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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Neumann, Alfred

Lyriker, Übersetzer, Schriftsteller

* 1895, 15.10.
Lautenburg/Westpr.

† 1952, 03.10.
Lugano

Im literarischen Leben der Weimarer Republik konnte "nahezu in jedem Jahr ein wirklich bedeutendes Werk, ein neu auftauchendes, wahrhaft bedeutendes Talent ausgezeichnet werden." (Hans Mayer) Zu diesen Begabungen zählte der Romancier, Dramatiker, Lyriker und Übersetzer Alfred Neumann, der für seinen Roman Der Teufel 1926 den renommierten Kleist-Preis erhielt. Heute indes ist Neumanns Ruhm verblaßt, sein Oeuvre wird nur noch von Literaturhistorikern rezipiert, und Neumanns Name taucht lediglich in summarischen Aufzählungen oder als Fußnote zu den Biographien anderer Schriftsteller auf, deren Werk bis heute überdauert hat.

Geboren wurde Alfred Neumann in Lautenburg, einem auf halber Strecke zwischen Graudenz und Soldau gelegenen westpreußischen Städtchen. Der Industriellensohn wuchs in Berlin, Rostock und in der französischen Schweiz auf. Das 1913 in München begonnene geisteswissenschaftliche Studium schloß er mit dem akademischen Grad "Dr. phil." ab. Nach dem Wehrdienst im Ersten Weltkrieg wurde er Dramaturg an den Münchener Kammerspielen. Anschließend ließ er sich als freischaffender Schriftsteller in München und im italienischen Fiesole nieder. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1925 mit der Erzählung Der Patriot,die eine Offiziersverschwörung gegen den Zaren Paul I. zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Inhalt hat.

Das Jahr 1933 bedeutete für Neumann, der jüdischer Herkunft war, eine tiefe Zäsur. Die Ereignisse in Deutschland, schrieb er im März seinem Kollegen Renè Schickele, verschlügen ihm den Atem. Er weigerte sich, die Formulare für die Reichsschrifttumskammer auszufüllen. Gemeinsam mit seiner Frau, mit der er seit 1924 verheiratet war, verließ er im Dezember seine Villa in Brannenburg bei München in Richtung Italien. Sein Haus, das Auto und die Bibliothek wurden beschlagnahmt. Immerhin gelang es ihm, einige Bücherkisten und einen kleinen Devisenvorrat außer Landes zu retten.

Im Unterschied zu vielen anderen Emigranten konnte Neumann auf seiner internationalen Reputation und verlegerischen Verbindungen aufbauen. Während seines italienischen Exils erlebte er 23 Buchausgaben in 8 Sprachen, wobei die Auflagenzahl noch höher lag. So blieben ihm unmittelbare materielle Gefährdungen zunächst erspart; er konnte sogar in Fiesole eine Villa anmieten. Klaus Mann, Herausgeber der Exil-ZeitschriftDie Sammlung, lud ihn zur Mitarbeit ein. Im September 1934 erschien hier unter dem Titel Letizia Bonaparte ein Vorabdruck aus dem Roman Neuer Caesar (1934). Die Unterstützung eines dezidiert antinazistischen Journals mußte die Abneigung der Berliner Machthaber gegenüber Neumann steigern. Bereits zu Beginn des "Dritten Reiches" hatten sie den Roman Der Held (1930), ein Buch über den Rathenau-Mord, verboten. Als Mussolini und Hitler sich im Verlaufe des Jahres 1938 rasch einander annäherten und Rom eine eigene Rassegesetzgebung einführte, wurde die Situation für einen deutsch-jüdischen Emigranten in Italien unhaltbar. Neumann wich nach Frankreich, nach Nizza, aus. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er, wie viele andere politische und rassische Flüchtlinge aus Deutschland, als "unerwünschte Person" im berüchtigten Lager Le Vernet interniert. Durch die Vermittlung amerikanischer Hilfsorganisationen und der rührigen Journalistin Dorothy Thompson erhielt er ein Visum für die USA. Über Barcelona, Madrid und Lissabon erreichten er und seine Frau 1941 New York. In seinem Tagebuch notierte er erleichtert: "Jedem strahlte Glück aus dem Gesicht, das schöne Gefühl, gerettet zu sein."

Bei seiner Ankunft war Neumann kein Unbekannter. Die Bühnenbearbeitung und die Verfilmung des Patrioten hatten in den USA bereits ein Publikum gefunden. Außerdem hatte er in Europa schon Erfahrungen mit dem Verfassen von Filmscripts gesammelt, so daß er die Anstellung als Drehbuchautor in Hollywood, die vielen emigrierten Schriftstellern ein Auskommen sicherte, nicht nur als Fron empfand, wie das bei seinen Kollegen Döblin, Brecht, Polgar und Heinrich Mann der Fallwar. Zeitzeugen erinnerten sich an einen "schweigsamenMann, der Tag für Tag seine 12 Stunden arbeiten geht und sich nur selten einen Sonntag gönnt." Er selbst schrieb an Hermann Kesten: "Man ist zwar – aus ursprünglich mitfühlendem Herzen – als writer angestellt und wird dafür bezahlt: aber das, was man beruflich und vertraglich schreibt, wird nichtgelesen." Im Laufe der Zeit gelang es ihm jedoch, sich mit Hollywood zu arrangieren. Sein wöchentliches Honorar stieg von zunächst 100 Dollar auf das Fünf- und schließlich auf das Zehnfache. Andere Projekte wie die gemeinsam mit Erwin Piscator geplante Aufführung seines Dramas Krieg und Frieden am Broadway scheiterten dagegen.

Neumann und seine Frau verloren in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern rund 80 Verwandte. Er versuchte erfolgreich, in den USA geistig und emotional Wurzeln zu schlagen. Sein SketchSegen der Erde auch für dich! war der Höhepunkt des deutschen Beitrags zum "I am an American-Day" 1943 in Los Angeles. Nach einer Bilanz nazistischer Untaten werden hier die geretteten Kinder der Immigranten zur Verantwortung für die Zukunft aufgerufen und auf ein Leben als freie, gleichberechtigte Bürger in der neuen Heimat vorbereitet. 1946 erwarb Neumann die amerikanische Staatsbürgerschaft, wobei der zuständige Beamte erheitert feststellte, daß der Neubürger in der amerikanischen Geschichte besser bewandert war als er selbst. Alfred Neumann hatte freundschaftliche Kontakte zu Thomas Mann erneuert, den er seit der Münchener Zeit kannte, und erhielt intimen Einblick in den Entstehungsprozeß des Doktor Faustus. Daneben pflegte er den Umgang mit Franz Werfel und dem Dirigenten Bruno Walter. Wie anomal die Situation für die aus dem deutschen Bildungsbürgertum stammenden und äußerlich gutgestellten Emigranten dennoch war, verrät ein Brief Thomas Manns aus Pacific Palisades: "Wir leben zwischen unseren Palmen und lemon trees so den längst gewohnten Wartesaal-Tag, in geselligem Reihum mit Franks, Werfels, Dieterle, Neumanns, immer dieselben Gesichter."

Auch Neumann war hin- und hergerissen zwischen Neuem und Altem Kontinent. Nach dem Krieg unternahm er zwei ausgedehnte Europa-Reisen, die ihn unter anderem nach Italien, Belgien, in die Schweiz führten. An den Universitäten von Oslo und Amsterdam hielt er Reden. Besondere Genugtuung bereitete es ihm, im Februar 1951 im Hamburger Thalia-Theater erstmals wieder vor deutschen Zuhörern zu sprechen. Bei all dem reifte der Plan, nach Europa, nach Italien, zu übersiedeln, wobei er vermutlich an einen zweiten Wohnsitz und nicht an die Aufgabe seines Hauses in Beverly Hills dachte. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Er starb schon im nächsten Jahr knapp 57jährig in der Schweiz.

Von seinen Büchern werden der frühe ErfolgsromanDer Teufel, der die Seelengeschichte eines Vertrauten des französischen Königs Ludwig XI. erzählt, sowie sein Roman über die Widerstandsgruppe "Die weiße Rose" mit dem Titel Es waren ihrer sechs(1944) wohl am ehesten überdauern. Daß Neumann heute weitgehend unbekannt ist, hängt zum Teil damit zusammen, daß die literarische Emigration nach dem Krieg nur sehr halbherzig nach Deutschland heimgeholt wurde. Zum anderen verwandelten die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 jenes alte Deutschland, dem Neumann entstammte, in eine "Welt von Vorgestern" und machten ein Anknüpfen an alte Traditionen und Lesegewohnheiten unmöglich. So bleibt vieles von dem, was Alfred Neumann schrieb, für die Nachgeborenen genauso verschlossen und unerreichbar wie das versunkene westpreußische Lautenburg, in dem er geboren wurde.

Werke: Gesammelte Werke, 2 Bde., Stockholm 1949/50.

Lit.: Guy Stern: Alfred Neumann, in: Deutsche Exilliteratur seit 1933, hrsg. v. John Spabel und Joseph Strelka, Bd. 1, Bern/München 1976, S. 542-570. – Eike Middell (Hrsg.): "Exil in den USA"", Leipzig 1979. – Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf. Exil in Italien 1933-1945, Bd. 1, Stuttgart 1989.

Bild: Photo von Inge Loeffler; Bildarchiv des Süddeutschen Verlages München.

 

  Thorsten Hinz

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