Angriffen der Staatsmacht auf die Kirche. Sein Schweigen wurde aber schon bald tiefer ausgedeutet, und im Laufe der Jahrhunderte wurde er „in besonderer Weise Patron der schweigenden Kirche, aller jener Priester, die ihr Amt trotz aller Behinderungen ausüben, die das Wort Gottes predigen, sei es gelegen oder ungelegen" (Johanna von Herzogenberg). Die Verehrung des Märtyrers beschränkte sich zunächst auf den innerböhmischen Raum und wurde beeinträchtigt durch die Wirren der Hussitenkriege, fand dann aber in der Gegenreformation ihren festen Platz in der Volksfrömmigkeit. Johannes von Nepomuk wurde zum populären Landesheiligen Böhmens, dessen Märtyrertod in Liedern und volkstümlichen Theateraufführungen gedacht wurde. Das Prager Metropolitankapitel erreichte 1721 (Seligsprechung) bzw. 1729 (Heiligsprechung) seine offizielle Anerkennung als Märtyrer. Seit dem 17. Jahrhundert bildete Prag den Mittelpunkt der Verehrung des Heiligen. Sein Grab im Veitsdom, schon im 14. und 15. Jahrhundert Ziel von Pilgerscharen, ließ Kaiser Karl VI. im 18. Jahrhundert nach Entwürfen von Fischer von Erlach monumental ausgestalten. Die 1683 auf der Karlsbrücke, dem Ort des Martyriums, errichtete Bronzestatue von Johann Brokoff wurde zum Vorbild ungezählter Standbilder weit über Böhmen hinaus. Unter den zahlreichen, dem Heiligen geweihten Kirchen außerhalb Böhmens sei nur die Asam-Kirche in München erwähnt.

Nach der Gründung der Tschechoslowakei (1918) geriet die Gestalt des Heiligen in den Strudel nationalistisch-antikatholischer Tendenzen, die auf Abschaffung seines Gedenktages (16. Mai) und verstärkte Würdigung von Jan Hus zielten (Feiertagsgesetz 1925). Diese Bemühungen blieben weitgehend wirkungslos. Tschechen und Deutsche verehren gleichermaßen den „Heiligen der Brücken“.

Lit.: Ferdinand Seibt (Hrsg.): Bohemia Sacra. Das Christentum in Böhmen 973-1973. München 1974. – Emil Valasek: Der heilige Johannes von Nepomuk (Forschungsbericht), in: Archiv für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien 4 (1976) S. 177-193. – Silvia von Brockdorff, Johannes von Nepomuk, in: Peter Manns (Hrsg.): Die Heiligen. Alle Biographien zum Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet, Stuttgart 41979, S. 419-421. – Johanna von Herzogenberg: Prag. Ein Führer, München 81990. – Christof Dahm: Johannes von Nepomuk, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 3, 1992, Sp. 498-501.

Bild: Kupferstich von Glauber, um 1760 (in: Johannes Neuhardt: Johannes von Nepomuk. Ein Text-Bild-Band. Graz, Wien, Köln 1979, Abb. 29).

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