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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Plüddemann, Martin

Komponist

* 1854, 29.09.
Kolberg/Pommern

† 1897, 08.10.
Berlin

Als Sohn des Konsuls und Schiffsreeders Friedrich Plüddemann geboren, wuchs Martin Plüddemann in einem kultivierten, den Künsten zugewandten Elternhaus auf. Sein Vater betätigte sich auch als Landschaftsmaler, Mutter Agnes geb. Grunow hatte eine schöne Stimme und war in Konzerten aufgetreten. Die Tante Elfriede Plüddemann war Pianistin und veranstaltete häufig Kammermusikabende. Martin Plüddemann sollte als Balladenkomponist bekannt werden. Die Ballade ist sozusagen über zwei Glieder der Familie an ihn herangetragen worden: Im Hause der Großmutter verkehrte der berühmte Balladenkomponist Carl Loewe, und Onkel Hermann Plüddemann, der als Historienmaler und Vertreter der Düsseldorfer Malerschule bekannt geworden ist, hatte das von Georg Wigand herausgegebene Deutsche Balladenbuch illustriert.

Trotzdem hatte Martin Plüddemann zunächst darum zu kämpfen, den Beruf eines Musikers ergreifen zu dürfen. Doch wurden seine Kompositionen von den Berliner Komponisten August Eduard Grell und Gustav Reichardt, jener auch Kompositions- und dieser auch Gesanglehrer, günstig beurteilt, und so ließen die Eltern den 17jährigen vom Kolberger Gymnasium abgehen, damit er am Leipziger Konservatorium studieren konnte, wo er Schüler von Carl Reinecke und dem Thomaskantor Ernst Friedrich Richter wurde. Früh fand er seine Vorbilder: Robert Franz, Carl Loewe und Richard Wagner. Plüddemann wurde ”Wagnerianer” und lernte den Meister 1875 in Berlin persönlich kennen. 1875 und 1876 konnte er in Bayreuth Proben und Aufführungen des Ring beiwohnen. Er verfaßte einen Aufsatz Die Bühnenfeste in Bayreuth, ihre Gegner und ihreZukunft, der von Cosima und Richard Wagner gelobt wurde. 1876/77 leistete er in seiner Heimatstadt den Einjährig-freiwilligen Militärdienst ab. 1878 hielt er sich eine Woche in Bayreuth auf, wo er in näheren Umgang mit Richard Wagner kam.

Plüddemann begann mit Gesangstudien in Stettin, dann war er kurz als Kapellmeister am Stadttheater St. Gallen tätig. 1879 widmete er sich wieder dem Gesang, jetzt bei Julius Hey in München, doch mußte er den Plan, Sänger zu werden, aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Er war in Kolberg als Gesanglehrer tätig und begann sich mehr dem Komponieren zuzuwenden. Auf einer Italienreise 1880 traf er wieder auf Wagner. Zu dessen Geburtstag am 22. Mai führten Plüddemann und Engelbert Humperdinck mit Josef Rubinstein am Klavier die Liebesmahlszene aus dem Parsifal auf. Wagner hatte dies einstudiert und auch die Kinder des Hauses mit einbezogen. 1883 ging Plüddemann nach München, wo er Musikberichterstatter bei der Süddeutschen Presse war.

In der Münchner Zeit erschienen seine ersten Balladen, für welche sich der bekannte Wagner-Sänger Eugen Gura einsetzte. Es folgten mehrere Stationen, so 1885 Landsberg/Warthe, 1886 Berlin, und 1887 Ratibor/OS, wo er als Dirigent der ”Singakademie” seine Gedächtnisfeier für Richard Wagner (Felix Dahn) aufführte. Nach Aufenthalten in der Schweiz, Wien und Kolberg kam er 1889 nach Graz, wo er zunächst an der ”Schule des Steiermärkischen Musikvereins” unterrichtete, später als privater Gesanglehrer. 1891 erschien sein zweiter Balladen-Band. Er gründete mit seinen Schülern eine ”Balladenschule”, wie schon 1886 in Berlin, der jedoch wenig Erfolg beschieden war, auch mußte er seinen Plan für eine Balladen-Zeitschrift aufgeben. Der Tätigkeit als Musikberichterstatter ging er, als er 1894 nach Berlin zog, auch dort nach, als Mitarbeiter bei der Deutschen Zeitung und der Lyra. Zwar setzten sich einige bekanntere Sänger für sein Schaffen ein, doch fand er letztlich nur geringe Anerkennung. Dieser Umstand verschlimmerte die nervösen Zustände, an denen er litt. Seine Kräfte waren den Schwierigkeiten des Lebens nicht gewachsen. Plüddemann verstarb unverheiratet mit 43 Jahren, als einer jener jungverstorbenen nordostdeutschen Komponisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die wie Hermann Goetz, Adolf Jensen und Carl von Radecki alle auch in den Alpenländern gewirkt hatten.

Plüddemann war ausschließlich Vokalkomponist: der bedeutsamste Teil seines Schaffens ist in den acht Bänden seiner Balladen und Gesänge zu finden. Höhepunkte sind die großen Balladen ”Des Sängers Fluch und Graf Eberhards Weißdorn” (Uhland), ”Der Taucher” (Schiller) und ”Der wilde Jäger” (Bürger). Die Vokal-Ballade wurde zu einer Domäne von Komponisten nordostdeutscher Herkunft. Neben Loewe und Plüddemann sind nachfolgend vor allem Gerhart von Keußler, Emil Mattiesen, Alexander Maria Schnabel und Gerhart von Westerman zu nennen. Wie W. Schwarz schreibt, ”bewährt sich in der Kunst von Plüddemanns orchesterhaft erscheinender Klavierbegleitung die in allen seinen Balladen angewandte Charakterisierung durch Hauptmotive und ihre Verarbeitung, wie er sie durch Richard Wagners Musikdramen kennengelernt hatte, ganz besonders. Dazu gibt er dem Sänger immer dankbare stimmliche und gestalterische Aufgaben, getreu dem Motto ‘Von einem Sänger für Sänger’, das er einmal über seine Balladen gesetzt hat”. Selbst hat sich Plüddemann mehrfach zur Ballade geäußert: ”Schon als Dichtung ist die Ballade scharf abgesondert vom Liede und allen Dichtarten. Erzählung eines Vorgangs überwiegt über den bloßen Gefühlsgehalt… Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß von Haus aus der epische Stoff für die Musik der bei weitem sprödere ist. Der unmittelbare Gefühlsgenuß der Lyrik, auch die wirkliche Handlung im Drama löst sich leicht und zwanglos in Musik auf. Nicht so das bloß geschilderte Gefühl”. Die Ballade ist ein ”Drama im Kleinen”, und sie ”bleibt trotz ihrer inneren Verwandtschaft mit dem musikalischen Drama doch nur Bleistiftskizze. Das musikalische Drama allein ist das in voller, blühender Farbenpracht ausgeführte Ölgemälde” (zit. bei Schwarz, Lebensbilder).

Plüddemann hat sich mit solchen Skizzen begnügt, die jedoch den herausragendsten Balladen Loewes ebenbürtig sind. Diese aber gehören auch heute noch zu den beliebten Musikstücken mit guter Verbreitung, ungeachtet der Einschätzung Hans-Joachim Mosers: ”Im 20. Jahrhundert nimmt die Balladengattung dann rasch an Seltenheit zu, denn es fehlt dem heutigen Hörer an der naiven Gutwilligkeit, sich von der Schlußpointe immer wieder ‘überraschen’ zu lassen”. Möge sich der Hörer die naive Gutwilligkeit auch für die Plüddemannschen Balladen nicht nehmen lassen!

Werke: Balladen und Gesänge in 8 Bänden (48 Stücke), Nürnberg 1891-99. – Lieder und Gesänge (8 Stücke) 1893. – 6 Lieder für Männerchor (Eichendorff), Nürnberg o. J. – Altdeutsche Liebeslieder für Männerchor Berlin 1879. – Gedächtnisfeier für Richard Wagner f. gemischten Chor und Klavier (Motive aus Wagners Ring), München o. J.

Schriften: Die Bühnenfestspiele in Bayreuth, Leipzig 1876. – Aus der Zeit – für die Zeit (Aphorismen), 1880. – Eine Geburtstagsfeier bei Richard Wagner in Neapel (1880), in: Richard-Wagner-Jahrbuch 1886 Bd. 1 S. 89 ff. – Karl Loewe in ”Bayreuther Blätter”, 1892.

Lit.: MGG. – Riemann Musik-Lexikon. – The New Grove. – R. Ratka: M. P. und seine Balladen, Prag 1896. – R. Bilke: M. P., in: Die Musik Bd. 25 (1907-08) S. 89. – H. Engel: M. P. in: Pommersche Lebensbilder (1934) S. 395. – L. Schemann: M. P. und die deutsche Ballade, Regensburg 1939. – Ekkehard Mai: Hermann F. Plüddemann – Historienmaler und Illustrator. Ein zu Unrecht vergessener Künstler der Düsseldorfer Malerschule aus Kolberg, in: Pommern Kunst-Geschichte und Volkstum, Jg. XXVII Heft 1, Lübeck-Travemünde 1989, S. 8. – W. Schwarz: Die Musikgeschichte Pommerns. In: W. Schwarz, F. Kessler, H. Scheunchen: Musikgeschichte Pommerns, Westpreußens, Ostpreußens und der baltischen Lande, Dülmen 1990 S. 48. – W. Schwarz: Pommersche Musikgeschichte. Teil II: Lebensbilder von Musikern in und aus Pommern, S. 195-204, 26. M. P., Köln usw. 1994. – H. J. Moser: Die Ballade, Einleitung, Wolfenbüttel o. J.

Bild: W. Schwarz: Pommersche Musikgeschichte 1994, s.a.O.

 

Helmut Scheunchen

 

 

 

 

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