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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Podlipny-Hehn, Annemarie

Schriftstellerin

* 1938, 20.02.
Lowrin/Banat


Schon vor dem politischen Umbruch in Rumänien warAnnemarie Podlipny-Hehn eine bekannte Publizistin besonders im Bereich der Kunstkritik. Sie veröffentlichte Grundlegendes über die banatschwäbischen Maler und bildenden Künstler Stefan Jäger, Franz Ferch, Julius Podlipny, Hildegard Kremper-Fackner, Oskar Szuhanek.

Dabei kam ihr zugute, dass sie auch selber malte – sie hatte Einzelausstellungen und beteiligte sich an Gruppenausstellungen in ihrer Heimatstadt Temeswar und in Bukarest – und dass sie ihr Maltalent seit 1964 an der Kunstabteilung des Banater Museums in Temeswar zur Geltung bringen konnte.

Ihre große und zugleich schwerste Stunde sollte indessen nach dem Massenexodus der Rumäniendeutschen kommen, der dem Sturz Ceausescus 1989 folgte: Mit den Spätausgesiedelten waren auch die meisten deutschsprachigen Autoren mitgezogen, so dass die ehemals viel beachtete fünfte deutsche Literatur zu verwaisen drohte. Annemarie Podlipny-Hehn ist gewissermaßen die Rettung des deutschsprachigen literarischen Nachwuchses des Banats, vielleicht sogar ganz Rumäniens zu verdanken.

Ebenso wie die deutschsprachigen Gymnasiumsabteilungen in Bukarest, Temeswar, Arad, Sathmar/Satu Mare, Klausenburg/ Cluj-Napoca, Bistritz/Bistrita, Hermannstadt/Sibiu, Mediasch/ Medias, Schäßburg/Sighisoara und Kronstadt/Brasov weitergeführt werden konnten, da manchmal bis zu 90 % muttersprachliche Rumänen oder Ungarn dies Angebot einer kompletten deutschsprachigen Gymnasialausbildung nutzten, musste es doch möglich sein, auch die Tradition des deutschsprachigen Literaturkreises des Banats, der früher nach dem bekannten Banater und Wiener Autor Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis hieß, nicht untergehen zu lassen. Annemarie Podlipny-Hehn wurde so 1992 eine der Hauptmitbegründerinnen des Temeswarer Literaturkreises mit dem symbolträchtigen Namen Die Stafette.

Hier vereinte sie, die drei Jahre lang als Deutschlehrerin tätig gewesen und auch als Autorin von Essays hervorgetreten war, ihre diesbezüglichen Erfahrungen mit ihrer einmaligen Einfühlsamkeit für das literarische Schaffen von Schülern und Studenten, hauptsächlich Autoren aus dem Reservoir der deutschsprachigen Abteilung des Nikolaus-Lenau-Gymnasiums und der Germanistikabteilung der West-Universität/Universitatea de Vest aus Temeswar.

Ihr Wirken spiegelt sich wieder in den von ihr herausgegebenen zwölf Anthologien des Stafette-Kreises. Dort begegnet man jungen und jüngsten Autoren mit ihren ersten Schritten auf literarischem Gefilde ebenso wie den gestandenen Autoren Erika Scharf, Hans Kehrer, Ignaz Bernhard Fischer oder Edith Guip-Cobilanschi. Literarische Rezensionen finden sich neben Berichten von den Auslandsreisen dieser sehr rührigen literarischen Vereinigung. Diese führten nach Ungarn, wo man einen regen Austausch mit den ungarndeutschen Autoren in Budapest und Fünfkirchen/Pecs pflegte, und in die Bundesrepublik Deutschland, wo man wiederholt in Baden-Württemberg, unter anderem im Donauschwäbischen Museum in Ulm, aber auch in Berlin las. In Sachsen nahm man Kontakt zur sorbischen Minderheit auf.

Als Herausgeberin der Debütbände ihrer Schützlinge war Annemarie Podlipny-Hehn besonders erfolgreich. Der Band der Schwestern Lorette und Henrike Bradicescu-PersemAugenblickeerhielt 2001 den Debütpreis der Filiale Temeswar des rumänischen Schriftstellerverbandes, nachdem der Band von Lucian Varsandan Als das Wort zu Ende warden Debütpreis des Schriftstellerverbandes im Jahr zuvor erhalten hatte. Im Jahre 2002 erhielt Petra Curescu für ihren Lyrik- und Prosaband Regenbogen der Nacht den DebütpreisNikolaus Berwanger und wurde bei dessen Verleihung von dem bekannten Literaturkritiker Prof. Dr. Cornel Ungureanu gewürdigt.

Aus der vom Wegbrechen eines Großteils der Gemeinde der Rumäniendeutschen verursachten, trostlos erscheinenden Situation heraus ist es hauptsächlich dank Annemarie Podlipny-Hehns rastlosem Mühen gelungen, eine neue deutschsprachige Literaturszene in Temeswar zu etablieren, einer Stadt, die man in den Zeiten der k.u.k. Monarchie wegen ihrer kulturellen Vielfalt und RegsamkeitKlein Wien genannt hatte.

Zur neuen Literaturszene gehören auch der bekannte Journalist und Kritiker Michael Fernbach, die Literaturhistorikerin Eleonore Pascu vom Germanistiklehrstuhl der Temeswarer West-Universität, der katholische Theologe und Humorist Ignaz Bernhard-Fischer, die Historikerin Else von Schuster, die deutsch schreibende Journalistin und Kritikerin Stefana Oana Neamtiu und einige mehr, so dass durchaus Grund zu der vorsichtigen Hoffnung gegeben ist, dass die rumäniendeutsche Literatur mit einem ernstzunehmenden Nachwuchs in das dritte Jahrtausend startet.

Von allen ihren zahlreichen Tätigkeiten als Vorsitzende des Arbeitskreises Banat des Kulturverbandes der Deutschen aus dem Banat, als Vorstandsmitglied der Temeswarer Filiale des Schriftstellerverbandes, als Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Temeswar sowie als Kulturreferentin im Weltdachverband der Donauschwaben (aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, aus Übersee in Kanada, USA und Brasilien) bleibt doch das unentwegte Engagement für den LiteraturkreisStafette wohl das bleibendste Verdienst von Annemarie Podlipny-Hehn, zumal sie es versteht, alle ihre sonstigen Ämter und Würden in den Dienst ihrer Schützlinge zu stellen, die auch zu ihren Gefährten und Partnern geworden sind.

Von Annemarie Podlipny-Hehns letzten drei Büchern umfasst Werte aller Zeiten, erschienen 1998 im Kriterion Verlag Bukarest, kunstgeschichtliche Studien und literaturkritische Beiträge, welche die große Spannweite ihres Interesses an bildender Kunst von West nach Ost und vom Mittelalter bis zur Moderne zeigt, wobei sie ihre Landsleute – schwäbische wie rumänische Maler – nicht aus den Augen verliert.

Die von ihr verfasste Monographie über die rumänische Königin und Dichterin Carmen Sylva (Elisabeth Paulina Othilia Luise zu Wied), 2001 im Temeswarer Solness Verlag erschienen, würdigt die Bemühungen dieser sensiblen und hochgebildeten Frau, rumänische Literatur ins Deutsche zu übersetzen und sie somit auch in Westeuropa bekannt zu machen. Besonders die Übersetzung der Perle der rumänischen VolksdichtungMiorita (Das Lämmchen Miorita), die in extenso zitiert wird, ist beachtlich und gehört zu den ersten Versuchen, diese atmosphärisch so dichte und spezifisch rumänische Ballade zu übertragen. Auch eine andere Volksballade, die vom Meister Manole, versuchte sie zu popularisieren, indem sie sie dramatisierte.

Die guten Beziehungen von Carmen Sylva zu dem großen rumänischen Dichter Vasile Alecsandri und Rumäniens größtem Musiker (Pianisten) und Tondichter George Enescu werden von Annemarie Podlipny-Hehn hervorgehoben. Allerdings vermisst man hier doch eine Erörterung der sehr kritischen Haltung, die der größte rumänische Dramatiker, Ion Luca Caragiale, gegenüber dem ausländischen Königshaus einnahm. Carol I. (von Hohenzollern-Sigmaringen) war nach der erzwungenen Abdankung des rumänischen Fürsten Alexander Ion Cuza (1866) ins Land gekommen, ein Herrscher, der viele liberale Reformen einleitete und viel soziales Engagement bewies, weshalb ihn auch die konservativ, zum Teil noch feudal gesinnten rumänischen Großgrundbesitzer, die Bojaren, schließlich vertreiben sollten.

Die kritische Haltung von Caragiale teilten viele andere rumänische Dichter und Intellektuelle wie etwa Alexandru Vlahuta. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg auch wurde sie auch von Zaharia Stancu vertreten, der in den sechziger Jahren den rumänischen Schriftstellerverband als Vorsitzender leitete; in seinem Roman „Barfuß“ schilderte er das feudale Elend der rumänischen Bauern, das 1907 zu einem großen Aufstand führte, der in Blut erstickt und damit zum Trauma vieler Autoren wurde. Liviu Rebreanu, der vielleicht größte rumänische Epiker im 20. Jahrhundert, widmete ihm sogar einen umfangreichen Roman Der Aufstand.

Annemarie Podlipny-Hehn nimmt indessen auf diese bis heute nicht vergessene Tragödie keinen Bezug, was deshalb so bedauerlich ist, weil sie in ihrem Buch über Oscar Walter Cisek Eine tragende Melodie der sichtbaren Wirklichkeit (1999 im Solness Verlag Temeswar auch mit der Unterstützung des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland erschienen) sich durchaus als bewandert in der rumänischen Bauernfrage zu erkennen gibt.

Nachdem sie Oscar Walter Ciseks Prosa vor dem Zweiten Weltkrieg analysiert (wie die MeistererzählungDie Tatarin, wofür er in die Auslese der Autoren für den Kleist-Preis 1929 rückte) und die beiden großen SiedlungsromaneDer Strom ohne Ende und Vor den Toren präsentiert, muss sie bei den Werken der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einen schwierigen Spagat meistern. Cisek, der im Außenministerium bis 1948 – bis zur erzwungenen Abdankung des Königs – gearbeitet hatte, fiel unter den Kommunisten zunächst in Ungnade und geriet von 1952 bis 1956 in Haft – nach einer Privatfeier von Goethes Geburtstag, die wie so viele andere Intellektuellentreffen jener Zeit als Verschwörung eingestuft wurde.

Nach seiner Entlassung begab sich Cisek auf literarisches Neuland. In dem groß angelegten epischen Werk Reisigfeuer versuchte er, den Bauernaufstand der siebenbürgischen Rumänen von 1784 in zwei Bänden (nach den Bauernführern „Crisan“ und „Horia“ betitelt) zu schildern, wobei diesmal nicht die Natur und ihre erdverbundenen Bewohner im Mittelpunkt stehen, sondern die sozial unterdrückte Masse der Leibeigenen, die an einen guten Kaiser – es ist der Reformkaiser Josef II., der Sohn von Maria Theresia – glauben.

Cisek macht „natürlich“ einige Konzessionen gegenüber dem Dogma des Sozialistischen Realismus, aber sein großes Talent lässt viel Zeitkolorit an Sitten, Bräuchen und auch Sprache ins Geschehen einfließen, wie Annemarie Podlipny-Hehn zum großen Teil anschaulich herausarbeitet.

Hier hätte man sich allerdings einen Hinweis auf die durchaus tragische Beziehung der Rumänen zu Österreich-Ungarn gewünscht: 1784 ließ der Kaiser Josef II. die rumänischen Bauern nicht nur im Stich, sondern, nachdem der Aufstand brutal niedergeworfen worden war, auch ihre Anführer aufs Rad flechten. 1848, als die Rumänen sich in der bürgerlich-demokratischen Revolution auf ihrer großen Volksversammlung in Blasendorf/Blaj gegen eine Trennung von Österreich und Ungarn aussprachen, honorierten die Habsburger dies nicht. Als 1867 nach der Niederlage Habsburgs im Deutschen Krieg von 1866 die k.u.k. Monarchie gegründet wurde, richtete sich der ganze Zorn der von Budapest mit der Magyarisierungspolitk drangsalierten Völkerschaften – Rumänen, Slowaken, Kroaten und andere – nun auf einmal gegen Wien, das seinerseits für die damalige Zeit in seiner österreichischen Hälfte ein beachtliches Rechtsstaatsniveau erreicht hatte und seine Völkerschaften – Tschechen, Polen, Slowenen und andere – viel liberaler behandelte als Budapest. Als im Ersten Weltkrieg 1916 Rumänien auf Seiten Frankreichs und Englands gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn kämpfte, gerieten die Siebenbürger Rumänen in die verzweifelte Lage, gegen ihre Brüder im Königreich Rumänien kämpfen zu müssen. Ein Konflikt, den der schon erwähnte Liviu Rebreanu in der eigenen Familie erlebte. Sein Bruder Emil wollte aus der k.u.k. Armee zu den Rumänen desertieren, wurde gefasst und aufgehängt. Dies verarbeitete Rebreanu dann in seinem RomanDer Wald der Gehenkten.

Diese Wunden aus der Vergangenheit im zukünftigen Europa endlich vernarben zu lassen, dazu hilft auch die Beschäftigung mit CiseksReisigfeuer, und es ist Annemarie Podlipny-Hehn zu danken, mit ihrem Essay wieder darauf hinzuweisen.

1993 wurde sie mit dem Ehrendiplom der Temeswarer Filiale des Schriftstellerverbandes und der ZeitschriftOrizont ausgezeichnet und 1997 mit dem Sonderpreis des Temeswarer Schriftstellerverbandes. Inzwischen hat sie erneut Auszeichnungswürdiges vorgelegt.

Bild:Privatarchiv des Autors.

 

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