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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Sacher-Masoch, Leopold Ritter von

Schriftsteller, Historiker, Kulturkritiker

* 1836, 27.01.
Lemberg/Galizien

† 1895, 09.03.
Lindheim/Hessen

Der Marquis de Sade hat den Sadismus nicht „erfunden“, genausowenig wie der nicht ganz 100 Jahre jüngere Leopold Ritter von Sacher-Masoch den Masochismus. Diese Varianten des sog. „normalen“ Sexualverhaltens sind so alt wie die Menschheit selbst. Aber die beiden Zitierten haben es sich gefallen lassen müssen (Sacher-Masoch noch zu Lebzeiten), daß von ihren Namen die eingangs genannten Begriffe abgeleitet wurden. Die nicht alltägliche Biographie Sacher-Masochs beginnt bereits mit seiner Herkunft. Der Stammvater, ein spanischer Reiterhauptmann Sacher, kam unter Karl V. nach Deutschland, kämpfte 1547 in der Schlacht bei Mühlberg und gründete schließlich in Böhmen eine Familie, in die im Laufe der Zeiten deutsches, italienisches, tschechisches und ungarisches Blut gelangte. Den 1818 in den erbländischen Ritterstand erhobenen Großvater verschlug es nach 1772 in das durch die l. Teilung Polens an Österreich gefallene Galizien, in dessen Hauptstadt Lemberg der Vater des dort am 27.1.1836 geborenen Leopold von S.-M. Polizeichef war. Der Großvater mütterlicherseits, Professor an der Lemberger Universitätsklinik, erwirkte nach dem frühen Tod des einzigen Sohnes die kaiserliche Erlaubnis, seinen Familiennamen Masoch dem des Schwiegersohns hinzuzufügen. Daher gibt es seit 1838 die Familie Sascher-Masoc.

Erst mit 12 Jahren, seit der Versetzung des Vaters nach Prag, erlernte der junge Leopold das Deutsche. Zuvor hatte er, der während so manchen Sommer- und Herbstaufenthaltes auf dem Lande nachhaltige Eindrücke vom schweren Leben der Bauern wie auch vom ursprünglichen Wesen der starken jüdischen Bevölkerung empfing, nur polnisch, ukrainisch und französisch gesprochen. Seine ukrainische Amme brachte ihm die heimatliche Märchen- und Sagenwelt nahe.

Nach einem zunächst reichlich unsystematischen Studium erst in in Graz, wohin der Vater 1853 versetzt worden war, promovierte S.-M. dort 1856 zum Dr. jur. und habilitierte sich selben Jahr zum Privatdozenten für Geschichte, der er auch als Verfasser historischer Romane Tribut zollte. Wo aber seine eigentliche Stärke als Schriftsteller lag, erwies sich schon in senem erzählerischen Erstling, in dem kleinen Roman „Eine galizizische Geschichte 1846“ (1858), Schilderungen vom Aufstand in der Heimat des Autors im Jahre 1846, mit Sympathie für die Unterschichten, die kleinen Leute, geschrieben.

Es ist bedauerlich, daß S.-M., der die Hochschullehrerlaufbahn zugunsten einer Existenz als freier Schriftsteller aufgab, von dem hier eingeschlagenen künstlerischen Weg, der ihn in die Nähe von Turgenjew rückte, nur allzu häufig auf bequeme Nebenpfade ausgewichen ist: in die Domäne des „pikanten“ Sittenromans, auf das thematisch sich ständig wiederholender und daher letztlich langweiliger Herrin-und-Sklave-Auspeitschgeschichten („Venus im Pelz“, 1870, u.v.a.). Eine Produktion, die aus einer exzentrischen sexuellen Obsession entstand, aber auch wegen einer permanenten wirtschaftlichen Bedrängnis schnell, allzu schnell zustande kam. Die hierdurch erlangte fragwürdige Berühmtheit hat Sacher-Masochs Ruf als Künstler und Mensch geschadet und fast völlig vergessen lassen, daß er seine europäische Geltung jenen Werken verdankte, in denen er die Welt seiner Heimat, Erlebtes, Erinnertes und Überliefertes aus Galizien gestaltet hat. Hierher gehören etwa die Novelle „Don Juan von Kolomea“ (1866), der Band „Galizische Geschichten“ (1875; Neue Folge 1881), die Sammlungen „Judengeschichten“ und „Neue Judengeschichten“ (1878; 1881) oder Novellen wie „Das Volksgericht“ und „Das Paradies am Dnjestr“ (beide 1882), um nur einiges zu nennen.

Auch in dem geplanten, aber nicht vollendeten sechsteiligen Zyklus„Das Vermächtnis Kains“ (1870/77), dem eigentlichen Hauptwerk, welches das Menschendasein in seinen elementaren Bereichen vorführen sollte, sind volks- und heimatnahe Stoffe und Themen verarbeitet. Die starke Bindung an die Bezirke der Herkunft hat S.-M. aber nicht gehindert, sich über nationale Enge zu erheben, wozu er als Sohn des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn gute Voraussetzungen mitbrachte. Er war ein Weltbürger, dem Besserung der sozialen und politischen Verhältnisse nur durch Demokratie möglich erschien und der bereits vor 100 Jahren für wünschenswert und notwendig hielt, was immer noch nicht erreicht ist: die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa. Sacher-Masoch hat ein gehetztes, unstetes Leben geführt, 13 Jahre in unglückseliger Ehe gelebt. Seiner zweiten Frau, die er 1890 auf dem noch britischen Helgoland heiratete, gelang es, sein Leben in ruhigere Bahnen zu lenken. Sie war in Leipzig, wo S.-M. von 1881-85 eine anspruchsvolle literarische Revue von internationalem Zuschnitt leitete, als Übersetzerin zu ihm gestoßen: Hulda Meister (1846-1919), die aus dem westpreußischen Strasburg stammte, mehrere Fremdsprachen beherrschte und eine für damalige Verhältnisse sehr selbständige und emanzipierte Frau war. Sie erwarb 1886 in dem oberhessischen Dorf Lindheim (unweit Büdingen) ein Landhaus, das S.-M. für die letzten 13 Jahre seines Lebens Geborgenheit bot. Daß er hier 1893 einen u. a. auch um Abbau des tief verwurzelten ländlichen Antisemitismus bemühten Volksbildungsverein gründete und betreute, hat ihm neue Gegner, aber auch viele Anhänger gebracht. In Lindheim ist er am 9. März 1895 gestorben.

Werke (Auswahl): Der Emissär. Eine galiz. Gesch., (1863); Kaunitz (hist. Rom.; 1865); Aus d. Tagebuch eines Weltmannes. Causerien aus d. Geschichte u. d. Bühnenwelt (1869); Die geschiedene Frau (1870); Falscher Hermelin. Kl. Geschichten aus d. Bühnenwelt (1873); Die Messalinen Wiens (dto.); Soz. Schattenbilder. Aus d. Memoiren eines österr. Polizeibeamten (dto.); Ein weibl. Sultan (dto.); Über den Wert der Kritik (dto.); Russ. Hofgeschichten (1873/74); Wiener Hofgeschichten (1873/77); Liebesgeschichten aus versch. Jhdten (1874/77); Die Ideale unserer Zeit (1875); Die Republik der Weiberfeinde (1878); Der Hau (1882); Frau von Soldan (1884); Poln. Ghetto-Geschichten (1886); Die Messalinen Berlins (1887); Poln. Geschichten (dto.); Souvenirs (autobiograph. Prosa; 1887, erstm. dt. 1985); Choses vécues (ebenso; 1888, wie vor); Die Schlange im Paradies (1890); Jüd. Leben in Wort und Bild (dto.); Lustige Geschichten aus d. Osten (1893); Die Satten u. d. Hungrigen (1894).

Lilt.: C.F. v. Schlichtegroll, S.-M. u. d. Masochismus, Dresden 1901; Hulda Edle von S.-M., Erinnerungen an S.-M., in: Wiener Leben, Jg. 41, Nr. 10 (17.4.1910), S. l ff.; auch in: L. v. S.-M., Souvenirs. Autobiograph. Prosa, München 1985).M. Bransiet, La Vie et les Amours Tourmentées de S.-M., Paris 1910; E. Hasper.L. v. S.-M. Sein Lebenswerk mit vorzügl. Berücksichtigung der Prosadichtungen. Leipzig 1932; M. Amiaux, Le Chevalier de S.-M., Paris 1938; S. Nacht, Le Masochisme, Paris 1948; Th. Reik, Le Masochisme (Übers. aus d. Dt.), Paris 1949; J. Cleugh, The Marquis and the Chevalier, London 1951; R. Federmann, S.-M. oder die Selbstvernichtung, Graz u. Wien 1961; G. Deleuze, S.-M. und der Masochismus, in: Venus im Pelz (Neuausgabe), Frankfurt/M. 1968; K.E. Demandt, L. v. S.-M. u.s. Volksbildungsverein zw. Schwarzen, Roten und Antisemiten, in: Hess. Jb. f. Landesgesch. 18/1968, S. 160-208 (auch als Sonderdruck); K. Perutz, L. v. S.-Masoch. Sein Leben u. s. Zeit, München 1981; M. Farin (Hg.), L. v. S.-Masoch. Materialien zu Leben und Werk, Bonn 1985.

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