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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Psczolla, Erich Emil

Pfarrer, Sozialpädagoge, Oberlin-Forscher

* 1910, 18.10.
Alt-Jablonken, Krs. Osterode

† 2002, 29.12.
Gailingen (bei Singen)

Erich Wachner wuchs in der Kreisstadt Osterode auf, wo er, der begabte Sohn eines Briefträgers, 1930 am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium das Abitur ablegte. Während der Schulzeit war er führendes Mitglied des örtlichen „Wandervogels“, der späteren „Deutschen Freischar“. Nach der Schulzeit studierte er Theologie an der Universität Königsberg und ging nur im Sommersemester 1932 nach Bonn. Am 1. September 1934 legte er beim Königsberger Konsistorium die 1. theologische Prüfung ab. Schon während des Studiums hatte er nebenamtlich als Hilfslehrer für Kultur und Musik an der Volkshochschule Rippen bei Königsberg gearbeitet. Auf Empfehlung der Königsberger Professoren Hans Joachim Iwand (1899-1960) und Julius Schniewind (1883-1948) ging er im September 1934 für zwei Semester an die theologische Fakultät der Akademie in Åbo (Turku) in Finnland. Hier arbeitete er neben dem Universitätsbetrieb an seiner Dissertation über den nordischen und den deutschen Begriff der Volkskirche. Materialien für diese Arbeit konnte er für seine schriftliche Arbeit zum 2. theologischen Examen verwenden, vermochte die Dissertation wegen der Zeitumstände aber nicht zu vollenden.

Im April 1935 wurde er Fakultätsassistent an der theologischen Fakultät der Universität Königsberg. Gleichzeitig wurde er Studieninspektor und Leiter des Gustav-Adolf-Heims für auslandsdeutsche Studierende, verlor beide Stellen aber im Frühjahr 1937 wegen seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche und wegen der Leitung der „Bruderschaft ostpreußischer Vikare und Hilfsprediger“. Auch nach dem Verlust beider Stellen an der Universität hielt er heimlich theologische Seminarveranstaltungen ab, oft außerhalb Königsbergs. 1936 war er Gründer und später auch Leiter der Konvente junger Theologen in der Luther-Akademie in Sondershausen (Thüringen), in der er u.a. für die Akzeptanz und praktische Anwendung der Theologie von Karl Barth (1886-1968) warb. Im Sommer 1937 wurde Psczolla Hilfsprediger und dann illegaler Pfarrer an der Löbenichtschen Kirche in Königsberg. Das 2. theologische Examen hatte er inzwischen im März 1937 heimlich bei der Bekennenden Kirche abgelegt und war am 11. April 1937 als Pfarrer ordiniert worden. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs leitete er die erwähnte Bruderschaft und hatte deswegen und wegen seiner Verbindung zur Bekennenden Kirche wiederholt heftige Auseinandersetzungen mit der offiziellen Kirchenleitung, wurde aber vom NS-Regime nicht verhaftet.

Nach der Teilnahme am gesamten 2. Weltkrieg, zuletzt als Wachtmeister, wurde Psczolla schon am 17. November 1945 krank aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Nach verschiedenen kurzen Anstellungen in Darmstadt erhielt er dort zum 1. Juli 1947 die zweite Pfarrstelle im Diakonissenhaus Elisabethenstift, die er bis zum Eintritt in den Ruhestand am 31. Juli 1976 innehatte. Mit dem Titel Direktor war er hier Leiter der hessischen Ausbildungsstätten für kirchliche und soziale Berufe. In dieser Stellung wirkte er in Wort und Schrift führend in Deutschland und war ab 1953 Vorsitzender des „Deutschen Verbandes der Ausbildungsstätten für evangelische Kinderpflege“, dazu in den Jahren 1963-1967 erster Vorsitzender des „Evangelischen Ausschusses für Kinderbuch und Kinderspiel“.

Neben unzähligen Aufsätzen, gedruckten Vorträgen und Beiträgen zu Lexika veröffentlichte Psczolla u.a. die Bücher Wir erzählen biblische Geschichten (1959, 7. Aufl. 1970), Biblische Geschichten in der religiösen Erziehung (1973) und Großeltern, Eltern und Enkel (1986), dies besonders über die Tradierung von Wissen und Verhalten. Darüber hinaus war er Herausgeber verschiedener Zeitschriften und Buchreihen, zu denen er meist mehrere Bände selbst beisteuerte, so in Das Seminar (7 Hefte 1955-61), Handbücherei für die Kinderpflege (9 Bände 1957-79) sowie Ringbuchkartei für Kinderbuch und Spielzeug (1962-68). Von 1951 bis 1976 gab er die Zeitschrift Evangelische Kinderpflege heraus.

Nach 1945 wurde Psczolla auch bekannt als Erforscher von Leben und Werk des Schweizer Pfarrers und Pädagogen Johann Heinrich Oberlin (1740-1826) und seiner Mitarbeiterin Louise Scheppler (1763-1837), die Gründer der ersten evangelischen Kindergärten waren. Über sie und zu ihrem Werk hat er über Jahre insgesamt elf wissenschaftliche Kolloquien vorbereitet und durchgeführt und auf diesen Tagungen in der Schweiz und Frankreich meist Vorträge in französischer Sprache über Oberlin gehalten. – Psczolla galt nicht nur in Deutschland als einer der führenden evangelischen Sozialpädagogen seiner Zeit.

Lit.: Nachweise bei: Klaus Bürger: Psczolla, Erich Emil, in: Altpreußische Biographie, Band V, 2. Lieferung, Marburg/ Lahn 2007, S. 1905-1906.

Bild: Osteroder Zeitung 84/ Nov. 1995, S. 398.

Klaus Bürger

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