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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Reiter, Robert

Schriftsteller, Journalist, Dramaturg

* 1899, 06.06.
Temeschburg/Banat

† 1989, 17.12.
Temeschburg/Banat

Dichtung und Journalistik haben Robert Reiter durch sein langes Leben geleitet. Der Banaler Deutsche war in zwei der drei Sprachen des westlichen Rumänien heimisch: Er hat in ungarischer und in deutscher Sprache gelebt und gedichtet. Das Rumänische beherrschte er, hat aber keine literarischen Versuche in der Staatssprache vorgelegt.

Seine Anfänge standen im Zeichen der gesamteuropäischen Umwertung aller Werte. Soziale Ansprüche erheben die frühen deutschen Verse Reiters, die bald einsetzenden Gedichte in ungarischer Sprache sind Wegbereiter der ungarischen Avantgarde in Budapest und Wien gewesen. Mit Gedichten und mit Essays, die in Berlin nachgedruckt wurden, z.B. in Herwarth Waldens „Sturm“, hat Robert Reiter auch in den deutschen Sprachraum hineingewirkt. Kennzeichnend für ihn sind eine langjährige Kontinuität, die sich etwa im Festhalten an traditionellen sozialdemokratischen Denkhaltungen bemerkbar macht, ebenso aber auch die spontan versuchten Neueinsätze, die scharfe Trennlinien zwischen früher und später aufwerfen. Bis 1925 schreibt Reiter – er ist ein prominentes Mitglied der angesehenen Zeitschrift „Ma“ –, fast ausschließlich ungarisch. Danach wird er Redakteur bei einer Temeswarer deutschen Zeitung und gibt die Versuche in ungarischer Sprache auf.

Nach 1946 – Reiter war wie viele Banater und Siebenbürger Deutsche zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden – legt sich der Autor einen neuen Künstlernamen zu, der ihm in seinem zweiten Lebensabschnitt neue Offenheit garantieren soll. Als Franz Liebhard wird er im Ostblockland Rumänien bekannt. Das gilt sowohl für offizielle Kreise, die an den Thesen-Gedichten interessiert sind, als auch für die Banater Landsleute, denen – ebenso wie früher – vor allem der engagierte Lokalhistoriker wichtig war und blieb.

Robert Reiter wurde am 6.6.1899 in Temeswar geboren. Er war der Sohn einer Wäscherin und eines Schusters und hatte es nie leicht. Die Schulen in der Banater Hauptstadt durften am Jahrhundertanfang ausschließlich in ungarischer Sprache Unterricht erteilen. 1917 besteht Reiter sein Abitur in der Staatlichen Oberrealschule. Ein Jahr zuvor hatte er eine Schülerzeitung („Holnap“ – Morgen) herausgegeben, die wegen eines Friedensappells untersagt wurde. Im Arbeiterkalender debütierte Reiter als Schriftsteller. Von 1917-1919 und von 1922-1924 war er Student der Philologie in Budapest und in Wien, ohne einen Studienabschluß zu erreichen. Seit 1925 war Robert Reiter Redakteur der „Banater Deutschen Zeitung“. Durch seine kulturgeschichtlichen Aufsätze wird er zu einem der bekanntesten deutschen Journalisten im Banat. Seine ungarischen Gedichte, bis 1925 geschrieben und in der Zeitschrift „Ma“ veröffentlicht, scheint der Autor selbst vergessen zu haben (sie wurden 1973 ins Deutsche übertragen). Übersetzungen aus dem Ungarischen und aus dem Rumänischen erscheinen in vielen Periodica. Am bekanntesten blieb die Übertragung des lyrischen Poems „Das Lämmchen“, das 1926 in der „Prager Presse“ erschien. 1940 ist die erste Buchpublikation Reiters eine Künstlermonographie („Franz Ferch, ein Banater Maler“). Obwohl er an den nationalsozialistischen Bestrebungen keinen Anteil gehabt hatte, wurde Reiter 1945 in die Sowjetunion deportiert. Die dort entstandenen Kurzgedichte sind bis heute unveröffentlicht geblieben.

Nach der Rückkehr ins Banat, wo er weiterhin im Stadtteil „Fabrik“ wohnt, wurde aus Robert Reiter Franz Liebhard. Er prägt entscheidend die ersten Versuche des neugegründeten Schriftstellerverbandes in Temeswar und der Zeitschrift „Banater Schrifttum“. In der Tageszeitung „Neuer Weg“ läßt Reiter seine Entdeckungen mit Bezug auf Kunst und Literatur im Banat erscheinen. Die Lenau-Forschung verdankt ihm ebenso einiges wie die Erforschung der Geschichte der deutschen Presse in Südosteuropa. Zur Stadtgeschichte von Temeswar, das 1716 von den Truppen Eugen von Savoyens erobert worden war, das dann bis um 1930 eine vorwiegend deutsche Stadt blieb, hat Franz Liebhard sehr viele Beiträge erbracht.

In seinen Gedichten hat Liebhard vor allem die Euphorie der neuen gesellschaftlichen Beziehungen dargestellt und die Sozialgeschichte des Banats vom 19. Jahrhundert bis nach 1950 illustriert. Dafür erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Literaturpreise, zuletzt 1977.

Für das Deutsche Staatstheater war Reiter-Liebhard von 1953 bis 1968 Dramaturg. Das Repertoire dieser Jahre wurde von dem Dramaturgen entscheidend beeinflußt. Wiener Klassik, rumäniendeutsche Versuche kommen am häufigsten auf die Bühne. Aber auch die Schiller-, Brecht-, Hacks-Aufführungen sind bemerkenswert, was anläßlich der Tourneen durch die DDR bestätigt wird. Die Vielfalt der Lokalgeschichte hat den Autor zu immer neuen Ansätzen gereizt. Eine systematische Anordnung, eine abschließende Einheit seiner Erkundungen hat Reiter nicht angestrebt. Geschichte erschien ihm als etwas ewig Bewegtes, Unabgeschlossenes und Unabschließbares. Seine Sammlungen von Einzelfakten und Einmaligkeiten sind auch heute noch bedeutsam.

Werke: Franz Ferch, ein Banater Maler, 1940. – Schwäbische Chronik, G., 1952. – Der Türkenschatz, Erz., 1958. – Glück auf!, G., 1959. – Die schönsten Gedichte, 1964. – Menschen und Zeiten, 1970. – Banater Mosaik, Ess., 1976. – Temeswarer Abendgespräch, Ess., 1978.

Lit.: Nikolaus Berwanger, Franz Liebhard. Ein Schriftstellerleben, Temeswar, 1979, 228 S. – Marian Popa, Dictionar de literaturä romänä contemporanä, Bukarest, 1977, S. 314ff.

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