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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Renner, Karl

Staatsmann

* 1870, 14.12.
Untertannowitz/Südmähren

† 1950, 31.12.
Wien

Karl Renner wurde im deutschen Sprachgebiet Südmährens, unmittelbar an der Grenze zum tschechischen Sprachgebiet geboren. Er teilte die Herkunft aus dem „Sudetenland“ mit Männern wie Theodor Innitzer, der 1929/30 Minister für soziale Angelegenheiten und 1932 Erzbischof von Wien wurde, oder Adolf Schärf, seinem übernächsten Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten. Gemeinsam war ihnen, so unterschiedlich ihr politisches Profil auch war, die tiefe nationale und geistige Verwurzelung in der deutschen Kultur und Nation über die Brüche der Geschichte Österreichs von 1918, 1934, 1938 und 1945 hinweg. Renner hat wie kaum ein anderer den Wandel der politisch-sozialen Verfassung des Landes als Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie, des sogenannten Austromarxismus, reflektiert und politisch mitgestaltet.

Renner war zeitlebens von einer unbändigen Arbeitskraft erfüllt. Er wuchs als 18. Kind in einer verarmten kleinbäuerlichen Familie auf. Das Gymnasium besuchte er in dem seinem Heimatort benachbarten Nikolsburg, die Matura bestand er mit Auszeichnung. Nach dem Einjährig-Freiwilligen-Jahr in der k.u.k. Armee in Wien bezog er 1890 die Universität, um die Rechte zu studieren. Bei Franz Brentano hörte er Praktische Philosophie, bei Alfons Huber österreichische Geschichte, bei Heinrich Lammasch Völkerrecht. Seine mittellose Existenz dürfte sein Interesse an der sozialen Bewegung und am Sozialismus geweckt haben, den er undoktrinär für die Praxis nutzbar machen wollte. Noch vor den Staatsprüfungen und Rigorosen erhielt er 1895 eine Anstellung als Aushilfskraft an der Bibliothek des österreichischen Reichsrats. Das Amt befreite ihn von der materiellen Not. Nun entstanden zahlreiche Abhandlungen (die er als Parlamentsbeamter nur unter Pseudonym veröffentlichen durfte) zur Rechtssoziologie und zur Verfassungsreform des Vielvölkerstaates. Um die Nationalitätenkonflikte zu entschärfen, plädierte Renner für die nationale Autonomie der Völker der Monarchie sowie für das allgemeine, gleiche Wahlrecht und das Verhältniswahlrecht. Josef Stalin, der 1913 in Wien lebte, verfaßte auf Anregung Lenins hin eine Gegenschrift dazu (Marxismus und nationale Frage).

Seit 1905 war Renner in der Genossenschaftsbewegung tätig, die ihn in die Parteipolitik führte. Er gehörte (seit 1907) zu den ersten sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichsrat. Bis in den Weltkrieg hinein versprach er sich von einer verfassungsrechtlichen Umgestaltung der Monarchie den Erhalt des Nationalitätenstaates (Österreichs Erneuerung, 3 Bände, 1916-1917). 1916 wurde er Direktor des staatlichen Ernährungsamtes.

Renners Stunde schlug nach Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie, als er „zum Baumeister des Staates der Deutschen in Österreich“ (Schärf) wurde. Er unterbreitete der Provisorischen Nationalversammlung eine Verfassungsvorlage, die einen schwach dezentralisierten Einheitsstaat („Deutschösterreich“) ohne Länderkammer, aber mit berufsständischem Oberhaus und den Anschluß an das womöglich sozialdemokratisch regierte Deutsche Reich vorsah. Auch „Deutschböhmen“ und „Sudetenland“ sollten in den Staatsverband Deutschösterreich eingegliedert werden. Wie den meisten erschien Renner ein kleinstaatliches Österreich als „lebensunfähig“. Nach den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung Anfang 1919, welche die Sozialdemokraten erstmals zur stärksten Partei machten, führte Karl Renner als Staatskanzler drei Koalitionsregierungen aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen. Bei den Friedensvertragsverhandlungen in Saint Germain mußte er zwar auf Druck und mit Rücksicht auf das Sicherheitsinteresse der Siegermächte die Anschlußpolitik aufgeben, konnte aber die Einheit Kärntens retten und das deutschsprachige Westungarn (das spätere Burgenland) an Österreich bringen. Er sicherte die Erste Republik zudem gegen die Rätebewegung in Bayern und Ungarn.

Renners nüchterne, auf Verständigung mit den Christlichsozialen gerichtete Politik scheiterte an der doktrinär-marxistischen Gruppierung seiner Partei um Otto Bauer. Nach Ausscheiden der Sozialdemokraten aus der Regierung im Jahr 1920, in die sie erst 1945 wieder gelangen sollten, widmete sich Renner erneut der gelehrten und auch der dichterischen Arbeit. Der Politik blieb er als Präsident der Arbeiterkonsumgenossenschaft und der von ihm mitgegründeten „Arbeiterbank“, als Parlamentarier und zuletzt einer der Präsidenten des Nationalrates verbunden. Nach Errichtung des autoritären „Christlichen Ständestaates“ durch Dollfuß im Februar 1934 und dem Verbot aller Parteien zur Abwehr von Nationalsozialismus und klassenkämpferischem Austromarxismus waren die Sozialisten in die Untergrundarbeit gedrängt worden. Auch Renner verlor seinen Parlamentssitz. Er zog sich in sein Landhaus nach Gloggnitz zurück. Öffentlich meldete er sich noch einmal nach der Annexion Österreichs durch Hitler zu Wort, als er unmittelbar vor der Volksabstimmung über die Eingliederung Österreichs ins Dritte Reich im Neuen Wiener Tagblatt (am 3. April 1938) zu einem positiven Votum aufrief: „Obwohl nicht mit jenen Methoden, zu denen ich mich bekenne, errungen, ist der Anschluß nunmehr doch vollzogen, ist geschichtliche Tatsache, und diese betrachte ich als wahrhafte Genugtuung für die Demütigungen von 1918 und 1919, für St. Germain und Versailles“.

Renners Kalkül war, daß nach der Niederlage des Nationalsozialismus, die er über kurz oder lang erwartete, Großdeutschland Bestand und ein großdeutscher, demokratischer Sozialismus eine Chance hätte. Er unterschied sich darin nicht von seinen Parteigenossen Otto Bauer, Friedrich Adler und Oskar Pollak, die in die Emigration geflüchtet waren. Auch Kardinal Innitzer, der den 1918 vergeblich herbeigesehnten Anschluß nun endlich verwirklicht sah, rief 1938 mit seinen Mitbischöfen zu einem „Ja“ bei der Volksabstimmung auf. Adolf Schärf war sich noch Mitte 1943 gegenüber Wilhelm Leuschner unsicher, ob der Anschluß für alle Zeiten „verspielt“ sei. Renner blieb während der nationalsozialistischen Herrschaft unbehelligt, während viele seiner Parteigenossen in KZ-Haft kamen.

Renners zweite große Stunde schlug bei Gründung der Zweiten Republik. Als Staatskanzler und Chef der provisorischen Staatsregierungvon April bis Dezember 1945 setzte er die Verfassung der Ersten Republik (in der Fassung von 1929) wieder in Kraft. Sein wichtigstes Ziel war, die Einheit Österreichs zu bewahren und dem Land die volle Unabhängigkeit zurück zu gewinnen. Der großdeutschen Idee entsagte er nur schweren Herzens: Es bleibe jetzt „nichts übrig, als selbst auf den Gedanken eines Anschlusses zu verzichten“, auch wenn das „so manchem hart werden“ dürfte. Renners Autorität war trotz seiner Anschlußbekundung von 1938 immer noch so groß und seine Person vor allem auch von der sowjetischen Besatzungsmacht akzeptiert, daß er die divergierenden Interessen innerhalb der Allparteienregierung bis zu den Wahlen Ende 1945 zu bündeln vermochte.

Da Österreich 1945/46 von 383.000 Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten bzw. den Gebieten der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie überschwemmt und die Lebensmittelversorgung in Wien zusammengebrochen war, verlangte die Provisorische Staatsregierung den Abschub der 150.000 „Sudetendeutschen“, die bis 1918 österreichische Staatsbürger gewesen waren und sich als „Altösterreicher“ betrachteten, in die deutschen Besatzungszonen. Karl Renner sah in den Vertriebenen seiner Heimat, deren Anschluß an Österreich er 1918 gefordert hatte, nun tschechoslowakische Staatsbürger, für die nicht Österreich, sondern der deutsche Aggressor aufkommen müsse. Diese parteiübergreifende Einstellung, die sich später in der geringen Wiederaufbauhilfe und Entschädigung der verbliebenen Vertriebenen ausdrückte, hat eine mit der Bundesrepublik Deutschland vergleichbare Integration der Flüchtlinge in die Nachkriegsgesellschaft verhindert.

Der Nationalrat wählte Renner im Dezember 1945 einstimmig zum Bundespräsidenten. Nur ungern schied er aus der politischen Tagesarbeit aus. Für seine Partei, die SPÖ, trat der ebenso wie er pragmatisch denkende Adolf Schärf als Vizekanzler in die aufgrund des Wahlergebnisses vom November 1945 gebildete große Koalition ein. Renner wurde zur Vaterfigur der Zweiten Republik, der er als Lehrer und Erzieher seines Volkes (durchaus vergleichbar mit Theodor Heuss) zur Festigung eines österreichischen Staatsbewußtseins verhalf.

Lit.: Adolf Schärf, in: Neue österreichische Biographie ab 1815, Bd. IX. Zürich, Leipzig, Wien 1956, S. 9-30. – Wilhelm Brauneder: Karl Renners „Entwurf einer provisorischen Verfassung“: ein vorläufiger Bericht. In: Staatsrecht in Theorie und Praxis. Festschrift Robert Walter zum 60. Geburtstag. Hg. v. Hans Mayer. Wien 1991, S. 63-95. – Walter Rauscher: Karl Renner. Ein österreichischer Mythos. Wien 1995. – Protokolle des Kabinettsrates der Provisorischen Regierung Karl Renner 1945. Hg. v. Gertrude Enderle-Burcel, Rudolf Jeřábek, Leopold Kammerhofer. Bd. 1 (29. April 1945 bis 10. Juli 1945). Horn-Wien 1995. – Matthias Pape: Die völkerrechtlichen und historischen Argumente bei der Abgrenzung Österreichs von Deutschland nach 1945. In: Der Staat 37 (1998) S. 287-313. – Ders.: Das wiedererstandene Österreich und die Anschlußfrage. Adolf Schärfs Erinnerung an die Begegnung mit Wilhelm Leuschner im Jahr 1943 – Eine quellenkritische Betrachtung. In: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 106 (1998) S. 410-425.

Bild: Süddeutscher Verlag München, Bilderdienst.

 Matthias Pape

 

 

 

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