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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Reicherstorffer, Georg von

Humanist, Kartograph

* 1495
Hermannstadt/Siebenbürgen

† 1554
Proßnitz/Mähren

In der lutherischen Kirche Siebenbürgens setzt die kirchliche Matrikelführung erst im Laufe des 17. Jahrhunderts voll ein. Wer daher in der heimischen Gelehrtenwelt früher das Licht der Welt erblickt hatte, war seinen späteren Biographen gegenüber in einem erheblichen Nachteil, denn genauere Daten über Geburt, Eheschließung, eventuelle Nachkommenschaft und Tod des Betreffenden konnten nur im Wege umständlicher Ermittlungen erhoben werden. Meist blieben die zu gewinnenden Daten unvollständig. Im konkreten Fall des humanistischen Kartographen Georg Reicherstorffer konnte etwa Folgendes ermittelt werden:

Reicherstorffer ist um das Jahr 1495 in Hermannstadt als Sohn des Kapitelsdieners Andreas Reicherstorffer und einer gewissen Veronica geboren und hat mehrere Geschwister gehabt. Der Vater dürfte frühzeitig gestorben sein. Von der Mutter, die in Hermannstadt ein bescheidenes Anwesen besaß, gibt es aus dem Jahr 1543 ein letztes Lebenszeichen. Insgesamt vermitteln die kärglichen Nachrichten das Bild eines kleinbürgerlichen Daseins. Immerhin muß der Sohn Georg eine gründliche humanistische Ausbildung genossen haben. Wo er studiert hat, läßt sich nur in einem Punkte zweifelsfrei ermitteln. Wir wissen, daß er am 25. Oktober 1510 an der Universität Wien immatrikuliert wurde. Für Padua als Studienort gibt es nur einen leider unsicheren Hinweis. Spätestens im Jahr 1522 muß er aber sein Studium abgeschlossen haben. Denn im selben Jahr ist er in Hermannstadt als Notar bezeugt und zeichnet als "Sacra apostolica et imperiali autoritatibus notarius publicus et tabellio juratus". Er legte das Ratsprotokoll selber an und trug darin vollmächtig testamentarische Verfügungen ein.

Um das Jahr 1525 finden wir Reicherstorffer überraschenderweise im Dienst von Königin Maria, Gemahlin des unglücklichen Ungarnkönigs Ludwig II. und Schwester des habsburgischen Erzherzogs Ferdinand, der nach der Katastrophe von Mohatsch (1526) vertragsgemäß zum König von Ungarn aufrücken sollte. Auffallend ist, in welch engen Beziehungen Reicherstorffer zu König Ferdinand gestanden ist, die nur auf dem Grund absoluten gegenseitigen Vertrauens so lange bestehen konnten. War schon die Berufung Reicherstorffers in den Dienst der Königin nach Ofen im Jahre 1525, zweifellos auf Empfehlung Ferdinands hin erfolgt, ein Zeichen dafür, so wird dies bei den Bündnisverhandlungen Ferdinands mit dem Moldaufürsten Petru Rareş umso deutlicher. Schon bei der Zusammenkunft Ferdinands mit einem Delegierten des Moldauerfürsten, die in Breslau stattfand, sollte es sich erweisen, daß Rareş den Wünschen Ferdinands durchaus nicht ganz ablehnend gegenüberstand. Es wurde daher ein neuerliches Treffen vereinbart, bei dem Ferdinand durch einen beglaubigten Vertrauensmann vertreten sein sollte. Als solchen bestimmte Ferdinand keinen andern als Reicherstorffer, den er – vielleicht um ihm zu den wichtigen Verhandlungen den Rücken zu stärken – mit Dekret vom 2. Juni 1527 zu seinem Kabinettssekretär ernannte. Am 27. Juni desselben Jahres trat Reicherstorffer dann seine erste Gesandtschaftsreise in die Moldau an. Von Wien, wo er sich gerade aufhielt, nahm er den Weg über Preßburg, Olmütz, Krakau und Lemberg in die Moldau, traf aber mit dem Landesfürsten erst in Bacåu, der Hauptstadt des Fürstentums, zusammen und hatte so Gelegenheit, fast die ganze Moldau in nord-südlicher Richtung kennenzulernen. Die Verhandlungen haben offenbar zu einem guten Abschluß geführt, was entsprechend anerkannt wurde. Denn am 15. Dezember 1527 wurde Reicherstorffer zum Rat bei der ungarischen Hofkammer in Preßburg ernannt und noch im selben Jahr mit dem Prädium "Bgarth" belehnt, in welchem Reicherstorffers früher Biograph, Johann Karl Schuller, die rumänische Ortschaft Bungard/ Baumgarten bei Hermannstadt zu erkennen vermeint.

Als Krönung seiner bisherigen Tätigkeit im Dienst König Ferdinands mag Reicherstorffer es empfunden haben, als er am 12. Juli 1532 von Kaiser Karl V. zusammen mit seinem Bruder Nicasius in den erblichen Adelsstand erhoben wurde. Zwei Jahre danach wurde er erneut für eine diplomatische Mission in Aussicht genommen. Der Instruktion vom 8. Dezember 1532 zufolge sollte er wiederum mit Petru ein Abkommen schließen, diesmal in der fürstlichen Residenz Jassy. Ferdinand scheint daran besonders interessiert gewesen sein. Man kann sich vorstellen, wie sich Reicherstorffer bemüht haben wird, diesen Auftrag zugesprochen zu erhalten. Denn dann bot sich ihm die Gelegenheit, den fürstlichen Hof aus eigener Anschauung kennenzulernen, was er 1527 vermutlich verpaßt hatte. Es ist ihm tatsächlich gelungen. Mit dem Bündnisvertrag vom 4. April 1535 zwischen König Ferdinand und Petru in der Tasche konnte Reicherstorffer auch diesmal erfolggekrönt die Heimreise antreten.

Von Siebenbürgen mußte sich Reicherstorffer seit dem Ende der zwanziger Jahre allerdings fernhalten. Dort hatte sein latenter Gegensatz zum Sachsengrafen Markus Pemfflinger dahin geführt, daß er sich mit Hilfe Kronstadts (Lukas Hirscher) eine Truppenmannschaft zulegte, mit der er und sein schon genannter Bruder ihre Gegner im Schach halten konnten. Dabei sind drei im politischen Leben hervorgetretene Persönlichkeiten unter Umständen ermordet worden, die bis heute ungeklärt geblieben sind, aber auf das Bild Reicherstorffers einen Schatten geworfen haben.

Wie aus seiner merkwürdigerweise im bayrischen Kloster Ettal erhalten gebliebenen Korrespondenz hervorgeht, hat Reicherstorffer sich in der Zwischenzeit viel in Wien und Preßburg aufgehalten und an seiner Chorographia Moldaviae gearbeitet, die im Jahr 1541 bei Johannes Singrenius in Wien gedruckt wurde. Sie ist das kartographe Meisterwerk Reicherstorffers, viel nachgedruckt und sogar ins Rumänische übersetzt worden.

Im Jahre 1543 ist Reicherstorffer vom Graner Erzbischof als Statthalter von Ungarn aus seinem Dienst bei der ungarischen Hofkammer in Preßburg mit einer Pension von nur 150 Gulden jährlich kurzerhand entlassen worden. Reicherstorffer hat sich darauf in einem erschütternden Schreiben bei König Ferdinand bitter beschwert und auf die schweren materiellen Verluste hingewiesen, die er in seinen Diensten erlitten habe. Genützt hat es ihm nichts. Er hat sich zu seiner Tochter auf deren Gut im mährischen Proßnitz zurückgezogen, wo er, wie sein Schweizer Schwiegersohn schreibt, an podagrischen Erscheinungen erkrankt und verarmt, seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Die letzte von ihm überlieferte Nachricht stammt vom 17. Juni 1554. So konnte er das Erscheinen seiner Chorographia Transylvaniae noch erleben, die im Jahre 1550 wieder in Wien, aber diesmal bei Aegidius Aquila im Druck herausgebracht wurde, als Zeugnis unermüdlichen humanistischen Schaffens des Verfassers.

Werke:Moldaviae, quae olim Daciae pars Chorographia. Excusum Viennae per Joannem Singrenium MDXLI.Chorographia Transylvaniae, quae Dacia olim appellata aliarumque provinciarum et regionum succincta descriptio et explicatio…Viennae excudebat Aegidius Aquila Anno MDL.

Lit.: Johann Karl Schuller: Georg Reicherstorffer und seine Zeit. In: Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen XXI, 1859, S. 3-69. – Friedrich Teutsch: Drei sächsische Geographen des sechzehnten Jahrhunderts. In: Archiv des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde 15, 1880, S. 562-652. Bernhard Capesius: Der Hermannstädter Humanist Georg Reicherstorffer. In: Forschungen zur Volks- und Landeskunde, 1967, S. 35-62.

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