Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Reden, Johanne Juliane Friederike Gräfin von

„Mutter des Hirschberger Tales“

* 1774, 12.05.
Wolfenbüttel

† 1854, 14.05.
Buchwald, Kr. Hirschberg/Riesengebirge

Johanne Juliane Friederike Freiin Riedesel von Eisenbach, so der Mädchenname der Gräfin Reden, verlebte eine abenteuerliche Jugend: als Zweijährige reiste sie mit ihrer Mutterund zwei Schwestern über England nach Amerika, um in Quebeck mit ihrem Vater, dem als Befehlshaber der braunschweigischen Truppen in der englischen Armee nach Amerika abgeordnete General, zusammenzutreffen, geriet mit den englischen Truppen in amerikanische Gefangenschaft in Boston und New York, gelangte nach Kanada und kam erst 1783 als Neunjährige wieder in Wolfenbüttel an. Ab 1788 lebte die Familie in Braunschweig, dann in Maastricht, verbrachte aber jeweils mehrere Monate auf dem Stammsitz in Lauterbach in Hessen, auf den thüringischen Besitzungen und nach der Heirat ihrer ältesten Schwester mit dem Fürsten Reuß in Berlin. 1795 kehrte die Familie nach Braunschweig zurück. Friederike war inzwischen 21 Jahre alt, sprach fließend französisch und englisch, war es gewohnt, in den besten Hofkreisen zu verkehren, galt als sehr hübsch, hatte beachtliche Kenntnisse in der Botanik erworben und stellte Herbarien zusammen, die selbst von Alexander von Humboldt geschätzt wurden, und kannte alle Fertigkeiten, um ein großes Haus zu führen.

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters zog die Familie im Jahr 1800 nach Berlin. Über ihre Schwester erhielt Friederike sehr intimen Zugang zur preußischen Königsfamilie. Am 9. August 1802 schloß sie mit dem 22 Jahre älteren Grafen Friedrich Wilhelm von Reden – Ober-Berghauptmann und ab 1804 Wirklicher Geheimer Staats-Minister in Preußen – die Ehe. Im September 1802 hielt das Paar Einzug in Redens Herrensitz Buchwald im Hirschberger Tal. Friederike bereiste mit ihrem Mann Oberschlesien, besichtigte die neuen Hütten, kümmerte sich um das Wohl der Arbeiter und schuf einen repräsentativen Rahmen und die häusliche Wärme für den Gatten. Nach dessen Ernennung zum Minister trafen sich fortan regelmäßig führende Vertreter des politischen und des wissenschaftlichen Preußen in ihren Häusern in Berlin oder in Buchwald. Sie kümmerte sich um soziale Einrichtungen. Während der französischen Besatzung organisierte sie mit höchstem persönlichem Einsatz humanitäre Hilfe. So wurden im März 1807 täglich 6000 Personen gespeist.

Bei dem Grafen zeigte sich immer deutlicher ein Lungenleiden, dem er 1815 erlag. Knapp einen Monat vor seinem Tod gründete er im Schloß Buchwald die Buchwalder Bibelgesellschaft und machte seine Frau zur Präsidentin auf Lebenszeit. Damit hatte Graf von Reden seiner geliebten Frau ein Feld eröffnet, auf dem sich ihr soziales Engagement entfalten konnte.

Gräfin von Reden begann, ein Kinderhilfswerk im Hirschberger Tal aufzubauen und gründete das “Rettungshaus” in Schreiberhau. Ihre botanischen Kenntnisse nutzte sie, um Kräuterapotheken einzurichten. Sie bemühte sich um besseres Saatgut. Dahererhielt sie 1822 ein Diplom als Ehrenmitglied des Vereins zur Beförderung der Gartenkultur im preußischen Staat. Sie kümmertesich um die Flachsernte, errichtete Garndepots und sorgte für denAbsatz des schlesischen Leinens. Man darf wohl davon ausgehen, daß ihr Wirken ein Übergreifen des Aufstands der schlesischen Weber 1844 auf den Hirschberger Raum abwendete.

Soziales Engagement auf der Basis des christlichen Glaubens konnte Gräfin von Reden auch bei der Ansiedlung der Zillertaler im Hirschberger Tal verwirklichen. Hier wirkte sie als Freundin des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., dem die betreffende Kommission immediat unterstellt war, und vor Ort hatte das “Comité für die Zillertaler Inclinanten” zu entscheiden, deren Präsidentin die Gräfin war. Ihr ist es letztlich zu verdanken, daß die 60 Zillertaler Familien, insgesamt 422 Personen, die ihres protestantischen Glaubens wegen in Preußen Zuflucht suchten, im Hirschberger Tal binnen Jahresfrist eine Schule, eine Kirche und 60 Häuser, die aus Holz in ihrem traditionellen alpenländischen Stil erbaut wurden, erhielten. Die Zillertaler gaben der Gräfin liebevoll den Ehrentitel “Mutter des Hirschberger Tals”.

Die nächste große Tat der Gräfin galt der Kirche in Vang, Norwegen. 1841 ersteigerte der Kunstprofessor Johann Christian Dahl die Kirche zum Holzpreis für die preußische Krone. Zuverlässig dokumentiert und verpackt erreichte sie Ende 1841 das Berliner Museum. Der folgende Akt der Rettung der alten norwegischen Kirche lag nun in Händen der Gräfin. Mit der charakteristischen Mischung aus künstlerischer Sensibilität und praktischer Veranlagung suchte sie das 885 Meter hoch gelegene Brückenberg am Fuße der Schneekoppe als Platz für die Kirche aus. Sie regelte die Grundstücksfrage und zeichnete verantwortlich für die Aufstellung, Restaurierung und Ausstattung der Kirche und die Schaffung des Umfelds mit Pfarrhaus und Schule. Das, was in Brückenberg entstand, war weit mehr als die Translokation eines Kunstdenkmals, es wurde zu einem höchst aussagekräftigen Objekt der Denkmalpflege des 19. Jahrhunderts, erwachsen aus der Sorge um die protestantischen Schlesier im Riesengebirge. König Friedrich Wilhelm IV. betrachtete die Gräfin als “Ober-Bauherrn”, befragte ihn zu allem, der Dachneigung, zum Charakter der Gemeindebauten, zur Farbigkeit, zur Beleuchtung. Sie bat ihn um einen Entwurf des Glockenturms, den er auch lieferte, jedoch von seinem Oberbaurat Stüler überprüfen ließ. Eine Apsis wurde rekonstruiert, die Beleuchtung des Kirchenschiffs durch das Einstellen von Reihen eng gefügter Bogenfenster verbessert, die Anordnung der Portale verändert. Verwitterte Außenportale wurden ins Innere verlegt, um die alten Schnitzereien zu erhalten. Beibehalten wurden die Maße von Schiff und Umgängen, die Höhe der Kirche und der Dachreiter. Die gesamte Innenausstattung wurde neu gestaltet. Aus dem Kunstdenkmal machte Gräfin von Reden ein funktionierendes Ensemble, das schon bald zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Riesengebirges zählte und die Touristen aus aller Welt anlockte und noch heute anlockt. Der preußische König, der die Weihe der Kirche 1844 persönlich vornahm, hat es ihr gedankt mit einem Denkmal auf dem Platz vor der Kirche, das zwei Jahre nach ihrem Tod errichtet wurde. In der von ihm persönlich verfaßten Inschrift heißt es:

… EINE TREUE UND DEMÜTIGE JÜNGERIN GOTTES … TREU IM KLEINSTEN, KLAR UND BEHARRLICH IM SCHWIERIGSTEN, IMMER SICH GLEICH VOR HOHEN WIE VOR NIEDEREN, EINE MUTTER DER ARMEN, EINE ZUFLUCHT ALLEN FÜR RATH UND HÜLFE WAR SIE EINE STÜTZE DES RETTUNGSHAUSES ZU SCHREIBERHAU, EINE PFLEGERIN DER ANSIEDLUNG DER UM DESEVANGELISCHEN WILLEN AUSGEWANDERTEN ZILLERTALER, … DIE HIRSCHBERGER BIBEL ENTZOG SIE ARGEM VERGESSEN ZU NEUER VERBREITUNG, DIE URALTE KIRCHE VON WANG IN NORWEGEN VOM UNTERGANG GERETTET, WURDE AUF IHREN RAT HIER NEU AUFGERICHTET DIE PFARRKIRCHE DER BERGBEWOHNER … KÖNIG FRIEDRICH WILHELM IIII. SEIT BEGINN DES JAHRHUNDERTS MIT DER FREUNDSCHAFT DER UNVERGESSLICHEN BEEHRT; SETZTE IHR DIESES DENKMAL IN UNVERGESSLICHER LIEBE; ANERKENNUNG UND DANKBARKEIT IM JAHRE 1856.

Lit.: Eleonore Fürstin Reuß: Friederike Gräfin Reden, Ein Lebensbild, Berlin 1897. – Th. Eisenmänger: Graf Friedrich Wilhelm Reden, in: Bunte Bilder aus dem Schlesierlande, Frankfurt 1898, S. 205-212. – R. Kölbing: Buchwald, Fischbach und Erdmannsdorf, in: Bunte Bilder aus dem Schlesierlande, Frankfurt 1898, S. 213-219. – G. Wende: Die Einwanderung der Zillertaler, in: Bunde Bilder aus dem Schlesierlande, Frankfurt 1898, S. 220-224. – E. Gebhard: Gräfin F. Reden– die Wohltäterin des Riesengebirges, Diesdorf 1906. – Anna Vateton: Friederike Gräfin von Reden, in: Schlesische Lebensbilder, Bd. 2, Breslau 1926, Neudruck, Sigmaringen 1985, S. 156-160. – Günther Grundmann: Schloß Buchwald und seine Besitzer Graf und Gräfin von Reden, in: Kunstwanderungen im Riesengebirge, München 1969, S. 159-182. – Günther Grundmann: Die Briefe der Gräfin Reden während der Aufrichtung der Bergkirche unseres Erlösers zu Wang, in: Kunstwanderungen im Riesengebirge, München 1969, S. 183-200. – Günther Grundmann: Buchwald, der Alterssitz des Grafen und der Gräfin Reden, in: Stätten der Erinnerung, München 1975, S. 205-208.

Bild: Friederike Gräfin von Reden, Ölgemälde, ehem. Riesengebirgsmuseum Hirschberg.

 

Idis B. Hartmann

 

 

 

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.