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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Pohl, Gerhart

Schriftsteller

* 1902, 09.07.
Trachenberg/Schlesien

† 1966, 15.08.
Berlin

Es scheint unser Zeitalter zu kennzeichnen, daß schöpferische Persönlichkeiten aus dem Bewußtsein der Allgemeinheit verschwinden können, was auch im Falle des Schriftstellers Gerhart Pohl zutrifft, von dem einmal gesagt wurde, daß er unter den zehn oder zwölf namhaften schlesischen Autoren der Gegenwart „eine Sonderstellung“ einnehme: „An ethischer Energie und geistespolitischer Aktualität vielen überlegen, an Können und Schriftstellergabe den besten gleich.“ Das konstatierte man 1957. Am 15. August 1966 ist Pohl, vierundsechzigjährig, in Berlin verstorben. Mit diesem frühen Tod verlor die schlesische Dichtung im 20. Jahrhundert einen ihrer bedeutendsten Vertreter. Pohl ist nicht nur in die Literaturgeschichte, sondern vor allem als Chronist von Hauptmanns letzten Tagen in die Zeitgeschichte eingegangen.

Gerhart Pohl wurde als Sohn eines Sägewerkers am 9. Juli 1902 im niederschlesischen Trachenberg geboren – „im Bruchland der Bartsch, die längs der Nordostgrenze Schlesiens durch endlose Wälder, Wiesen, Felder still der Oder entgegenrinnt.“ Es ist das „Neiderland eiber dar Auder“ (Das Niederland über der Oder), wo der breite Dialekt mit den Umlauten zu Hause war. „Das Land ist von ergreifender Schönheit, gekennzeichnet durch die drei großen „W“: Wald – Wiese – Wasser. Wo diese nahtlos ineinandergewoben sind, wie südostwärts Trachenberg, bei Sulau und Militsch, sind Traumlandschaften entstanden … Dort standen die gewaltigsten Eichen, urigsten Kiefern, von fast undurchdringlichem Unterholz umschlossen und eingetaucht in ein grüngraues Märchenlicht.“ Im Niederland lagen die Schlösser der Hohenzollern in Öls, der Könige von Sachsen in Sibyllenort, der Herzöge von Württemberg im oberschlesischen Carlsruhe. Pohl weist nicht ohne Stolz darauf hin, daß die mütterliche Familie ganz früh durch die „Poeterey“ bezeichnet ist: Sie hat nämlich den großen Martin Opitz hervorgebracht und einen der „Serapionsbrüder“, den weiland vielgelesenen Erzähler Carl Weisflog, der 1770 in Sagan geboren und 1828 in Bad Warmbrunn gestorben ist.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau, wo er die Bekanntschaft mit Werner Milch (1903–1950), dem späteren Literarhistoriker machte, studierte der literarisch begabte Gerhart Pohl an der Universität der Heimatprovinz und in München; der frühe Tod des Vaters zwang ihn freilich zur Übernahme eines Lektorats und bald auch zur Leitung der Zeitschrift „Die Neue Bücherschau“ in Berlin, die 1929 ihr Erscheinen einstellen mußte. Die Aufgabe des Organs umriß der Kritiker Pohl in der Auseinandersetzung mit Johannes R. Becher und Egon Erwin Kisch (die sich um einen Beitrag Max Herrmann-Neißes zur Prosa Gottfried Benns entzündete) wie folgt: „Wir sagen: Ein Schriftsteller muß den Kampf dort führen, wo er seine Kräfte entfalten kann: In der Unabhängigkeit.“ Es war eine klare Absage an jegliche parteidogmatische Programme. Die Beiträge aus jener Zeit legte Pohl im Buch „Vormarsch ins XX. Jahrhundert“, Zerfall und Neubau der europäischen Gesellschaft im Spiegel der Literatur (Leipzig 1932) vor. Diesem Credo ist auch später der Schriftsteller Pohl treu geblieben undsetzte dem Schreibverbot, mit dem ihn die Nazis 1935 belegten (das erst 1939 durch Intervention von Gerhart Hauptmann aufgehoben wurde), seine Position entgegen: „… sich in schöpferischer Phantasie zur nackten Kraft der Wahrheit, zur Eigengesetzlichkeit der Kunst gegenüber allen Zwecken politischer, pädagogischer oder religiöser Art gegenüber der offenbarten Wahrheit“ zu bekennen. „Das Wort zu bannen und so die längst verblichene Gestalt zum Leben zu erwecken …“

Nach Reisen, die Pohl von „Kowno bis Vigo und von Gotland bis Suez“ führten, ließ er sich im heimatlichen Riesengebirge nieder, in Wolfshau bei Krummhübel, wo ein kleines Holzhaus, „Waldwinkel“, sein Lebens- und Arbeitsrefugium wurde. Es war der Augenblick, als Gerhart Pohl Impulse zur Erzählung „Der Ruf“ empfing, „Die Geschichte“ des August Exner, wo es bekenntnishaft heißt: „Bleib ock hübsch zu Hause! Die Welt ist so voll Niedertracht.“ Weil es einmal an der Zeit wird, wie es dann später weiter heißt, „den Sinn des eignen Daseins zu erfüllen. Der Firlefanz liegt hinter mir …“

Über die Pforte des kleinen Hauses nahe dem Melzergrund am Aufstieg zur Schneekoppe standen die lateinischen Worte des antiken Dichterkollegen Horaz: „Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet.A.D. 1912.“(Zu deutsch: „Jener Winkel der Erde lacht mir vor allem.“) Hier sind jene Erzählungen entstanden, die dann als „Schlesische Geschichten“ (Breslau 1942) erschienen und später aufgenommen wurden in den Band „Engelsmasken“ (Berlin 1953): Dramatisch zugespitzte Schilderungen aus der Welt der einfachen Leute, die mit ihren Schicksalen in der schlesischen Erde verwurzelt sind. Dem Kutscher seines Vaters ist in „Schuld der Pferde“ ein Denkmal gesetzt worden – diesem Philosophen auf seinem Siedekasten, der einmal zu dem Kinde in Trachenberg sagte: „Krall’ dich an die Heimat fest!“ Ahnte er schon das Bodenlose unserer aller Lage, das es mutvoll zu überwinden gilt?

Zweifellos tragen Pohls Romane autobiographischen Charakter, wie z.B. „Die Brüder Wagemann“. In diesem Roman, der in Schlesien inder Zeit des Ersten Weltkrieges und kurz danach angesiedelt ist, reflektiert Pohl Erlebnisse aus der Zeit der bündischen Jugend und der Wandervogelbewegung, der er selbst angehörte. Und sein erfolgreichstes Buch, „Der verrückte Ferdinand“, ein Buch von „Schlesiens ältestem Holzgeschäft“, erzählt von der Gründerzeit in Schlesien, wie sich der Bauernbursche Ferdinand zum Holzgroßhändler, zum „heimlichen Kaiser“ emporarbeitet! Immer wieder fasziniert die Sprachkunst Pohls, besonders in der Erzählung „Die Blockflöte“ (1944), an der Gerhart Hauptmann „die weltweite Schau“ rühmte.

SeinemRiesengebirgshaus hat Pohl in dem großen Roman „Fluchtburg“ (1955, Ostdeutscher Literaturpreis 1956) ein Denkmal gesetzt und ist damit in die Literaturgeschichte eingegangen. Dem Schriftsteller ist mit diesem Werk ein kraftvolles, farbensattes Bild vom Zeitalter der „entfesselten Dämonen“ gelungen, das ja weder 1933 noch 1945 begonnen hat, vielmehr eine schwere seelische Erkrankung des Menschen darstellt. Mittelpunkt des gestaltenreichen Romans ist Pohls „Waldwinkel“, das im magischen Schatten der Gnade liegt. Sein Besitzer erlebt mit wachsender Reife die Abkehr von der Welt der Lüge und Phrasen. Die „Fluchtburg“ wird zu einem Hort der Rettung und Bewahrung für viele Verfolgte und Bedrängte; von hier gelangen sie über die nahe Grenze ins Böhmische …, „in die Fremde, die Freiheit war und eine andere Not zugleich … So sind sie ohne Mühsal in die Tschechoslowakei gelangt – Politiker, Journalisten, Künstler, Gelehrte, Priester, auch Bürger aus dem Judentum.“ Für dieses nicht ungefährliche Engagement ist Pohl auch in Israel geehrt worden, indem man in den Wäldern des jüdischen Nationalfonds zehn Bäume zu seinem ehrenden Angedenken pflanzte: „Mögen sie wachsen, grünen und blühen und der nächsten Generation vom Schriftsteller, Schlesier und Menschen Gerhart Pohl erzählen.“ In der „Fluchtburg“ hat Pohl auch Gerhart Hauptmann ein Denkmal gesetzt – als „Merlin“. Schließlich sind die Fäden zum „Kreisauer Kreis“ hier kaum sichtbar angesponnen worden – ohne daß die „Fluchtburg“ nach den Ereignissen des 20. Juli 1944 in das Räderwerk der Verfolgung und „Abrechnung“ des Regimes geriet. Auch ein Jochen Klepper ist in Pohls „Waldwinkel“ häufig gewesen, wie seine „Tagebücher“ berichten.

Gerhart Pohl bekannte einmal, für ihn sei Gerhart Hauptmann das Erlebnis seines Lebens gewesen. Früh trat Schlesiens größter Dichter schon ins Bewußtsein des jungen Gymnasiasten: Als er in Breslau von der Absetzung des Hauptmannschen „Festspiels“ 1913 in der Jahrhunderthalle hörte, das um das Stück entfachte „Holdrio und Hussassa“, wuchs ihm der Eindruck zu, „dieser Hauptmann sei ein Räuberhauptmann aus den Abruzzen, der in friedliche Bürgerhürden breche.“ Als Siebzehnjähriger las Pohl den „Ketzer von Soana“ – Hauptmanns episches Meisterwerk, mit dem die Machthaber nach 1933 jenseits „der Grenzen für unsterbliche deutsche Werte“ warben (Walter Heynen). Das Leseerlebnis war für Pohl „von so großartiger Wucht“, daß die persönliche Ergriffenheit das weitere Verhältnis zum größten Dichter des Landes bestimmte: „Noch in Irrung und Fragment ist mein literarisches Urteil mählich verstummt. Wer kritisierte wohl Naturgewalten? Als Schriftsteller habe ich ihm vor anderem den Impuls zu danken – die Formel: Kraft und Ernst, die der Vierziger im Angesicht des Parthenon gefunden hat. Und die Förderung, die er meiner Arbeit angedeihen ließ.“ Als Mensch sei er vom tiefen Glück der Begegnungen erfüllt, wenn er den Dichter auf dem „Wiesenstein“ in Agnetendorf besuchte. Pohl hat in seinem Roman „Fluchtburg“ einen Eindruck von solchen „Sternstunden“ zu geben versucht.

In Pohls Essaysammlung „Südöstliche Melodie“ (1963) nahmen die Texte von Hauptmann einen bedeutenden Raum ein. In der Rede zum 90. Geburtstag des Dichters (1952) spricht Pohl vom größten Dichter Schlesiens als dem „Sinnbild des deutschen Schicksals“, wie er sich mit einemmal begriff – „nicht mehr durch ein Werk, nein – durch die fortzeugende Tat für die überlebenden und nachfolgenden Deutschen. Denn dieser große Dichter wollte in seiner Heimat sterben – in Schlesien. Die letzte Frage des Sterbenden formte kein Vermächtnis des Künstlers, und auch keinen Spruch der Liebe für seine Gattin, vielmehr – die in ihrer Möglichkeit bestürzende, die Menschheit tief beschämende Frage: ,Bin ich noch in meinem Haus?‘“

Gerhart Pohl hat diese Frage Gerhart Hauptmanns „bewußt als Titel meines Buches gewählt“, das von den letzten Tagen desDichters berichtet und eingeleitet wird mit der Zerstörung Dresdens, die Hauptmann selbst erlebt hat („Wenn ich das Wort ,erlebt’ einfüge, so ist mir das jetzt noch wie ein Wunder.“) Das Buch ist jedoch zugleich auch ein Zeitdokument: Das furchtbare Geschehen nach dem Zusammenbruch im Mai 1945 bezeichnet Pohl als „Anschlag auf das Menschenrecht der Heimat.“

Hauptmann, der am 6. Juli 1946 starb, wurde erst am 28. Juli auf dem Inselfriedhof von Kloster auf Hiddensee beigesetzt; Worte des Abschieds hatte Pohl am 9. Juni während der Trauerfeier auf dem „Wiesenstein“ gesprochen: „Doch Du sollst uns nahe bleiben – durch die Macht unserer Liebe.“ Pohls Hauptmann-Buch (auch in den USA erschienen) stellt zweifellos „ein unverlierbar gültiges Stück deutscher pragmatischer Geschichte und deutscher Literaturgeschichte“ dar (Werner Hofmann).

Pohl wirkt gerade in seinen Essays weiterhin als Bewahrer und Anreger, wie die Texte zeigen, die einer Reihe von Gestalten der schlesischen Dichtung gewidmet sind – so Carl Hauptmann (denPohl wenige Monate vor dessen Tod besucht hat), Paul Löbe, Will-Erich Peuckert, dem bedeutenden Volkskundler Schlesiens, Werner Milch, Max Tau, Klabund, schließlich Joseph von Eichendorff (seine gegenwärtige Sendung). Schlesien, so Pohl, besaß „die stammeseigene Schöpferkraft“, wovon sein „Buch der Gebilde und der Forderungen“, was für die Essays der „Südöstlichen Melodie“ gilt, Zeugnis ablegt. Und es gilt wohl weiterhin die Forderung dieses Schriftstellers, mutvoll das Bodenlose unserer aller Lage zu überwinden – eben: „An die Heimat sich festzukrallen!“

Lit.: Hanns Martin Elstner: Der Dichter und sein Werk. Laudatio anläßlich der Verleihung des Kogge-Literaturpreises der Stadt Minden an G.P. Die Kogge. Sonderbeilage zum Mindener Tageblatt, 1962.

Werke: Tagebuch merkwürdiger Verführungen. Zwei Erzählungen, 1923. – Partie verspielt. Erzählungen, 1929. – Der Ruf. Die Geschichte des August Exner, 1934. – Sturz der Göttin. Das seltsame Schicksal des Fräulein Aubry. Novelle, 1939 (5. Auflage 1957). – Harter Süden. Ein Mittelmeer-Roman (3. unv. Aufl. von „Die Blockflöte“. Mit Zeichnungen von Eva Schwimmer). – Engelsmasken. Erzählungen 1953. – Wanderungen auf dem Athos. Mit Zeichnungen von Kurt Sieth, 1960 (2. Aufl. 1961). Herausgaben: Unsterblichkeit. Deutsche Denkreden aus zwei Jahrhunderten. 1942 (7. Aufl. 1944). – Gerhart Hauptmann. Neue Gedichte, 1946. – Carl Hauptmann. Rübezahlbuch, 1960 (3. Aufl. 1998).

Bild: Orgel-Köhne, Berlin.

Günter Gerstmann 

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