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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Reiners, Ludwig

Essayist, Biograph, Sachautor

* 1896, 21.01.
Ratibor/Oberschlesien

† 1957, 10.08.
München

Ludwig Reiners wurde als Sohn eines Zigarrenfabrikanten geboren. Er besuchte das Gymnasium in seiner Heimatstadt und legte 1914 das Abitur ab. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg studierte er in Breslau und München und erwarb 1920 in Würzburg mit einer Arbeit über die wirtschaftlichen Maßnahmen der Münchner Räterepublik den juristischen und volkswirtschaftlichen Doktorgrad. Er wurde Kaufmann und wirkte zuletzt als Verkaufsdirektor in einer Münchner Garnfabrik. Er starb im Alter von 61 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit.

Seine schriftstellerische Tätigkeit begann Reiners mit einem zweibändigen Werk über Die wirkliche Wirtschaft (München 1931 und 1933), einer populären Nationalökonomie in Dialogform, 1956 weitergeführt durch die Buchausgabe der Briefe eines Unternehmers an seinen Sohn unter dem Titel Die Sache mit der Wirtschaft. Mit dem "Brevier" Fontane oder Die Kunst zu leben (Leipzig 1939) wandte sich Reiners der Literatur zu. 1948 schrieb er eine Sorgenfibel oder Über die Kunst, durch Einsicht und Übung seiner Sorgen Meister zu werden (1992: 112. Tausend). Ihr folgten 1950 eine Fibel für Liebende und 1953 sein "Hand- und Wörterbuch der Sekretärin",Fräulein, bitte zum Diktat, die beide in der Taschenbuchreihe des List-Verlages erschienen, ebenso sein ZitatenlexikonWer hat das nur gesagt? (1956). 1955 gab er die umfangreiche Lyrik-AnthologieDer ewige Brunnen. Ein Volksbuch deutscher Dichtung heraus. In ihr stellte er Gedichte in 25 Themenkreisen zusammen. Diese Sammlung hat, versehen mit Illustrationen von Andreas Brylka, 1992 eine verdiente Neuauflage erfahren und heute (1995) eine Gesamtauflage von 526.000 Exemplaren erreicht.

Eine große Leserschaft fand Reiners auch mit seinen lebendig geschriebenen historischen Darstellungen. Am Anfang stand seinRoman der Staatskunst (München 1951), in dem er eine fesselnde Charakterisierung des englischen Oberhauses und der englischen Staatskunst gab. Es folgte eine Biographie Friedrich des Großen (München 1952). 1954 erschien das Werk In Europa gehen die Lichter aus, in dem er den Untergang der europäischen Lebenswelt vor dem Ersten Weltkrieg schildert. Sein letztes, nicht vollendetes Werk ist eine Biographie Bismarcks, von dem er die ersten zwei BändeBismarcks Aufstieg. 1815-1864 und Bismarck gründet das Reich. 1861-1871 noch fertigstellen konnte. Reiners sah es als seine Aufgabe an, das "völlig verkrustete" Bismarckbild neu zu zeichnen. Ihm war es daher in erster Linie darum zu tun, Leben und Leistung des Staatsmannes in einer packenden Darstellung neu herauszuarbeiten. Obwohl die ZeitschriftGegenwart 1958 in ihrer Kritik schrieb, daß die Wertungen mit Vorsicht zu lesen seien, zählte sie diese Biographie doch zu den interessantesten Darstellungen des Staatsmannes und sah in ihr ein wichtiges, ja notwendiges Gegenstück zu der von Kritik allzu überwucherten Biographie Erich Eycks (Bismarck, Leben und Werk, 2 Bde., Zürich 1941 und 1944). Der Historiker H. Diwald charakterisierte sie 25 Jahre später als "reserviert ausgeglichen, weder polemisierend noch beckmessernd, urban in Verarbeitung und Beurteilung"; Reiners sei bemüht gewesen, "Bismarck dem Leser psychologisch nahezubringen".

Mit besonderem Engagement wandte sich Reiners der Pflege der deutschen Sprache zu. Er stellte mit Bedauern fest, daß eine gewisse Mißachtung des Lesers durch die Autoren dazu geführt habe, daß die Kunst der Prosa in Deutschland nur selten den Rang der Poesie erreicht habe. In dieser Beziehung suchte Reiners zu helfen, und aufgrund vielfältiger Untersuchungen und einer umfassenden Belesenheit verfaßte er seine Deutsche Stilkunst, ein umfangreiches, aber nie lehrhaftes, sondern humorvolles "Lehrbuch deutscher Prosa", das 1944 erschien. Eugen Roth schrieb darüber: "Der Verfasser gibt jedem Leser das Seine; dem Anfänger eine erste staunende Ahnung, was Deutsch ist und sein kann, dem Fortgeschrittenen den sicheren, an Beispielen zu lebendigster Anschauung genährten Blick, dem Meisterschüler aber eine Fülle von Köstlichkeiten. Der Reichtum an Wissen ist so überraschend wie der überlegene Witz seines Vortrages." Mit zahlreichen Beispielen geht Reiners den Stilkrankheiten, dem Formeldeutsch, Schachtelsätzen, dem Papierstil und anderen Stilmängeln zu Leibe und ruft in lebendiger Darstellung die Großen unserer Literatur als Zeugen für eine vollendete Form der Prosa auf. 1951 erschien als Ergänzung eine kleine Stilfibel Der sichere Weg zum guten Deutsch (1993: 26. Auflage mit insgesamt 199.000 Exemplaren) und 1955 die thematisch verwandte Einführung in die Kunst der Rede und des Gesprächs.

Einigen der Werke Reiners’ ist ein bis heute anhaltender Erfolg beschieden: Sie wurden im Buchhandel zu "Longsellern". Ludwig Reiners gehört damit über seinen Tod hinaus zu den erfolgreichsten deutschen Autoren auf dem Gebiete des Sachbuchs.

Lit.: Internationales Biographisches Archiv (Munzinger-Archiv), Lieferung 32, 1961. – Walter Killy (Hrsg.): Literaturlexikon, Bd. 9, München, Gütersloh 1991.  – Reinhard M. G. Nickisch: Das gute Deutsch des Ludwig Reiners, in: Der Deutschunterricht 1972, S. 323-341.  –  Willy Sanders: Die Faszination schwarzweißer Unkompliziertheit, in: Wirkendes Wort 38 (1988), S. 376-394.

 

  Harro Kieser

 

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