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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Rothfels, Hans

Historiker

* 1891, 12.04.
Kassel

† 1976, 22.06.
Tübingen

Nur gerade ein Viertel seiner 85. Lebensjahre hat Hans Rothfels, der aus der Mitte Deutschlands kam, in dessen östlicher Hälfte gewirkt; dennoch wird seiner mit vollem Recht in diesem Jahrbuch gedacht. Wenn sich der Osten darin vom Westen unterschied, daß hier sozusagen nichts nur naturwüchsig war, alles auf Entscheidung und Bekenntnis ankam – von Grenzziehung und Besiedlung über die nationale Zugehörigkeit zur Politik –, dann war das meiste von dem, was er bei seinen Forschungen zur neueren deutschen Geschichte erkannt und an seine Studenten, Hörer und Leser weiterzugeben versucht hat, „östlich“, dem Westen und Süden zunächst fremd. Auch sein Leben und Wirken war sehr bewußt auf Entscheidung und Bekenntnis gestellt, wie ihn denn die „Prinzipienfragen“ und die sittlichen Entscheidungen in der Geschichte vor allem beschäftigt haben. Seine Wirksamkeit war groß. Die ganz unprätentiöse Autorität und der Charme seiner Persönlichkeit waren so stark, daß er überall der Mittelpunkt war; wie die Menschen fielen ihm auch die Ämter und Ehren ungesucht zu; er nahm beides als selbstverständlich hin, ohne darüber ein Wort zu verlieren. Als akademischer Lehrer verkörperte er eine Universität, die ihre Studenten und deren wesentliche Fragen – die meist auch die wesentlichen Fragen der Zeit sind – ernst und in strenger fachlicher Arbeit in die Pflicht nahm, wenig von Bildung redete, aber intensiv bildete. Er war kein Mann der dicken Bücher oder rhetorischen Brillanz, sondern des knappen, eindringlichen, aber inhaltsreichen Vertrags oder Aufsatzes, der Pointierung, nicht der Breite. Als Forscher wirkte er durch eigenständige Frage- und Problemstellungen wie als Anreger und Organisator; gerade hier hat er bis ins hohe Alter die Mühsal täglicher Pflichterfüllung und treuer Kleinarbeit nicht gescheut.

Der Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie Kassels besuchte dort das humanistische Gymnasium. Sein Studium in Freiburg, München, Berlin und wieder Freiburg (1909-1914) führte ihn bald zur Geschichte und zu Friedrich Meinecke, dem Meister der geistesgeschichtlichen Analyse, der sein eigentlicher Lehrer und Mentor wurde. So bewußt wie seine Entscheidung für diese Art der Geschichte war die gleichzeitig getroffene für den evangelischen Glauben. Im Weltkrieg als Artillerieoffizier schwer verwundet – nach Amputation eines Oberschenkels lag er zweieinhalb Jahre im Lazarett – wurde er 1918 von Hermann Oncken in Heidelberg mit einer ideengeschichtlichen Studie über Carl von Clausewitz – Politik und Krieg promoviert, dem ersten seiner großen Themen. Nach vier Jahren als Archivrat am Reichsarchiv in Potsdam (1920-1924) habilitierte ihn Meinecke in Berlin mit einer Arbeit über Bismarcks Bündnispolitik, die er ein Jahr später durch eine klassisch gewordene Auswahl von Dokumenten zu Bismarcks Verhältnis zum Staat abrundete. Auch dieses Thema hat ihn sein Leben lang beschäftigt.

Wenig später lernte er es ganz neu sehen und behandeln. Denn in der Welt des östlichen Mitteleuropa, in die er mit seiner Berufung an die Universität Königsberg eintrat, stimmte vieles von dem nicht mehr, was im Westen als selbstverständlich galt. Die äußeren Anstöße zu dieser neuen Erkenntnis kamen wohl von der Politik, von „Versailles“ und seinen in Ostpreußen ganz besonders spürbaren Auswirkungen auf die Völker. Seine Positionen hatten jedoch nichts zu tun mit dem engstirnigen Nationalismus der „nationalen Rechten“ jener Jahre, sein Kampf gegen Versailles wurde nicht um andere Grenzen, sondern um andere Gesinnungen geführt. Mit seinen Studenten, denen er auch sein kinderreiches Haus öffnete, lernte er Ostpreußen, die baltischen Staaten, Polen kennen; die Frucht dieser Erfahrungen war eine neue, „östliche“ Sicht Bismarcks, der vom Staat, nicht von der Nation her gedacht und gehandelt und föderative Ordnungen zu verwirklichen versucht habe, die keinem zumuteten, wegen seiner Zugehörigkeit zu einer durch Sprache und Literatur bestimmten „Kulturnation“ in Konfllikt mit einer „Staatsnation“ zu leben. Entsprechende Regelungen der Schulgesetzgebung jener Jahre oder der estländischen Kulturautonomie galten ihm immer als vorbildlich.

Den Nationalsozialismus hätte ein solcher Mann auch dann bekämpft, er ihm nicht sein Deutschtum abgesprochen und ihm Amt, Wirkungsmöglichkeit und Heimat genommen hätte. In der Hoffnung auf die innerdeutsche Opposition versuchte sich Rothfels in Deutschland zu halten; Mitte August 1939 mußte er schließlich doch über England in die USA emigrieren und sich dort eine neue Existenz in. Kurz nach Kriegsende wurde er auf einen Lehrstuhl nach Chicago berufen. Auch hier blieb Rothfels Deutschland eng verbunden. Aus einem öffentlichen Vortrag von 1947 ging sein Buch über German Opposition to Hitler (1948) hervor, die erste zusammende Würdigung vor allem des preußisch-konservativen Widerstandes, die 1949 auf deutsch erschien und von ihm immer wieder neu bearbeitet wurde.

Die Rückkehr ist ihm trotzdem nicht leichtgefallen, auch als er aus der Resonanz auf seinen großen Bismarck-Vortrag auf dem ersten Nachkriegs-Historikertag spürte, wie sehr er in Deutschland gebraucht wurde. Von Tübingen aus entfaltete er seit 1951 nochmals eine intensive Wirksamkeit als Forscher und Lehrer, als Organisator der jungen Disziplin „Zeitgeschichte“ und Herausgeber der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, als Repräsentant des „Verbandes der Historiker Deutschlands“ und der besten Traditionen der deutschen Geschichtswissenschaft, als Interpret Bismarcks in einer Zeit, der er zutiefst fragwürdig geworden war, als Repräsentant des alten Preußen wie der jungen Bundesrepublik. In ihrem Bekenntnis zu den Grundwerten des Ostens sah er eine Erfüllung des Vermächtnisses des Widerstandes; die Teilung sah er illusionslos als Ergebnis bloßer Machtpolitik, ihre Überwindung abhängig von einem Wandel der sowjetischen Haltung gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. Den erklärten Verzieht der Vertriebenen auf jeden Versuch, ihr Recht auf Heimat anders als durch freie Vereinbarung mit den östlichen Nachbarn zu verwirklichen, begrüßte er. Die Entwicklung seit 1989 hätte er als Bestätigung empfunden.

Rothfels hat bedeutende Schüler gehabt, von denen hier nur die „Königsberger“ Theodor Schieder (1908-1984) und Werner Conze (1910-1986) genannt seien, aber keine Schule gebildet. Vergessen ist er deshalb nicht; sein 100. Geburtstag sollte Anlaß sein, sich erneut auf die Werte zu besinnen, die er vertrat.

Werke: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Vortrage und Aufsätze. Göttingen 1959 u.ö. –Bismarck, der Osten und das Reich. Darmstadt 1960. – Bismarck. Vorträge und Abhandlungen. Stuttgart 1970. – Bibliographie der weiteren Schriften in Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hgg.): Aspekte deutscher Außenpolitik im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1976, S. 287-304.

Lit.: Werner Conze (Hg.): Deutschland und Europa. Festschrift für Hans Rothfels. Düsseldorf 195 l. – Waldemar Besson und Friedrich Frhr. Hiller v. Gaertringen (Hgg.): Geschichte und Gegenwartsbewußtsein. Festschrift für Hans Rothfels zum 70. Geburtstag. Göttingen 1963. –Hans Mommsen, in: Benz und Graml, aaO., S. 9-28. – Ders. in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Deutsche Historiker. Bd. 9. Göttingen 1982, S. 127-147. –Werner Conze, in: Historische Zeitschrift 237 (1983), S. 311-360.

Bild: Aus W. Conze (Hg.): Deutschland und Europa (wie oben).

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