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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ostermann, Andrej Ivanovic Graf von

russischer Staatsmann

* 1687, 09.07.
Bochum

† 1747, 31.05.
Beresov/Rußland

Die russische Kaiserliche Geographische Gesellschaft hatte 1847 eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung Sibiriens ausgerüstet. Bei Ausgrabungen, die der Ermittlung der Tiefe des Permafrostbodens dienten, stießen die Wissenschaftler bei Beresov, das an einem linken Nebenfluß des Ob liegt, auf einen Sarg, in dem Knochen und Reste von Seidenstoffen lagen. Nähere Untersuchungen ergaben, daß es sich um die Grabstätte des Grafen Andrej Ivanovič Ostermann handelte, der 100 Jahre zuvor hier in der Verbannung gestorben war.

Ostermann war auf abenteuerliche Weise nach Rußland gekommen. Als Johann Heinrich Friedrich Ostermann wurde er in eine Pastorenfamilie geboren, die seit Generationen in Bochum Pfarrer und Advokaten stellte. Er besuchte die Bochumer Lateinschule, dann die Universität Jena, wo er die Rechte studierte. Hier geriet er ”in Händel”, tötete im Duell einen Studenten aus Hannover: ”ein Unfall”, wie 1742 in einer Leipziger Chronik notiert wurde, ”der ihn nöthigte, sich ohne Verweilen von dort unsichtbar zu machen”. Er floh 1704 über Holland nach Rußland, wo sich bereits sein Bruder befand, der in St. Petersburg Lehrer der späteren Zarin Anna Ivanovna war.

Ostermann gelangte schnell in die Nähe des Zaren Peter I. Er wurde 1708 Übersetzer in der Botschaftskanzlei, 1710 begleitete er Peter I. auf einer Reise nach Berlin, 1716 nahm er an Peters großer Westeuropa-Reise teil und wurde mit diplomatischen Missionen betraut. Als er 1718 die Vorverhandlungen zum Ende des Nordischen Krieges auf den Åland-Inseln leitete und dann 1721 auch den Friedensvertrag von Nystad verhandelte und unterzeichnete, war sein diplomatischer Durchbruch gelungen. Er wurde Baron und zum Generalleutnant befördert.

1723 heiratete Ostermann Martha Strešneva, die einem Moskauer Bojarengeschlecht entstammte, und wurde im selben Jahr Vizepräsident (entspricht etwa einem Staatssekretär) im Kollegium des Auswärtigen. Nach Peters I. Tod 1725 ernannte Katharina I. Ostermann zum Wirklichen Vizekanzler. Von nun an bis zu seinem Sturz war er der eigentliche Lenker der russischen Außenpolitik. Aus dem diplomatischen Schriftverkehr jener Zeit geht hervor, daß Ostermann auch der wichtigste Gesprächspartner der ausländischen Botschafter in Petersburg war; auf diesem Feld wurde er im Westen bekannt.

Das nachpetrinische Rußland stand ganz im Zeichen der Sicherung seiner gerade errungenen Position im europäischen Mächtekonzert. Dem französischen Botschafter Campredon gegenüber äußerte Ostermann unverblümt, daß man ”der ganzen Welt werde zeigen müssen, daß die Lehren Peters nicht vergeblich gewesen sind und man den Ruhm und die Macht Rußlands in seiner bisherigen Ausdehnung wahren werde.”

In den 20er und 30er Jahren des 18. Jahrhunderts bedeutete das vor allem die Niederhaltung Schwedens: das Fenster zur Ostsee sollte für Rußland offen bleiben. Im Süden blockierte die Türkei den Drang zum Schwarzen Meer, darüber hinaus störte sie Rußlands Aktivitäten in Persien, und sie gerierte sich als Schutzmacht der Krimtataren. Ein Bündnis mit Österreich, das 1726 nach meisterhaften diplomatischen Schachzügen Ostermanns sowohl im Obersten Geheimen Rat als auch gegenüber Frankreich abgeschlossen wurde, sicherte Rußlands Interessen im Süden ab. Es war mehr als eine Defensivallianz und überdauerte auch die nach Ostermann folgende Elisabethanische Zeit. Im Polnischen Erbfolgekrieg nach dem Tode Augusts des Starken 1733, in dem Rußland und Österreich gemeinsam den sächsischen Prätendenten August III. gegen den französischen Kandidaten Stanislaus Leszczynski durchsetzten, festigte sich das Bündnis. Frankreich, das wegen seiner Gegnerschaft zu Österreich stets die Türkei unterstützte, war nun auch Gegenspieler Rußlands geworden. Mit England stand Rußland ebenfalls in gemeinsamer Gegnerschaft zu Frankreich. Obwohl ein Bündnisvertrag zu Ostermanns Lebzeiten nicht mehr zustande kam, erreichte er jedoch 1734 einen Handelsvertrag. Für England war diese Zusammenarbeit mit der kreditbedürftigen russischen Wirtschaft in Konkurrenz zu Holland äußerst attraktiv. Ostermann, der gerne daran erinnerte, daß er geborener Preuße sei, befürwortete auch ein enges Zusammengehen mit Preußen; in seiner Amtszeit kamen drei Verträge zustande. Im späteren österreichisch-preußischen Konflikt, der sich um Schlesien anbahnte, war Ostermann deshalb in größter Verlegenheit. Er setzte sich für eine Verständigung ein und ließ es nicht an Mahnungen fehlen.

Ostermann bekleidete im Laufe der Jahre weitere Ämter, die ihm auch bedeutenden Einfluß auf innenpolitische Belange ermöglichten; 1730 wurde er Senator und in den Grafenstand erhoben. Auf Ostermanns Vorschlag hin bildete Anna Ivanovna 1731 nach Auflösung des Obersten Geheimen Rates ein Ministerkabinett, in dem er 1734 Erster Minister wurde; daneben blieb er als Vizekanzler Chef der Auswärtigen Angelegenheiten. Ein zeitgenössischer Beobachter schreibt über Ostermann: ”Das hiesige Ministerium rouliert nun vornehmlich auf den Grafen Ostermann, der, um sich unentbehrlich zu machen, seine große Maxime sein läßt, daß niemand außer ihm den Zusammenhang der innerlichen und auswärtigen Staatssachen dieses Reiches zu sehen und zu lernen bekommt, und sich daher in seinem Cabinet ohne einige Hülfe fast zu Tode schreibt, chiffriert und arbeitet”. Ostermanns erneuter Machtzuwachs erwies sich in Wirtschafts- und Finanzfragen als besonders bedeutungsvoll. Obwohl unter Peter mit Ausnahme eines einzigen Jahres ständig Kriegszustand herrschte, gab es bei seinem Ableben nicht eine Kopeke Staatsschulden. Dies änderte sich aber in den folgenden Jahren, und bei Annas Thronbesteigung (1730) mußte sich Ostermann intensiv der Rechnungsführung widmen. Sein besonderes Interesse galt dem Handel, dem Ausbau der Verkehrswege und der Lage der Bauern. 1727 beklagte er in einem Papier: den Handel hält man auf der ganzen Welt für eine Kraft des Staates – aber bei uns gibt es ihn fast gar nicht. So hat er 1731 die Zolltarife gesenkt, im Petersburger Hafen sollte Freihandel möglich werden. Er bemühte sich um die Eisenwerke in Tula und die Holzindustrie in der Ukraine; er entwarf Pläne für die Entwicklung der Hauptstädte. Die Lage der Bauern milderte er durch Abschaffung der Kopfsteuer; das Brot sollte ihnen zum halben Preis verkauft werden.

Ostermann, der seit 1727 Generalpostdirektor und seit 1740 Generaladmiral war, nahm auch auf den Verwaltungsaufbau, auf Justiz- und Militärfragen Einfluß. Besonders gravierend waren seine Aktivitäten in Thronfolgefragen. Er hatte nicht nur Katharina I. unterstützt, die Peters weltoffene Politik fortzusetzen versprach; er hat auch die Thronbesteigung Peters II. Aleksejevič (des Enkels Peters I.) 1727 gefördert, dessen Erzieher er gewesen war. Für ihn hatte er einen Lehrplan entworfen, der als erster Fürstenspiegel Rußlands bezeichnet werden kann. Bei der Thronbesteigung Anna Ivanovnas (Tochter von Peters I. Halbbruder Ivan V.) 1730 wirkte er darauf hin, daß diese nicht die von den Bojaren vorgelegten Kapitulationen unterzeichnete. Auch nach Annas Tod 1740 zog er wieder die Fäden im Hintergrund und unterstützte die Thronbesteigung Ivans VI. Antonovič, des 1740 geborenen Sohnes ihrer Nichte Anna Leopoldovna, die auch die Regentschaft ausübte. Peters I. Tochter Elisabeth wollte sich aber nicht noch einmal übergehen lassen und kämpfte mit Hilfe des altrussisch gestimmten Adels, dem die Herrschaft der Deutschen schon lange ein Dorn im Auge war, um den Thron; Intrigen der französischen und schwedischen Diplomatie unterstützten sie. In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1741 putschte Elisabeth mit Hilfe der ihr ergebenen Garden und verhaftete die Reichsregentin sowie den kleinen Kaiser Ivan Antonovič. Ostermann wurde mit anderen maßgeblichen Deutschen, darunter Feldmarschall Münnich, und einigen Russen verhaftet und vor Gericht gestellt.

Ausgerechnet Ostermann, dessen Lebenswerk es war, russischen Interessen zu dienen, der einzige Unbestechliche, wurde unter weiteren 80 Anklagepunkten beschuldigt, Geld von fremden Mächten angenommen zu haben. Ferner sollte er die Flotte verfallen lassen und beabsichtigt haben, Elisabeth in ein Kloster zu sperren. Elisabeth hatte Ostermann mit Haß verfolgt, hatte er doch tatsächlich zweimal ihre Thronfolge verhindert und mit Ivan VI. einen Anwärter auf den Thron gebracht, in dessen Adern mehr deutsches als russisches Blut floß. Aber nicht nur das: Über ein Vierteljahrhundert hatten sich viel Neid und Mißgunst gegen ihn angesammelt; er war zur Verkörperung einer Fremdherrschaft geworden. Das Urteil gegen ihn lautete zunächst: ”Tod durch Rädern”, dann: ”Tod auf dem Schafott”. Am 18. Januar 1742 wurden die Angeklagten zur Hinrichtungsstätte geführt. Als der Henker bereits das Beil erhoben hatte, wurde die Begnadigung Ostermanns und seiner Schicksalsgenossen durch die neue Kaiserin verkündet. Den Rest ihres Lebens sollten sie in der sibirischen Verbannung verbringen.

Ostermann wird in zeitgenössischen Darstellungen als verschlossen und eigenbrötlerisch geschildert. Er war überaus mißtrauisch, und alles, was er sagte, konnte auf verschiedentliche Art ausgelegt werden, heißt es einmal. Der russische Historiker Ključevskij nennt Ostermann den ”Mephistopheles aus Westphalen”. Ostermanns diplomatische Begabung wurde schon zu seinen Lebzeiten auch von russischen und ausländischen Gegenspielern anerkannt. In der historischen Literatur des 19. Jahrhunderts wird bereits darauf hingewiesen, daß sich in Ostermann das neue staatliche Selbstbewußtsein Rußlands verkörperte. Wenn man ihn mit anderen russischen Diplomaten jener Zeit vergleiche, werde sichtbar, daß eine wirkliche staatsmännische Politik erst mit Ostermann begonnen habe. Er war unstreitig einer der größten Minister seiner Zeit. Auch von Friedrich dem Großen ist eine sehr positive Einschätzung seiner Persönlichkeit überliefert. Er versuchte mehrmals, Ostermann in seine Dienste abzuwerben. Bemerkenswert ist schließlich, daß Ostermann auch in russischen Darstellungen sehr objektiv gesehen wird. Die Anerkennung seiner besonderen Verdienste hatte schon unter Katharina II. zur Rehabilitierung seiner Familie geführt.

Quellen: Moskauer Archive (von der Verfasserin benutzt).

Lit.: H. u. E. Klueting: Heinrich Graf Ostermann – von Bochum nach St. Petersburg 1687-1747, Brockmeyer Verlag Bochum 1976. – Amburger, E.: Der russische Staatsmann Heinrich Ostermann und seine westfälischen Ahnen und russischen Nachkommen, in: Beiträge zur westf. Familienforschung Bd. VIII, Berlin 1961. – Mannstein, C. H. v.: Historische, politische und militärische Nachrichten von Rußland, Leipzig 1777.

Bild: Graf Ostermann im Jahre 1727.

  Gerda Vollmer

 

 

 

 

 

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