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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Rokyta, Hugo

Kunsthistoriker

* 1912, 24.11.
Kamieńsk

† 1999, 16.03.
Wittingau/Třeboň (Südböhmen)

Sein Name sollte eigentlich neben den von Karl Baedeker und Georg Dehio stehen, die mit ihren Büchern Bildungsgeschichte schrieben und Weltruf erlangten. Der Baedeker ist seit dem 19. Jahrhundert dem Touristen als Reisehandbuch unentbehrlich. Ohne den Dehio kann der kunstgeschichtlich interessierte Reisende viele Kunstdenkmäler in ihrer Bedeutung kaum würdigen. Wäre der Name Rokyta bekannter und sein Werk von den Mitteleuropäern verstanden, läge im Reisegepäck jedes Touristen in Böhmen, Mähren und Schlesien der Rokyta als Handbuch der Gedenkstätten der Kulturbeziehungen im Raum der böhmischen Ländern.

Hugo Rokyta wurde 1912 in Kamieńsk geboren, und zwar zufällig in dieser Stadt in der heutigen polnischen Wojwod­schaft Lodž, weil sein Vater wie viele andere Österreicher beruflich in vielen Kronländern der Donaumonarchie arbeiten musste. So sind Sudetendeutsche wie Erwin Kolbenheyer in Buda­pest geboren, der Schriftsteller Bruno Brehm in Laibach, die südmährische Dichterin Ilse Ringler-Kellner in Sarajevo, der Olmützer Übersetzer und Autor Otto F. Babler ebenfalls in Bosnien. Hugo Rokyta wuchs in Brünn (Brno) auf, sein Vaterhaus war aber in Lanzendorf nördlich von Olmütz. Bis zur Matura in Brünn war er bereits in Deutsch und Tschechisch perfekt, er beherrschte aber auch Jiddisch und das slawische Idiom, das oft als Wasserpolnisch bezeichnet wird.

Von 1931 bis 1938 studierte Rokyta in Prag an beiden Universitäten: An der nunmehr Tschechischen Karlsuniversität Geschichte, Slawistik und Volkskunde, an der Deutschen Universität Germanistik und Volkskunde, außerdem an der Hochschule für Politik und Diplomatie Politikwissenschaften. 1938 wurde er, erst 25 Jahre alt, Sekretär des Abgeordnetenhauses, aber bereits 1939 von den neuen nationalsozialistischen Machthabern verhaftet und nach Dachau und später nach Buchenwald verschleppt. Seine Frau war ebenfalls fünf Jahre in Ravens­brück inhaftiert, ehe beide auf Intervention des Internationalen Roten Kreuzes 1944 entlassen wurden. Als Antifaschist wurde Rokyta 1946 nicht vertrieben, sondern konnte bleiben und seit 1948 als Lektor im Verlag „Orbis“ und als Dozent bis zum Beginn des kommunistischen Kirchenkampfes an der Hochschule „Studium Catholicum“ lehren. 1952 promovierte er mit einer Arbeit über die alttschechische Katharinenlegende aus der Zeit Kaiser Karls IV. Seit 1955 arbeitete er für die Staatliche Denkmalpflege und gab zahlreiche Schriften über Kunstdenkmäler in der Tschechoslowakei heraus. Nach dem Prager Frühling durfte er endlich auch ins westliche Ausland reisen und erhielt eine Honorarprofessur in Salzburg. In dieser Zeit war sein Hauptwerk entstanden: „Die böhmischen Länder. Handbuch der Denkmäler und Gedenkstätten europäischer Kulturbezeichnungen in den böhmischen Ländern“, das 1970 in Salzburg erschien und nach der politischen Wende des Jahres 1989 auch neu bearbeitet wurde und in Prag in drei Bänden über Prag, Böhmen und Mähren-Schlesien neu herausgegeben wurde. In diesem Werk zeigt Rokyta auf, wie vielfältig und eng im Laufe der wechselvollen Geschichte der Länder der böhmischen Krone die Kontakte zum europäischen Geistesleben waren und vor allem, welche Größen europäischer Kultur in Beziehung zu Böhmen und seinen Nachbarländern standen oder dort auch zu Gast waren. Man kann durch dieses Buch Prag und die heutige Tschechische Republik viel intensiver erleben, ja mit europäischen Augen neu wahrnehmen. Rokyta war zeitlebens ein echter Altösterreicher geblieben. „Andere haben ihre Büros und Dienstadressen. Ich habe mein Kaffeehaus, wo ich zu erreichen bin“, sagte er selber. Es war das ehemalige Café Radetzky am Kleinseitner Platz in Prag, das heute das Kaffeehaus „Malástranská“ ist.

Nach dem Tod seiner Frau 1993 verbrachte er seinen Lebensabend in einem Pflegeheim der Boromäerinnen in Mährisch Budwitz (Moravské Budějovice). Er starb am 18. März 1999 im Krankenhaus im Wittingau (Třebon). Rokyta erhielt verschiedene Ehrungen wie die Jan-Amos-Comenius-Medaille der Stadt Fulnek, die Johann-Kepler-Medaille der Stadt Prag, die Goldene Winckelmann-Medaille, die Goethe-Medaille und den Ehrenring der Görres-Gesellschaft. Sein Hauptwerk wurde viel gerühmt. So urteilte Golo Mann: „Es ist das bei weitem Reifste, Schönste, was es über den an sich so reichen Gegenstand gibt.“ Hans-Dietrich Genscher schrieb ihm: „Ihr Lebenswerk ist beispielhaft für die Kraft des kulturellen Austausches als Fundament der Verständigung zwischen Völkern“. Sein Schüler Erhard Koppensteiner würdigte ihn zum 100. Geburtstag in einem Vortrag des Adalbert-Stifter-Vereins im Kulturforum des Sudetendeutschen Hauses, veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Institutum Bohemicum der Ackermann-Gemeinde und dem Deutschen Kulturforum Östliches Europa Potsdam als „Böhmischen Landespatrioten, Kulturwissenschaftler und Publizisten, Denkmalpfleger, Reiseleiter, Vortragenden und Universitätslehrer.“

Bild: Archiv des Verfassers.

Rudolf Grulich

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