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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Pannwitz, Rudolf

Schriftsteller, Publizist

* 1881, 27.05.
Crossen/Oder

† 1969, 23.3.
Astano/Tessin

„Er könnte mehr bedeuten als eine Universität“, schrieb Hugo von Hofmannsthal über den jungen Pannwitz als Zeichen seiner Wertschätzung. Faszinierend und von höchstem Einfluss war für Hofmannsthal 1917 der vielleicht wichtigste Essay von PannwitzDie Krisis der europäischen Kultur gewesen. Nicht nur Hofmannsthal ist zu nennen, auch Hermann Hesse sah, wie manche anderen großen Geister, nach Pannwitz’ emphatischer Würdigung des Glasperlenspiels, die Geistesverwandtschaft bestätigt.

Pannwitz wuchs als Sohn eines Lehrerehepaars in Crossen an der Oder auf, einer preußischen Kleinstadt. Autodidaktisch und selbstbestimmt, mit Hilfe der Miniaturausgaben von Meyer’s Groschen-Bibliothek erschloss er sich als Gymnasiast erstmals die Weltliteratur. Nietzsches Also sprach Zarathustra muss ihm im Todesjahr des Philosophen 1900 während seiner Gymnasialzeit in die Hände gefallen sein. Er erinnerte sich später: „Ich wurde auf das furchtbarste ergriffen. Ich dachte an keine kritik aber auch an keinen billigen rausch fühlte nur, dass ich das brauchte wie nichts und doch ohnmächtig sein würde je so zu denken fühlen leben“. Nietzsche-Motive: Neuer Mensch und Übermensch, vor allem aber der Tod Gottes – und die Suche nach einem neuen Mythos bestimmten ihn seither. Seit 1901 studierte er in Marburg, dem damaligen Zentrum des Neukantianismus, Philosophie und Klassische Philologie, später in Berlin unter anderem bei Georg Simmel und Wilhelm Windelband. Über Kant sei er seit je hinausgewesen, meinte Pannwitz aber schon seinerzeit. Im Zusammenhang der Schulreformbewegung wirkte er in den folgenden Jahren zeitweise mit Berthold Otto zusammen. Bereits die Kleidung gibt den antibürgerlichen Habitus und das Programm zu verstehen: er trägt sich wie ein russischer Mönch, mit langem Prophetenbart. 1908 war er, allerdings nur für ein halbes Jahr, als Lehrer in der Freien Schulgemeinde von Gustav Wynecken tätig. Der freigeistigen Schüler wurde er nicht Herr.

Zusammen mit Otto zur Linde begründete er dann die Zeitschrift Charon, wobei er in einem Brief an Hofmannsthal im Rückblick von einer „jugendeselei des unanständigen angriffs“ spricht – gemeint ist der Angriff auf Stefan George, in dessen Blättern für die Kunst Pannwitz immerhin seine ersten Gedichte veröffentlicht hatte. George, der ihm etwa in der Zeit seines Nietzsche-Erlebnisses erstmals begegnet war, hatte Pannwitz’ Sinn für das moderne Gedicht geweckt. So sehr die Befreiung von der architektonisch strengen Georgeschen Kunst-Norm für ihn, einen genialischen Feuergeist, zunächst unabdingbar gewesen sein muss, kommt es zur „Rückkehr zu George“, den Pannwitz für den Rest seines Lebens als „Vorbild in allem, was zum Gesetze, der Ordnung und der Schönheit eines Gedichtes gehört“, anerkannte, was Kritik im einzelnen keineswegs ausschloss. Dass Georges ästhetische Revolution selbst von begrenzter Reichweite angesichts der Krise der europäischen Kultur war, ging Pannwitz durch die Optik Nietzsches auf.

Nach praktisch-pädagogischen Versuchen wählte Pannwitz die Existenzform des freien Schriftstellers. Dabei ordnete er sein gesamtes Leben einer streng systematisierten Arbeits- und Studienweise unter, ebenso wie er dies von seiner Umgebung forderte: Leben war Dienst, Absorption durch das Werk.

Zugleich ist aber Pannwitz’ Charakter und sein Lebensstil von größter Ambivalenz gezeichnet. Einen bürgerlichen Lebensstil lehnte er vehement ab. Äußeres Anzeichen dieser bohèmehaften Existenz ist es, dass er, der vier Kinder von drei Frauen hatte, schließlich die Altersehe mit einer vierten Frau einging. Niemals ging er einem Brotberuf nach, wie selbstverständlich erwartete er finanzielle Förderung, ja dienstbare Unterwerfung von seinen Mäzenen. Es ist daher wenig verwunderlich, dass es ihm nicht gelang, dauerhafte Freundschaften einzugehen. Er sah sich, in hohem Sendungsbewusstsein, als Propheten einer höheren Kultur, der „überklassischen All-Einheit“, die aus der Asche der westlichen Kultur zu neuer Glut zu entfachen sei. Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass die Ambivalenz, man könnte auch sagen: die Entzweiung, das herausragende Charakteristikum von Pannwitz sei: höchste durchdringendste Geistigkeit, schlägt jäh um in Scharlatanerie, Vulgarität.

Pannwitz war in extremer Weise wetterfühlig, zugleich lungenkrank. Zwischen 1921 lebte er deshalb auf der Dubrovnik vorgelagerten Insel Koločep, die letzten beiden Lebensjahrzehnte verbrachte er dann in Astano bei Lugano im Tessin.

Sein Werk ist von monumentalen, fast monströsen Ausmaßen, was erst recht sichtbar wird, wenn man den unveröffentlichten Nachlass hinzunimmt. Es umfasst überdies nahezu alle Gattungen, vom Essay, der wohl seine genuine Form war, über Romane, Theaterstücke, Lyrik, bis hin zu Partituren und einem bildnerischen Werk. Als Übersetzer wandte er sich vor allem dem Werk Leopardis zu. Ein uomo universale in der späten Moderne – was schon allein ein Anachronismus ist.

Pannwitz’ Idee von Europa diagnostiziert die tiefe Krise Europas seit der Jahrhundertkatastrophe des Ersten Weltkriegs. Damit steht sie in enger Berührung mit den Europagedanken bei Paul Valéry und beim späten Husserl. Europa ist für Pannwitz Text, Gewebe: keine Ideologie oder politische Form ist ihm angemessen, die nicht seine geschichtliche Polyperspektivität, sein exzentrisches Wesen, aufnimmt. Bemerkenswert und ganz unzeitgemäß ist es, dass Pannwitz Europa von den vielfache Kulturtraditionen transversal verbindenden slawischen Rändern, namentlich von Böhmen her, denkt.

Von hier her fragt er nach einem übernationalen Europa, als Gegengewicht zu der nur quantitativ technischen Ausrichtung des Menschen in der Gegenwart, für den er – wohl erstmals – das Epitheton „postmodern“ prägt. Dieser Menschentypus sei „Molluske“, in einer Urverwirrung zwischen Dekadenz und Barbarei balancierend, Figur des europäischen Nihilismus. Pannwitz suchte alle Grenzen zwischen den Disziplinen zu überschreiten. Wissenschaft war für ihn durchaus im Sinne von Nietzsche, Durchgang zu höherer Bildung. Hamann, Herder, Novalis und Jacob Burckhardt sind die Denker, die ihn prägen, und faszinieren: denn ihr Gestus ist nicht die Abgrenzung und kategoriale Schärfe, sondern der Übergang, die Synthese.

Sein Spätwerk, vor allem Das Werk des Menschen (1968), das nicht weniger sein will als eine Morphologie und Geschichte des Geistes in allen seinen Manifestationen wurde, und darin lag die absurde Tragik, zur Summe einer enzyklopädischen, doch zugleich idiosynkratischen Bildung, der kaum jemand folgen konnte oder wollte. Beim späten Pannwitz verbanden sich Isolations- und Überlegenheitsgefühl, in Verbindung mit einer (schon für Hofmannsthal) unerträglichen Arroganz. Unmögliches begehrte Pannwitz bis zuletzt. Seine großen Werkprojekte verfolgt er durch Jahrzehnte: so sein Versepos Die heiligen Gesänge der Hyperboräer, eine Hexameterdichtung, oder den megalomanen Versuch Der Dichter und die blaue Blume, der eine Kultursynthese ziehen und die aus der Summe deutschen Dichtens und Dichtens vergegenwärtigen wollte. All dies ist bis heute unveröffentlicht. Seit 1978 liegt der Nachlass, schon von Pannwitz selbst wohl geordnet, im „Pannwitz-Bunker“ des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, ein Bestand von etwa 310 Archivkästen (während ein durchschnittlicher Nachlass von prominenteren Zeitgenossen allenfalls ein Drittel umfasst).

Man wird Hofmannsthals Aussage aus seiner Münchener Rede Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation wohl auf Pannwitz beziehen können, der Hofmannsthal wie kein anderer faszinierte, ihm zugleich aber zum Ärgernis wurde: „Er wird viele kennen und vielen sich verstricken, wird erschüttern und verwirren […]: aber es wird keiner ihm begegnet sein, der nicht von dieser Begegnung in seinem inneren Leben Epoche datierte“. Hier zeigt sich ein letzter, entscheidender Bruch: Der großen Wirkung von Pannwitz’ Gedanken, oft nur brillanten Ideensplittern, entspricht nach seinem Tod ein weitgehendes Vergessen.

Einen gleichermaßen distanzierten und kongenialen Biographen hat Pannwitz bis zum heutigen Tag nicht gefunden. Für die Zwischenwelten der jüngeren Geistesgeschichte dürfte er noch zahlreiche Entdeckungen bereithalten, Vermächtnis eines exzentrischen Einzelnen, der aber vielleicht auch in der Sache noch das ein und andere zu sagen hat.

Werke (Auswahl): Die Krisis der europäischen Kultur. Nürnberg 1917. – Deutschland und Europa, Nürnberg 1918. – Faustus und Helena, Nürnberg 1920. – Orplid, München 1923. – Die deutsche Idee Europa, München-Feldafing 1931. – Kommunismus, Faschismus, Demokratie, Zürich 1961. – Wasser wird sich ballen, Stuttgart 1963. – Der Aufbau der Natur, Stuttgart 1961. – Das Werk des Menschen, Stuttgart 1968. – Eine Auswahl aus seinem Werk, hrsg. von Erwin Jaeckle, Wiesbaden 1983. – Undine. Ein nachgelassenes Versepos. Mit einem Essay zu Leben und Werk des Dichters herausgegeben von Gabriella Rovagnati, Nürnberg 1999. – Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Pannwitz, Briefwechsel 1907-1926, in Verbindung mit dem deutschen Literaturarchiv hrsg. von Gerhard Schuster. Mit einem Essay von Erwin Jaeckle, Frankfurt/ Main 1993.

Lit.: Allessandro Gamba, Monde disponible e mondo prodotto. Rudolf Pannwitz filosofo. Vita e Pensiero, Milano 2007. – Alfred Guth, Rudolf Pannwitz.Un européen, penseur et poète allemand en quête de totalité, Paris 1973. – Erwin Jäckle, Rudolf Pannwitz. Eine Darstellung seines Weltbildes, Hamburg 1937. – Gabriella Rovagnati (Hrsg.), „der geist ist der könig der elemente“. Der Dichter und Philosoph Rudolf Pannwitz, Overath 2006. – Udo Rukser, Über den Denker Rudolf Pannwitz, Meisenheim (Glan) 1970. – Marc-Oliver Schuster, Rudolf Pannwitz’ kulturphilosophische Verwendungen des Begriffes „postmodern“, in: Archiv für Begriffsgeschichte 47 (2005), S. 193 ff.

Bild: Schiller-Nationalmuseum und deutsches Literaturarchiv Marbach.

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