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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Puttkamer, Ellinor von

Botschafterin

* 1910, 18.07.
Versin, Kr. Rummelsburg/Pommern

† 1999, 13.11.
Bonn

Botschafterin Professor Dr. phil. Ellinor v. Puttkamer, Inhaberin des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und Ehrenmitglied der„Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst e. V.“ wurde als fünftes und jüngstes Kind des Generallandschaftsrats und Gutsbesitzers Andreas v. Puttkamer (1869-1934) in Versin im Kreis Rummelsburg in Hinterpommern am 18. Juli 1910 in Versin geboren und gehörte somit zu einer der ältesten und angesehensten Adelsfamilien Pommerns, deren Ursprünge bis weit in die slawische Zeit zurückreichen.

Nach dem Abitur Ostern 1929 studierte sie vom Wintersemester 1930/31 an bis zum Sommersemester 1936 in Köln, Marburg an der Lahn, Berlin, Innsbruck und wiederum Berlin hauptsächlich Geschichte. Dort trat sie in den Schülerkreis des damals maßgebenden Osteuropahistorikers Otto Hoetzsch ein, dem schon bald die Nationalsozialisten die Lehre verboten, und wurde 1936 mit ihrer Dissertation über Frankreich, Rußland und der polnische Thron 1733 zum Dr. phil. promoviert. Frau v. Puttkamer wandte sich verstärkt Polen zu, das sie 1933, 1938, 1941, 1943 und 1944 immer wieder besuchte, nicht zuletzt, um dort Verwandte zu sehen, Angehörige eines mittlerweile erloschenen Familienzweiges.

Von 1936 bis 1945 war sie am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin tätig und studierte von 1940 bis 1942 in Berlin Rechtswissenschaften, was ihr auf ihrem weiteren Berufsweg sehr zu Gute kommen sollte. Aufgrund ihrer Herkunft, Erziehung und Bildung und nicht zuletzt als Schülerin von Otto Hoetzsch stand Frau v. Puttkamer dem Nationalsozialismus fremd und ablehnend gegenüber.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte die Ellinor v. Puttkamer 1945 und 1946 als Lehrkraft bei den Vorsemesterkursen der Universität Heidelberg und dann 1946/47 als Fakultätsassistentin der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der jungen Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz. 1949 wurde sie Regierungsrätin im Rechtsamt der Verwaltung der Vereinigten Wirtschaftsgebiets („Trizonesien“) in Frankfurt am Main, dann, nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, im Bundesjustizministerium, wo sie 1951 zur Oberregierungsrätin befördert wurde.

In demselben Jahr habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Bonn und erhielt die venia legendi für „Vergleichende Verfassungsgeschichte und osteuropäische Geschichte“. 1963 wurde sie zur außerplanmäßigen Professorin der von ihr vertretenen Fächer ernannt. Ihre Habilitationsschrift Die polnische Nationaldemokratie hat die Partei Roman Dmowskis zum Gegenstand, jene für Deutschland und letzten Endes auch Polen so verhängnisvolle Bewegung. Die Arbeit gilt sogar in Polen immer noch als Standardwerk. 1955 erschien ihr Buch über den Föderalismus in der deutschen Geschichte seit dem Westfälischen Frieden von 1648.

Im Jahr 1953 trat Frau v. Puttkamer in den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein und machte als Diplomatin Karriere, in der sie stets im multilateralen Bereich tätig war. Von 1956 bis 1960 wirkte sie als politische Referentin des Beobachters der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen in New York. Dann übernahm Frau v. Puttkamer im Auswärtigen Amt in Bonn das Referat „Vereinte Nationen“ und wurde 1961 zur Vortragenden Legationsrätin I. Klasse befördert. Ihr im Jahr 1966 erschienenes Buch Die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinten Nationen, das sie zusammen mit Heinz Dröge und Fritz Münch verfasste, zeugt von ihrem langjährigen Tätigkeitsfeld, ebenso der kleine Aufsatz Zwei politische Testamente – Hammarskjöld und U Thant aus demselben Jahr.

Im schwierigen Auswärtigen Dienst galt die Diplomatin und Wissenschaftlerin von Anfang an als ausgezeichnete und durchsetzungsfähige Führungspersönlichkeit von großem Arbeitskraft und weit überdurchschnittlichem Können. So klein und zierlich die hoch gebildete und belesene Gelehrte von Statur war, so stark war sie an Charakter. Im Januar 1969 erreichte Frau v. Puttkamer den Höhepunkt ihrer Karriere. Als erste Frau im deutschen diplomatischen Dienst wurde sie Botschafterin und Chefin der deutschen Vertretung beim Europarat in Straßburg. Dieses Amt behielt sie bis zu ihrer Pensionierung am 31. März 1974. Von der Arbeit auf ihrem letzten Dienstposten zeugen zwei kleinere einschlägige Aufsätze.

Stets blieb die Jubilarin auch ihrer Heimat Pommern und deren Geschichte treu, wovon ihre höchst verdienstvolle und arbeitsintensive Tätigkeit für das Jahrbuch Baltische Studien zeugt. Von 1976 bis 1987 gehörte sie der Schriftleitung an. Gleichsam als Einstand veröffentlichte sie im 62. Band Neuer Folge ihren von großer Sachkunde geprägten Aufsatz über die Geschichte der Lande Bütow und Lauenburg. Diese Studie sollte leider ihr einziger Beitrag in dem traditionsreichen Periodikum bleiben, das in den folgenden Jahren durch ihre Arbeit in der Schriftleitung freilich von ihrer Sach- und Quellenkunde profitierte.

Ihr wichtigstes und gewichtigstes Werk zur Geschichte Pommerns ist ohne Zweifel ihre zweibändige Darstellung der Geschichte ihrer nicht nur für Pommern bedeutenden Familie. Der erste allgemeine Teil des ersten Bandes (S. 7-147) ist eine vorzügliche und von gründlicher Quellen- und Literaturkenntnis (auch der polnischen!) zeugende Geschichte der Lande Schlawe und Stolp von der frühesten Zeit bis 1945. Dann folgt eine Abhandlung über die Swenzonen, jener wichtigen Familie im entferntesten Hinterpommern, von denen zumindest ein Zweig in der Familie v. Puttkamer weiterlebt. Mit den Swenzonen beschäftigte sich die Wissenschaftlerin auch in ihrer letzten Veröffentlichung im ersten Band des zweibändigen Sammelwerkes Der Kreis Schlawe (1986). Kurze Zeit nach ihrem 80. Geburtstag versank die einst so aktive Dame in ihrer heimtückischen Krankheit, die sie viele Jahre dahin dämmern ließ.

Werke (Auswahl): Frankreich, Rußland und der polnische Thron 1733 (Osteuropäische Forschungen, Neue Folge Bd. 24), Königsberg in Preußen/ Berlin 1937. – Die polnische Nationaldemokratie (Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Ostarbeit, Sektion Geschichte, Bd. 24), Krakau 1944. – Föderative Elemente im deutschen Staatsrecht seit 1648, Göttingen/ Berlin/ Frankfurt am Main 1955. – Die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinten Nationen, München 1966 (mit Heinz Dröge und Fritz Münch). – Zwei politische Testamente – Hammerskjöld und U Thant, in: Vereinte Nationen 14 (1966), Heft 6, S. 198-200. – Der Europarat aus der Sicht der Bundesrepublik Deutschland, in: Das Europa der Siebzehn, Bonn 1974. – Konferenzarbeit am „grünen Tisch“, in: Das Parlament 21 (1971), Nr. 37. – Die Lande Lauenburg und Bütow – internationales Grenzgebiet, in: Baltische Studien N. F. 62 (1976), S. 7-22. – Geschichte des Geschlechts v. Puttkamer, 2 Bde., 2. Auflage Neustadt an der Aisch 1984. – Die Swenzonen und das Land Schlawe, in: Der Kreis Schlawe. Ein pommersches Heimatbuch, hrsg. v. Manfred Vollack, Husum 1986, Bd. 1, S. 545-550.

Lit.: L. Biewer, In memoriam Ellinor von Puttkamer, in: Baltische Studien N. F. 86 (2000), S. 145-147. – U. Müller und Chr. Scheidemann, Gewandt, geschickt und abgesandt. Frauen im Diplomatischen Dienst, München 2000, S. 109-114.

Bild: Bundesbildstelle, Berlin; Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA), Berlin.

Ludwig Biewer

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