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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Raasch, Rudolf

Pädagoge

* 1925, 18.10.
Kolberg/Pommern


Dr. päd. Rudolf Raasch kommt aus Pommern, aus dem Kreis Kolberg, der „Gneisenau-Stadt“. Dort waren seine Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert als Bauern ansässig. Im Anschluß an die Volksschule besuchte er die Lehrerbildungsanstalten in Treptow/Rega und in Gartz/Oder. Geprägt von dem Gedanken der „Nationalerziehung“, wie ihn Scharnhorst und Gneisenau in der preußischen Reformzeit nach 1806 vertraten, wurde er – wieviele seiner Generation – Berufsoffizier. Das Heerespersonalamt wies ihn der 24. ostpreußischen Panzerdivision zu. Als neunzehnjähriger Fahnenjunker und Leutnant der Panzertruppe kämpfte er am Schluß des Zweiten Weltkrieges gegen Russen und Amerikaner, erhielt das Panzersturm- und das Verwundetenabzeichen.

Nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft traf er seine aus Pommern vertriebene Familie in Bitterfeld wieder. Im benachbarten Halle nahm er an einem einjährigen Neulehrer-Ausbildungslehrgang teil und unterrichtete dann ein Jahr im Schuldienst des Landes Sachsen-Anhalt. Danach gelang es ihm, zum Studium der Pädagogik, der Psychologie und Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin (Ost) zugelassen zu werden. 1953 legte er das Staatsexamen ab und wurde Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Didaktik und Methodik des Geschichtsunterrichts bei Prof. Dr. Walter Strauß an der neu errichteten Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität. Raaschs Dissertation galt dem Thema „Didaktische und methodische Strömungen im deutschen Geschichtsunterricht seit 1945“. Seine Doktorväter, die Professoren Dr. Walter Strauß und Dr. Hartke, kamen übrigens aus Königsberg. Raasch promovierte 1956 mit dem damals seltenen Prädikat „mit Auszeichnung“. Nach dem Willen des Staatssekretariats für Hochschulwesen der DDR sollte Raasch die Leitung der Abteilung „Geschichtsmethodik“ an der Universität Rostock übernehmen, Dazu kam es jedoch nicht. Denn zugleich forderte der „Staatsverlag“ „Volk und Wissen“ seine Dissertation zur Publikation an, und der Chefideologe der DDR, Kurt Hager (SED), erhob Einspruch: Er hielt die Arbeit für „klassenfeindlich“. Gegen Raasch ging die Volkspolizei seines Wohnorts Rangsdorf vor, belegbar aus Berlin gesteuert. Die Volkspolizei verfehlte ihn. Seine Frau informierte ihn telefonisch in der Berliner Fakultät, und so flüchtete er am 2. April 1957 nach Berlin-West. Der Münsteraner Geschichtsdidaktiker Demantowsky schrieb 2003 in seinem Werk „Die Geschichtsmethodik der SBZ und DDR“: Das Verhalten der Volkspolizei zwang „ihn und seine Familie zu einer plötzlichen und wirklichen Flucht“ (S. 217).

Nachdem die Flucht bekannt geworden war, erschien am 9. Mai 1957 Kurt Hager mit einer Polit-Abordnung in der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität und forderte, die Promotionsarbeit „Mit Auszeichnung“ auf „Ungenügend“ herabzusetzen. Dies lehnte die Fakultät unter der Leitung ihres Dekans Prof. Dr. Heinrich Deiters ab. Daraufhin verlangte Hager eine Zweitbeurteilung der Dissertation. Sie unterblieb ebenfalls. Demantowsky schreibt: „Offenbar war Ulbricht selbst auf die Vorgänge in der Fakultät aufmerksam geworden und hatte kritisiert, daß man in der Sache nicht vorwärts käme“ (S. 220). Eine mutige Rolle spielte hier der Dekan Deiters, der Raasch auch mündlich geprüft hatte. Zu Deiters sei bemerkt, daß später die Publikation seiner Memoiren vom Verlag Volk und Wissen abgelehnt wurde. Posthum wurde er zum „Republikflüchtling“, denn seine Memoiren mit dem Titel „Bildung und Leben. Erinnerungen eines deutschen Pädagogen“ erschienen 1989 in einer Reihe des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung beim Böhlau-Verlag in Köln. Demantowsky betont rückblickend: „Raasch … stand bei der Fakultätsleitung in hohem Ansehen“ (S. 215) … „durch Hager (wurde) Raasch öffentlich und nachhaltig zu einer Art von revisionistischem Vorzeige-“Verräter“ (nicht nur der Geschichtsmethodik) stilisiert“ (S. 221f.) … „Besondere Schärfe gewann diese Stilisierung dadurch, daß just im Dezember 1957 „Staatsverrat“ durch eine Novelle des Strafgesetzbuches von der Volkskammer explizit zum Verbrechen erklärt worden war“ (S. 222). Kurioserweise bemühte sich die Staatssicherheit der DDR später um die Rückkehr von Raasch. Hager war noch im Amt, Ulbricht nicht mehr.

In der Bundesrepublik wurde Raasch 1957 von Prof. Dr. GeorgEckert aufgefangen, dem Direktor des Internationalen Schulbuchinstistuts an der Pädagogischen Hochschule in Braunschweig. Dort hatte er vor – seiner Flucht – den westdeutschen Teil seiner Dissertation erforscht. 1958 ging Raasch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) nach Frankfurt am Main und wirkte dort bis zum Eintritt in den Ruhestand 1990. Der Gründer und langjährige Vorsitzende des Vorstands des DIPF, Kultusminister und Bundesverfassungsrichter a.D. Prof. Dr. Erwin Stein (1903-1992) sowie die Institutsdirektoren und Leiter der Abteilung Allgemeine und Vergleichende Pädagogik, Prof. Dr. Walter Schultze (1903-1984) und Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Mitter sicherten Raaschs Forschungsfreiheit. In den 1960er Jahren war Raasch zeitweilig Mitglied des Forschungskollegiums, der Institutsleitung. Im DIPF entwickelte er seine pädagogische Konzeption. Sie ist vornehmlich anthropologisch-psychologisch bestimmt durch Sinnstrebungen des Menschen. Diese sind nicht nur gerichtet auf Daseinserhaltung und Daseinssicherung, auf Nützlichkeit, Macht und Geltung. Der bekannte Psychologe Prof. Dr. Philipp Lersch betonte: „Vielmehr wird der Mensch in den Sinnstrebungen recht eigentlich gerufen“ (in: Aufbau der Person, München 1956). Raaschs Konzeption ist eng mit dem Deutschen Idealismus verbunden. Politisch war seine Pädagogik auf die Überwindung der deutschen Teilung, auf die deutsche Wiedervereinigung gerichtet. Das Politische in seiner Pädagogik korrespondiert mit dem Anthropologisch-Psychologischen insofern, als Patriotismus und Nationalbewußtsein zu den Sinnstrebungen zählen. Darum trat er für eine Erziehung zum Patriotismus und zum Nationalbewußtsein ein. So ist es kein Zufall, daß seine erste empirische Studie nach der Flucht diesem Thema gewidmet ist. Rund 6.000 Schüler höherer Schulen in Hessen und Niedersachsen wurden in die Untersuchung einbezogen. Im Vorwort des 1964 beim Luchterhand-Verlag veröffentlichten Werkes „Zeitgeschichte und Nationalbewußtsein“ heißt es: „Unsere Untersuchungsergebnisse sind aufregend. Sie machen die moralisch angelegte ,Bewältigung der Vergangenheit‘ ebenso fragwürdig wie eine einseitige weltbürgerliche Erziehung. Es ist, als orientiere sich die westdeutsche Erziehung im Hinblick auf eine ,Welt von morgen‘ ohne den historischen Zusammenhang hinreichend zu wahren … Was auch in den meisten Schülern der Bundesrepublik lebt, ist die Liebe zu ihrem nationalen Gruppenverband, der Wunsch, stolz auf seine geschichtlichen Leistungen sein zu können. Diese Liebe scheint jedoch bei uns nicht gesellschaftsfähig zu sein. Hier liegt das Problem.“ Raaschs Arbeit machte deutlich, daß die Reduktion der deutschen Geschichte auf Vergangenheitsbewältigung zu einem schiefen Geschichtsbild führen muß und eine Identifikation der Schüler mit Deutschland und seiner Geschichte verhindert. Wahrlich ein bis heute aktuelles Thema!

Die Untersuchungsergebnisse waren in der Tat „aufregend“ und führten zu einer öffentlichen Diskussion über Vergangenheitsbewältigung und Nationalbewußtsein. Die großen Parteien begrüßten das Buch, Carlo Schmid (SPD) und Eugen Gerstenmaier (CDU) äußerten sich positiv zum Nationalbewußtsein. Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine, die Frankfurter Rundschau, Welt und Welt am Sonntag, der Spiegel, die Illustrierte „Kristall“, die Deutsche Universitätszeitung brachten Besprechungen, auch die meisten Sender. Entschiedener Widerstand gruppierte sich um das Frankfurter Institut für Sozialforschung und das dortige Studienbüro für politische Bildung: Theodor W. Adorno und Friedrich Minssen befürchteten eine „Renationalisierung“ und setzten Gegenstudien in Gang. Wohl von ihnen inspiriert, sendete der Westdeutsche Rundfunk eine Kampfansage. Als Autor firmierte Heinz Keetmann, der seinen Bericht wie folgt schloß: „Herr Raasch nennt sich Forscher. Aber er ist nicht neugierig. Er weiß, was er will. Er will ein Süppchen kochen, für das man schon einen Namen wüßte. Die Kultusminister sollten aufpassen, daß ihre Lehrer und Schüler nicht vergiftet werden.“ (Sendemanuskript „Einfälle und Ausfälle“ vom 7. Dezember 1964). Eine Nachfrage beim WDR ergab, daß ein Autor namens Heinz Keetmann nicht existierte und als Pseudonym juristisch nicht zu belangen war.

1968 veröffentlichte Raasch Untersuchungsergebnisse zur philosophischen Bildung höherer Schüler unter dem Titel „Schulphilosophie und Weltanschauung“ beim Beltz-Verlag. Demantowsky bewertete die beiden großen Arbeiten Raaschs 2003 wie folgt: „In den sechziger Jahren leistete Raasch durch zwei anspruchsvolle Monographien wichtige Beiträge zum erziehungswissenschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik“ (S. 217).

Es folgte Anfang der siebziger Jahre eine Untersuchung zum Religionsunterricht. Auftraggeber war die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau. Hier wurden die damals gängigen religionspädagogischen Konzepte auf ihre Relevanz getestet. Mit rund 30.000 Schülern allgemein- und berufsbildender Schulen war dies die bis dahin größte empirische Studie zu einem Unterrichtsfach überhaupt in der Bundesrepublik. Die Zeitschrift „Der evangelische Erzieher“ urteilte wie folgt: „Das eigentlich Überraschende an dieser Untersuchung ist die positive Bewertung von Christentum und Kirche auf allen Schul- und Altersstufen“ (Jg. 1979 ,H. 1, S. 8). Auch der Apostolische Nuntius in Deutschland forderte Berichtsexemplare an.

Ein weiteres Arbeitsfeld war die Deutsche Jugendbewegung. 1991 erschien der Band „Deutsche Jugendbewegung von 1900 bis 1933 und westdeutsche Schuljugend um 1980“, eine historische und vergleichend empirische Studie, im Böhlau-Verlag. Westdeutsche Schüler wurden konfrontiert mit bündischen Lebensformen sowie patriotischen, christlichen, sozialistischen und weltbürgerlichen Jugendbünden und ihren Zielsetzungen.

Am Ende seiner Berufszeit wandte sich Raasch noch einmal der deutschen Frage zu. Er untersuchte Schulgeschichtsbücher des Gymnasiums, der Realschule und der Hauptschule. Aus der Arbeit „Die Republik von Weimar in Schulgeschichtsbüchern“ (1989) geht hervor, daß das Bild der Weimarer Republik der meisten deutschen Schulgeschichtsbücher geschichtswissenschaftlich nicht bestehen kann.

Seinen Alterssitz nahm Rudolf Raasch in Mainfranken. Er lebt in Stadtprozelten auf den Höhen des Spessarts, in Nachbarschaft zur Henneburg, einst eine Veste des Deutschen Ordens, der sich um die Christianisierung Preußens verdient gemacht hat. Raaschs Leben spiegelt ein typisches Generationen-Schicksal im Schatten des Zweiten Weltkrieges und der Teilung Deutschlands. Seine empirischen pädagogischen Forschungen gründen sich auf einen schon in seiner pommerschen Heimat ausgeprägten starken patriotischen Impuls.

Werke: Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen folgende Bücher: Zeitgeschichte und Nationalbewußtsein. Forschungsergebnisse zu Fragen der politischen und der allgemeinen Erziehung. Ein Forschungsbericht aus dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Berlin u. a. 1964. – Schulphilosophie und Weltanschauung. Ein empirischer Beitrag zu Fragen der Philosophischen und allgemeinen Bildung, Weinheim 1968. – Jugend zur Sache mit Gott. Franfurt/M. 1975. – Deutsche Jugendbewegung 1900-1933 und westdeutsche Schuljugend um 1980, Frankfurt/M. 1984 und Köln 1991. – Die Republik von Weimar in Schulgeschichtsbüchern. Frankfurt/M. 1989.

Lit.: Clemens Albrecht, Im Schatten des Nationalismus. Die politische Pädagogik der Frankfurter Schule, in: Clemens Albrecht u. a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt/M. 1999 und 2000. – Christoph Führ, Fünfzig Jahre Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, in: Lutz Eckensberger u. a., Erinnerungen – Perspektiven. 50 Jahre DIPF, Frankfurt/M. 2002. – Marko Demantowsky, Die Geschichtsmethodik in der SBZ und DDR. Ihre konzeptuelle, institutionelle und personelle Konstituierung als akademische Disziplin 1945-1970, Idstein 2003.

Christoph Führ 

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