Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Perutz, Leo

Erzähler, Dramatiker

* 1882, 02.11.
Prag

† 1957, 25.08.
Bad Ischl

Zwischen den Weltkriegen zählte Leo Perutz zu den meistgelesenen Romanciers deutscher Sprache. Theodor W. Adorno, Egon Erwin Kisch oder Kurt Tucholsky traten für ihn ein. Heute ist der Leserkreis klein geworden, obwohl eine stattliche Anzahl seiner Romane auf dem Buchmarkt wieder vorliegt. Die Literaturwissenschaft führt ihn in der Sparte Exilliteratur und engt so die Bedeutung seines Werkes nolens volens ein. Nicht viel besser steht es um die Bestrebungen, seine Texte der „phantastischen Literatur“ einzuverleiben. Beim Gros der Literaturhistoriker hat er sich jedoch schlicht deshalb verdächtig gemacht, weil seine Romane spannend und unterhaltend sind. Eine sehr deutsche Einstellung. Aber Perutz hat auch selber nicht gerade werbewirksam für sein erzählerisches Werk gewirkt. Im Geiste von Karl Kraus hatte er eine tiefe Abneigung gegen die Schwadroneure des Feuilletons, erteilte keine autobiographischen Auskünfte und gab sein Leben lang kein einziges Interview. Ein Lebensumriss kann sich nur auf relativ spärliches Material stützen: Am wichtigsten seine Notizbücher, die (abgesehen von einigen Lücken) von 1909 bis 1957 vorliegen; etwa 850 an ihn gerichtete Briefe und entschieden weniger von ihm selbst sowie vereinzelte Erinnerungsstücke.

Über die Prager Kindheit und Jugend von Leo Perutz gibt es nur wenige direkte Zeugnisse. Einiges lässt sich dem „Epilog“ des RomansNachts unter der steinernen Brücke, der deutlich autobiographisch getönt ist, entnehmen:„Als ich fünfzehn Jahre alt und Schüler des Gymnasiums war – ein schlechter Schüler, der dauernd Nachhilfe benötigte –, sah ich die Prager Judenstadt, die diesen Namen freilich schon lange nicht mehr führte, sondern die ‚Josefstadt‘ genannt wurde, zum letztenmal.“ 1899 zog Benedikt Perutz mit seiner Familie nach Wien um und gründete hier 1914 die rasch aufblühende Textilhandelsfirma Benedikt Perutz, die nach seinem Tod 1926 bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich von seinen Söhnen Paul und Hans weitergeführt wurde. Der wirtschaftliche Aufstieg der Familie Perutz, der in nur einer Generation von der böhmischen Kleinstadt Rakonitz über Prag in die Metropole des Habsburgerreiches führte, war um 1900 charakteristisch für viele jüdische Familien, die neuen Aufstiegsmöglichkeiten des Kaiserreiches zu nutzen. Leo, das älteste der vier Perutz-Kinder, brachte derweil eine mäßige Schulkarriere hinter sich, angefangen von der Privat-Volksschule der Piaristen in Prag-Neustadt (1888-1893) über das K.u.K. deutsche Staatsgymnasium zu Prag-Neustadt (1893-1899) und das K.u.K. Staatsgymnasium in Krummau (1899-1901) bis zum K.u.K. Erzherzog Rainer-Real-Gymnasium in Wien, das er ohne Matura verließ. Hinreichend belegt ist erst wieder seine Militärdienstzeit, die aber mit einer vorzeitigen Entlassung endete. Am 7. Dezember 1904 wurde er als „invalid waffenunfähig, bürgerlich erwerbsfähig zu entlassen“ eingestuft. Dokumentiert ist danach erst wieder seine Inskription zum WS 1905/06 als außerordentlicher Hörer an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, wo er Lehrveranstaltungen zur Differential- und Integralrechnung, zur Versicherungsmathematik und Volkwirtschaftslehre belegte. Ein Jahr später ist er mit analogen Lehrveranstaltungen an der Technischen Universität als außerordentlicher Hörer eingetragen. Weitere berufsqualifizierende Ausbildungen sind bislang nicht bekannt. Von Oktober 1907 bis Juli 1908 arbeitete Perutz als Versicherungsmathematiker bei den Assicurazioni Generali in Triest. Von hier aus bewarb er sich um eine Anstellung in Wien, die er auch zum 1. Oktober 1908 erhielt. Bis zum Juli 1923 arbeitete er bei der Anker-Versicherung als Beamter in der mathematischen Abteilung mit Unterbrechung wegen seines Militärdienstes im Ersten Weltkrieg. Die Versicherungsmathematik interessierte ihn auch persönlich. Von 1909 bis 1911 publizierte er eine Reihe diesbezüglicher Abhandlungen. Die „Perutzsche Ausgleichsformel“ war noch in der Versicherungsmathematik der Zeit zwischen den Weltkriegen ein Begriff.

Die Anfänge des Literaten Perutz sind nicht eindeutig auszumachen. Persönlich kennen- und schätzenlernte er Karl Kraus, dessen Lesungen er regelmäßig besuchte, und Arthur Schnitzler, von dem er ein Widmungsexemplar der NovelleFräulein Else besaß. Auch mit Richard Beer-Hofmann pflegte er oftmaligen Umgang. In den Notizbüchern der Vorkriegszeit sind überdies die Schriftsteller Alfred Polgar und Ernst Weiß häufig genannt. Gesichert ist der Abschluss des ersten eigenen Romans Die dritte Kugel durch den Eintrag vom 11. April 1915. Er spielt in der Zeit der Eroberung Mexikos durch Cortez und darf durchaus als gelungener Start des Romanciers Perutz gelten. Noch während des Ersten Weltkriegs, in dem er lebensgefährlich verwundet und gegen Ende am 19. März 1918 in der Rossauer Kaserne in Wien mit Ida Weil kriegsgetraut wurde, vollendete er seinen nächsten Roman Zwischen neun und neun. Er wurde nach der Aussage von Egon Erwin Kisch zu einem der„größten Erfolge des deutschen Büchermarktes“ der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Bühnenfassung von Hans Sturm mit dem GattungstitelEine Tragikomödie in sieben Bildern (nach Leo Perutz’ gleichnamigem Roman) erlebte am 20.9.1925 in Hamburg ihre Uraufführung. Es blieb nicht die einzige Dramatisierung eines Perutz-Romans. Desgleichen kam es zu einer Reihe von Verfilmungen. So wurde der 1920 erschienene Roman Der Marques de Bolibar, der vom Untergang zweier Rheinbund-Regimenter im Guerilla-Krieg der Spanier gegen Napoleon im Jahre 1812 handelt, in den zwanziger Jahren gleich zweimal verfilmt. Bertolt Brechts wichtigste Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann plante eine Dramatisierung. Aus ungeklärten Gründen ließ sie diesen Plan fallen. Die Dramatisierung führte dann der Engländer Graham Rawson durch.

Einer der größten Erfolge von Perutz wurde der 1923 erschienene Roman Der Meister des Jüngsten Tages, von dem noch in den zwanziger Jahren englische, amerikanische, finnische, russische und tschechische Ausgaben erschienen. Der alte Prager und Wiener Schulfreund Richard A. Bermann, Journalist und Reiseschriftsteller, äußert sich in seiner Einführung auch über Perutz’ Darstellungsweise:„Jetzt fängt er an, ziemlich berühmt zu werden (…), seine Bücher erscheinen in zehnter Auflage, ja, selbst im Café Herrenhof lassen sie Leo Perutz schon gelten. (…) Andere Romanciers bevölkern erhabenere Sphären (…), aber soviel wie Leo Perutz fällt keinem ein, und diese blutvolle Leidenschaft des Erzählens hat kein anderer, der jetzt in deutscher Sprache schreibt. (…) Perutz geht, das ist wahr, immer von einem Einfall und selten von einem Erlebnis aus; den Einfall stellt er dann in ein reizvolles Milieu hinein, staffiert ihn mit einer Million kleinerer Einfälle aus.“ Im gleichen Jahr vollendete er den RomanTurlupin.

Überhaupt stellt 1923 eine Zäsur in Perutz’ Leben dar. Durch sein Ausscheiden als Beamter in der Anker-Versicherung entfiel das Monatsgehalt der Versicherungsgesellschaft. Es blieb die andere Einnahmequelle, die monatlichen Zinsen aus der väterlichen Firma. Zusammen mit den inzwischen beträchtlichen Einkünften aus seinen Büchern konnte er sich einen hohen Lebensstandard leisten, was auch die Wohnung in der Porzellangasse 37 im IX. Wiener Bezirk bezeugt. Dennoch enthalten die Notizbücher schon bald Klagen über finanzielle Probleme, die er durch rasche Auftragsarbeiten zu egalisieren sucht. Skripte zu Filmen etwa, die sehr gut honoriert wurden. Von drastischen Einschränkungen der Lebenshaltungen ist jedenfalls nichts bekannt, auch nicht der teils ausgedehnten Reisen, die er schon vor dem Ersten Weltkrieg unternahm: u.a. nach Skandinavien, in den Mittelmeerraum oder den Nahen Osten. In den zwanziger Jahren bevorzugte er mit seiner Familie – eine Tochter Michaela gehörte inzwischen dazu – die Bretagne. 1924 brach er zu einer größeren Nordafrika-Reise auf. In Wien selbst hatte sich mittlerweile ein großer Bekanntenkreis zusammengefunden, in dem sich – wie schon erwähnt – durchaus namhafte Autoren befanden. Am aufschlussreichsten sind natürlich die maßstabsetzenden Gestalten der Literaturgeschichte, Robert Musil beispielsweise, der sich sogar ins Stammbuch der Tochter Michaela unter dem 6.10.1920 mit der schillernden Aufforderung„Michaela, sei Carmen!“eingetragen hat. In den Tagebüchern 1919-1921 nennt er Perutz unter der Rubrik „Die journalistische Dichtung“. Dessen Romane sind für den Autor des JahrhundertromansDer Mann ohne Eigenschaften also bloße Unterhaltungsliteratur. Auch dem Mathematiker Perutz fühlt er sich klar überlegen. Anders verhält es sich mit dem von Perutz hochverehrten Arno Holz, der seinerseits dessen Romane sehr schätzt. Hochachtung hat Perutz, der selbst keine Gedichte geschrieben hat, vor Lyrikern. Vor allem Josef Weinheber ist er mehrmals behilflich.

Neben seinen größeren Prosawerken schreibt Perutz immer wieder Erzählungen. Eine Novellensammlung von 1930 trägt den merkwürdigen Titel Herr, erbarme dich meiner. Sie wird nicht annähernd so erfolgreich wie Perutz’ nun klar als Unterhaltungsroman konzipiertes Prosawerk Wohin rollst du, Äpfelchen …, das ihm die größte Popularität einbrachte. Der Entschluss zur leichteren Literatur dürfte auch mit den nun offenbar ernsthaften „Geldsorgen“ zu tun haben. „Meine Papiere fallen an der Börse. Ich habe große Ausgaben. Keine Einkünfte aus meinen Büchern“ heißt es unter dem 27.8.1924 im Notizbuch. Die wirtschaftlichen Turbulenzen der zwanziger Jahre haben auch Leo Perutz erreicht. Am 12. März 1928 wurde Sohn Felix, das dritte Kind der Familie, geboren. Tags darauf starb Perutz’ Frau an den Folgen einer Lungenentzündung. In der Folgezeit führte er privat ein turbulentes Leben, für die Haushaltsführung stellte er eine Hausdame ein. Am 16. Juni 1935 heiratete er seine zweite Frau, die 1904 geborene Grete Humburger. Nach dem Erfolg vonWohin rollst du, Äpfelchen … setzte eine schwierige Phase in seinem literarischen Schaffen ein. Er versuchte Vielerlei. Vermutlich auch aus finanziellen Überlegungen entschloss er sich, populäre Theaterstücke zu schreiben; so das SchauspielDie Reise nach Preßburg (Uraufführung am 4.12.1930 im Theater in der Josefstadt). Ein Publikumserfolg wurde es nicht. Weitere Stücke folgten. Doch ein Erfolg beim Publikum und der Presse hatte lediglich die KomödieMorgen ist Feiertag, die Perutz mit Hans Adler verfasst hatte (uraufgeführt am 12.4.1935).

Mit dem Einmarsch der deutschen Streitkräfte, der in der „Befreiungsfeier“ am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz kulminierte, änderte sich auch für Leo Perutz alles. Einzig die Emigration blieb als Überlebenschance. Nur ungern wählte er Palästina. Am 9. Juli 1938 verlässt er mit seiner Frau und den drei Kindern Wien in Richtung Venedig. Erst am 10. September kann die Familie Perutz zu Schiff Europa verlassen, um in eine ausgesprochene Problemregion auszuwandern: das britische Mandatsgebiet Palästina. Wie die meisten Einwanderer kam Perutz in eine ihm fremde Welt. Er lässt sich in Tel Aviv nieder, wird 1940 palästinensischer Staatsbürger und fühlt sich zunehmend isoliert. Ihm fehlen die Wiener Freunde, mit denen er seine literarischen Vorhaben besprechen konnte. Und so blieben die sieben Jahre im palästinensischen Exil ohne ein größeres Werk. Doch auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg endeten fast alle Versuche, in Österreich und Deutschland literarisch wieder heimisch zu werden, als Misserfolge. Eine persönliche Rückkehr nach Österreich verhinderten schon die finanziellen Umstände. Aber es drängte ihn nach Europa. Seit 1947 hatte er jeweils einige Sommermonate in Italien verbracht. 1950 durfte er nun zum ersten Mal nach Österreich einreisen. Er kam nun wieder regelmäßig. Am 25.10.1954 schrieb er diesbezüglich an das Ehepaar Lifczis: „Wien ist freilich nicht mehr, was es war (es fehlen auf Schritt und Tritt, besonders mir für das letztere, die Juden, das Salz jeder Stadt. Tel Aviv ist leider zu arg versalzen), aber Charme hat es noch immer, und Burg und Oper sind besser denn je.“ 1953 erschien endlich – nach mannigfachen Enttäuschungen mit Verlagen und etlichen konzeptionellen Hürden – der mit ausgezeichneten Kritiken bedachte Roman Nachts unter der steinernen Brücke. Dieser „Roman aus dem alten Prag“ zählt zu Perutz’ wichtigsten Werken.

Sein letztes Buch, Der Judas des Leonardo, dessen Erscheinen Perutz nicht mehr erlebt hat, vollendete er auf der Überfahrt nach Italien, Anfang Juli 1957. In St. Wolfgang, seinem Lieblingsaufenthalt neben Wien, erkrankte er schwer. Nach Auftreten eines akuten Lungenödems wurde er am 25. August ins Landes-Krankenhaus in Bad Ischl gebracht, wo er noch am gleichen Tag starb. Begraben ist er auf dem dortigen Friedhof.

Werke:Nachts unter der steinernen Brücke. Ein Roman aus dem alten Prag, Frankfurt/M. 1953. – Der Meister des jüngsten Tages. Roman, Wien 1989. – Turlupin. Roman, Wien/Hamburg 1984. – Der Judas des Leonardo. Roman, Hrsg. von H.-H. Müller, Wien 1994. – Die dritte Kugel. Roman, Hrsg. von H.-H. Müller, Wien 1994. – Herr erbarme dich meiner, Wien/Hamburg 1985. – Zwischen neun und neun, Wien 1993.

Lit.: Leo Perutz.Eine Bibliographie, Hrsg. von H.-H. Müller u. W. Schernus, Frankfurt/M. 1990. – Leo Perutz. 1882-1957. Ausstellungskatalog der Deutschen Bibliothek Frankfurt/M., Wien/Darmstadt 1989.

Walter Dimter 

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.