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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Raupach, Ernst

Schriftsteller

* 1784, 21.05.
Straupitz bei Liegnitz/Schlesien

† 1852, 18.03.
Berlin

In Straupitz geboren, studierte er in Halle Theologie, ging 1804 als Hauslehrer nach Petersburg, wurde dort Professor und Ordinarius für Historik, kehrte 1822 zurück, suchte einen Anschluß an den Goethe-Kreis in Weimar und ließ sich (ebenso enttäuscht wie Holtei) in Berlin nieder. Viele seiner Schauspiele erschienen auf der Hofbühne. Berühmt wurden „Der Nibelungen-Hort“ (1834 gedruckt), den Hebbel und Wagner als Stoffdarlegung benutzten, und der Zyklus „Die Hohenstaufen“ (16 Teile, 1837 gedruckt, zumeist schon vorher aufgeführt) mit „König Enzio“, für den Wagner Ouvertüre und Schlußmusik schrieb. Insgesamt waren es 117 Stücke. Eine Ausgabe der frühesten Werke erschien unter dem Titel „Dramatische Dichtungen“ in einem Liegnitzer Verlag. In mehreren Lustspielen ließ Raupach als stehende Figur einen Spaßmacher Till auftreten; im „Sonett“ (endgültige Ausgabe 1833) bezeichnete er ihn als Schlesier, der sich in der Mundart auskennt. Aber auch dabei unterblieb eine nähere Charakteristik.

Unter den Stücken, die auf heimatliche Sagenmotive zurückgingen, wurde das Trauerspiel „Der Müller und sein Kind“ (1835 gedruckt) bekannt, wobei wohl das Renommee des Autors den Ausschlag gab. Der Versuch, sagenartig Schauerliches mit sehr realistischen Inhalten zu verflechten, ein gespenstisches Sujet in ein vordergründiges dörfliches Geschehen hineinzutragen, schlug fehl, weil die Figuren buchstäblich zerrissen wurden, ihre ebenso emotionalen wie nüchternen Spielebenen auseinanderklaffen. Staffagereiche Handlungen mußten die Konturierung der Charaktere ersetzen; unerwartet neue Entschlüsse und sonderbare Zufälle treiben die Dramatik voran; und dadurch unterblieb auch irgendeine Motivation aus regionalen Verhältnissen heraus. Allein die Nennung von Ortsnamen und einige Regieanweisungen lassen erkennen, daß sich das Stück „zu Anfang des vorigen Jahrhunderts unweit des Gröditzberges in Schlesien“ zuträgt. Der Müller Christoph Reinhold ist einerseits ein ausgemachter, vom Teufel besessener Bösewicht, der seine Tochter, Marie, drangsaliert, von spiritistischen Anwandlungen befallen wird und eine gräßliche Angst vor dem Tode hat, andererseits der fleißige Handwerker, der sich mühsam emporgearbeitet hat, demnach sein Geld zusammenhält und der Tochter die Liebschaft mit dem mittellosen Müllersburschen Konrad verbietet. Seine Doppelrolle als Dämon und Biedermann wird höchstfalls aus seiner Kränklichkeit verständlich, bleibt aber sonst unmotiviert. Von Schwindsucht geplagt, läßt er sich mit dem Totengräber John ein, der ihm rät, am Weihnachtsabend auf dem Friedhof den Zug der Kirchgänger zu beobachten, denn die Toten des kommenden Jahres seien darunter. Zufällig nächtigt Konrad zwischen den Gräbern und sieht im Traum Reinhold und Marie. Weshalb Konrad, ein aufrechter und bedachtsamer Kerl, der die Hand einer Müllerswitwe ausgeschlagen hat, ins Gespinst der Zaubermacht gerät, wird nicht erläutert. Jedenfalls sterben Reinhold (im selben Moment, da er sein Geld im Garten vergräbt und Konrad hinzukommt) und Marie, die nun Konrad heiraten könnte, aber einfach nicht mehr leben kann. Eine fatalistische Tragik wird verneint: „Es ist Gottes Wille.“ Gegensätzliche, aber für die Personen nicht vollends typische Szenen stehen unmittelbar nebeneinander. Reinhold: „Und wem sollte ich denn auch mein Geld vermachen? Der Schwester? Die ist immer gegen mich gewesen und hat meine Dirne in ihrem Ungehorsam bestärkt. – Den Verwandten in der Stadt? Pfui! garstiges Volk! – Der Kirche? Wem käme es dann zugute? Dem Pfarrer und dem Schulmeister; nichts! nichts! — Den Armen? Hei! die sind immer meine Todfeinde gewesen. Ihretwegen bin ich für einen Geizhals ausgeschrien worden. – Niemand soll mein Geld haben – kein Mensch –.“ In der folgenden Szene („das schneebedeckte Riesengebirge“, „Holunderstrauch“, „helle Mondnacht“) Konrad: „Wo bin ich denn? – Im Obergarten des Müllers. – Wie bin ich denn hierher gekommen? Wohl über den Zaun gestiegen wie ein Dieb in der Nacht. – Achl Da am Zaune blies ich zum letzten Male: ,Wer nur den lieben Gott läßt walten‘/ O hätte ich ihn walten lassen! – Nun habe ich nirgends weder Ruhe noch Rast – nun muß ich fort – und ich will auch fort – morgen – und weit, weit, übers Meer, in die neue Welt.“

Aus: Schlesisches Schrifttum der Romantik und Popularromantik, München 1978, Wilhelm Fink Verlag.

Lit.: Kurt Bauer, Raupach als Lustspieldichter, Diss. Leipzig 1913; Kurt Kohlweyer, Raupach und die Romantik, Diss. Göttingen 1923; Pauline Raupach, Ernst Raupach, eine biographische Skizze, 1853; Eduard Wolff, B. S. Raupachs Hohenstaufendichtungen, Diss. Leipzig 1912.

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