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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Sacher-Masoch, Leopold Ritter von

Schriftsteller, Historiker, Kulturkritiker

* 1836, 27.01.
Lemberg/Galizien

† 1895, 09.03.
Lindheim/Hessen

"Jedes echte poetische Werk hebt an dem Ausschnitt der Wirklichkeit, den es darstellt, eine Eigenschaft des Lebens heraus, die so vorher nicht gesehen worden ist." Wenn wir das "so" im Sinne von ‘so deutlich’ interpretieren und wir es mit dem Echt-Poetischen so genau nicht nehmen, dann gilt diese Feststellung Wilhelm Diltheys über das Verhältnis von Erlebnis und Dichtung auch für den von Sacher-Masoch in nimmermüder Wiederholung beschriebenen sexualpathologischen Aspekt der Liebe, den der Psychiater Krafft-Ebing aus der Lektüre dieses Autors abstrahiert und nach ihm im Jahre 1890 Masochismus genannt hat. Was es damit auf sich hat, lassen wir uns am besten von dem Gutsherren Demetrius erklären, dem Don Juan von Kolomea aus Sacher-Masochs gleichnamiger Erzählung von 1866: "Liebe ist Sklaverei und man wird Sklave, wenn man liebt. Man fühlt sich vom Weibe mißhandelt, man schwelgt nur in der Wollust ihrer Despotie und Grausamkeit. Man küßt den Fuß, der uns tritt." Radikalisiert wird diese Lust am Gepeinigtwerden in der ebenso berühmten wie berüchtigtenVenus im Pelz von 1870, jener die Peitsche schwingenden, mit pelzbesetzter Kazabaika (einer mantelartigen Jacke) bekleideten Schönheit, die als eine Art von Warenzeichen auch die Briefköpfe des Autors schmückte.

Ein solcheramour maudit, ein solcher Schmerzgenuß als Qual oder Quälerei: der Sklave Demetrius wandelt sich zum weinen machenden herrischen Verführer, braucht allerdings – und hier meldet sich der Kulturkritiker Sacher-Masoch zu Wort – nicht für alle Zeit auf der Menschheit zu lasten. "Jetzt" freilich, so läßt er Severin, den ‘Helden’ derVenus im Pelz, räsonieren, "haben wir nur die Wahl, Hammer oder Amboß zu sein", und "das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht", kann "nur seine Sklavin oder seine Despotin sein (…),nie aber seine Gefährtin. Dies wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit". Eine derartige Sozialutopie, in welcher der Strindberg vorwegnehmende Geschlechterkampf durch eine harmonische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Mann und Frau ersetzt worden ist, gestaltet der Autor in der Erzählung Marzella oder das Märchen vom Glück.

Sie bildet den Abschluß des ersten,Die Liebe benannten und 1870 im renommierten Cotta-Verlag publizierten Teiles eines großangelegten Novellen-Zyklus mit dem GesamttitelDas Vermächtniß Kains. Er blieb leider unvollendet; lediglich 1877 folgte noch, aber schon nicht mehr bei Cotta, als zweiter TeilDas Eigenthum. Geplant war, den Zyklus mit vier weiteren Teilen zu je sechs Werken über den Staat, den Krieg, die Arbeit und den Tod zu komplettieren. Dem Autor schwebte also eines jener im neunzehnten Jahrhundert so beliebten Mammutunternehmen in der Art von BalzacsComédie humaine oder des Rougon-Macquart-Zyklus Emile Zolas vor.

In dem mit zwölf recht umfangreichen Erzählungen immer noch respektablen Torso gab der Autor sein Bestes. Die bepelztefemme fatalepräsentierte sich hier noch als eine lebensvolle und glaubhafte Variante der vielgestaltigen Liebesgöttin, war noch nicht durch ihre papiernen, wie eine Serie von Sacher-Masochs Kazabaikadamen-Briefbögen zu überblätternden Kopien ersetzt; das Thema Liebe erschöpfte sich noch nicht in ‘masochistischen’ Fieberphantasien, und die Eigentums-Novellen mieden sogar ganz das für den Autor so gefährliche Venus-Terrain.

Auch die Kolomea-Erzählung fand, nach ihrer Erstveröffentlichung im Oktober 1866 in Westermann’s Illustrirten Deutschen Monatsheften,1870 Aufnahme in den Vermächtniß-Zyklus. Der gefürchtete Kritiker Ferdinand Kürnberger bekannte sich enthusiastisch zu ihr, Paul Heyse öffnete ihr 1876 seinen Maßstäbe setzenden Deutschen Novellenschatz, und Mitte der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts, nach Ablauf der Schutzfrist, wurde Sacher-MasochsDon Juan von Kolomeasogar Bestandteil der größten und populärsten deutschen Bildungsbücherei, von Reclams Universal-Bibliothek. Man hatte eine gute Wahl getroffen. Die Erzählung bringt die nun einmal nicht wegzuleugnende masochistische Komponente der menschlichen Sexualität in maßvoller Dosierung; denn ihr Zentralthema ist weniger die Versklavung des Mannes als vielmehr der Übergang einer lediglich naturhaften weiblichen Liebe vom Gatten zu den gemeinsamen Kindern, woraufhin sich nun seinerseits der frustrierte Ehemann an der restlichen Weiblichkeit schadlos hält. Was aber den besonderen und unvergeßlichen Reiz dieser Novelle ausmacht, das ist die quicklebendige, mit allen Ingredienzen mündlicher Rede versetzte Diktion des donjuanesken Gutsbesitzers, der dem Rahmen-Erzähler, einem à la TurgenjewscherJäger stilisierten Reisenden, seine Lebensgeschichte, mit einigen Gläsern Tokaier versüßt, auftischt.

Angesichts des Don Juan und überhaupt der meistenVermächtniß-Novellen, aber auch des im Galizien der polnischen Insurrektion von 1848 spielendenEmissärs(1863) wird eine briefliche Bemerkung des bedeutenden österreichischen Erzählers Ferdinand von Saar vom 31. August 1885 verständlich. "Meiner Meinung nach", so äußert er sich gegenüber der Fürstin Marie zu Hohenlohe, "ist Sacher das genialste und wirklichste Erzählertalent der Gegenwart (in Deutschland natürlich!)". Ebenso zutreffend und die ganze Tragik dieser Dichterexistenz beleuchtend ist aber auch sein Zusatz: "zu beklagen ist, daß er im innersten Mark nicht gesund ist und neben den herrlichsten Blüten und Früchten auch sehr wunderliche Auswüchse zutage fördert".

Geboren wurde Sacher-Masoch von einer ruthenischen (nach heutigem Sprachgebrauch ukrainischen) Mutter. Die Abstammung seines Vaters, des damaligen Polizeipräsidenten von Lemberg, bleibt unbestimmbar. 1848 zog die Familie nach Prag, 1854 nach Graz. 1856 wurde Sacher promoviert. Er habilitierte sich noch im selben Jahr als Historiker an der Grazer Universität, legte aber 1870 seine Dozentur auf Grund von Streitigkeiten mit deren philosophischer Fakultät nieder. 1858 erschien sein erstes belletristisches Werk: Eine galizische Geschichte. Seit 1872 datiert seine Beziehung zu Angelica Aurora Rümelin, die den Namen seiner Venus, Wanda von Dunajew, annahm. Das Paar heiratete ein Jahr später und ließ sich nach kürzerem Aufenthalt in Wien 1873 im steiermärkischen Bruck an der Mur nieder. 1877 finden wir es dann neuerlich in Wien und, nach einer Budapester Episode im Jahre 1880, seit 1881 in Leipzig, wo Sacher-Masoch vier Jahre lang die internationale Revue Auf der Höhe herausgab. Zu dem Ruin seines Zeitschrift-Unternehmens gesellte sich das Scheitern seiner Ehe. Seine vermögende Leipziger Redaktionssekretärin Hulda Meister rettete ihn aus Existenznöten, zog mit ihm 1886 nach Lindheim in Hessen und heiratete ihn 1890, als endlich, nach langwierigem juristischen Streit, die Scheidung von Wanda erfolgt war. Seine ruhelose Geschäftigkeit hielt ihn bis zuletzt in Atem. Noch einmal, 1890, versuchte er, allerdings vergeblich, in einer größeren Stadt, in Mannheim, mit journalistischer und herausgeberischer Tätigkeit Fuß zu fassen; und 1893 gründete er in Lindheim den "Oberhessischen Verein für Volksbildung". Sein zwei Jahre später erfolgter Tod ersparte ihm die herbe Enttäuschung, die ihm sein sechzigster Geburtstag bereitet haben dürfte, an dem er hätte erfahren müssen, wie gründlich der anfangs begeistert Begrüßte und später Skandalumwitterte vergessen worden war. Dieser Vergessenheit versucht man indessen seit einigen Jahren durch verdienstvolle Neueditionen und Dokumentationen abzuhelfen.

Werke:Aus der uferlosen Produktion werden hier nur der dringend einer Wiederveröffentlichung bedürfende "Vermächtniß"-Zyklus sowie wichtige Neueditionen aufgeführt: Das Vermächtniß Kains. Novellen. I. Theil: Die Liebe. 2 Bde. Stuttgart: J.G. Cotta 1870. II. Theil: Das Eigenthum. 2 Bde. Bern: Georg Frobeen 1877. – Venus im Pelz. Mit einer Studie über den Masochismus von Gilles Deleuze. Frankfurt am Main: Insel 1968. – Souvenirs. Autobiographische Prosa. München: belleville 1985. – Jüdisches Leben in Wort und Bild. Dortmund: Harenberg 1985 (= Die bibliophilen Taschenbücher. Nr. 463). – Don Juan von Kolomea. Galizische Geschichten. Bonn: Bouvier 1985. – Seiner Herrin Diener. Briefe an Emilie Mataja. München: belleville 1987. – Diderot in Petersburg. Wien: Sonderzahl 1987. – Die geschiedene Frau. Nördlingen: Greno Taschenbuch Verlag 1989. – Der Judenraphael. Geschichten aus Galizien. Wien/Köln/Graz: Böhlau 1989 (= Österreichische Bibliothek 10). – Mondnacht. Erzählungen aus Galizien. Berlin: Rütten & Loening 1991 (= R. & L. Lesekabinett).

Lit.: Leopold von Sacher-Masoch. Materialien zu Leben und Werk. Hrsg. von Michael Farin. Bonn: Bouvier 1987. – Albrecht Koschorke: Leopold von Sacher-Masoch. Die Inszenierung einer Perversion. München/Zürich: Piper 1988 (= Serie Piper, Bd. 928).

Bild: Holzschnitt-Frontispiz aus: Sacher-Masoch. Das Eigenthum. Novellen. Erster Band. Bern: Georg Frobeen & Cie. 1877.

 

  Burkhard Bittrich 

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