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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Sandrock, Leonhard

Maler

* 1867, 05.03.
Neumarkt/ Schlesien

† 1945, 30.10.
Berlin

Leonhard Sandrock war der Sohn des gleichnamigen Pastors und der Luise geb. Alker, die einer Offiziersfamilie entstammte. Seine Mutter verstarb bereits 1875, so dass er mit seinem 5-jährigen Bruder Martin in die Obhut von Pflegeeltern kam. Früh zeigte sich sein Talent im Zeichnen und Malen – bemerkenswert, dass er schon als Kind sich jener Motivwelt zuwandte, den Schiffen und dem Meer, die später für sein Schaffen große Be­deutung erlangten. Nach dem Abitur in Schweidnitz trat er 1887 in das Grenadierregi­ment König Friedrich Wilhelm II. in Breslau ein, trotz seines künstlerischen Talents. 1894 überschlug er sich mit seinem Pferd, wodurch er in der Folge gehbehindert seine militärische Karriere beenden musste. So gab er seiner großen künstlerischen Begabung nach. Er studierte bei dem Landschafts- und Marine­maler Professor Herrmann Eschke in Berlin. 1898 wurde er Mitglied des Vereins Berliner Künstler. Zu weiteren Studien ging er nach Holland und Belgien und ließ sich dann in Berlin nieder. 1905 fiel sein Bruder, der Oberleutnant in der Schutztruppe gewesen war, in Kamerun. Leonhard Sandrock hatte geheiratet, die gleichfalls aus Schlesien stammende Ella Schmidt (1874–1946). Die Ehe blieb kinderlos.

1909 mietete Sandrock ein Atelier in Berlin-Friedenau, Wilhelmstraße 16, das er bis zum Tod innehatte. Auf Rei­sen, u.a. in die Hafenstädte der Nord- und Ostsee, seit 1906 nach Italien, Grie­chenland und Malta (1926) und in die deutschen Industriegebiete fand er zu seinen Themen. Besonders der Hamburger Hafen wurde über die Jahre zu einem Hauptmotiv, aber auch Cuxhaven (1902), Danzig (1910) und Stettin. Ebenso gewann Sandrock der Darstellung von Lokomotiven, Hochöfen und In­dustrieanlagen eine besondere ästhetische Qualität ab. Max Osborn schrieb 1912 über ihn: „Er hat seine eigene Welt, die er in unablässi­gem Ringen sich eroberte und nun beherrscht: die Welt des Mee­res und der Häfen, der Werften und Docks, des Was­sers und der Schiffe, der Arbeit und der Ma­schinen. Und er hat seine ganz persönliche Sprache, um auszu­drücken, was er dort gesehen hat“. Allerdings schrieb Osborn mit leichtem Vorwurf „Es ist bezeichnend für Sandrock, dass er auch von einer Reise nach Italien nichts mitbrachte, als eine Anzahl ähnlicher Ausschnitte aus dem Hafen von Genua.“ Sandrocks glühende Palette wäre durchaus für einen Ausbruch des Vesuvs prädestiniert gewesen, aber er zog es vor, diese für rotglühende Feuerlöcher an Öfen und Lokomotiven, für Walzwerke, Koke­reien und Gießereien, für schwefelgelbe Abgüsse und funkensprühendes Schweißen zu verwenden.

Mit Hans Hartig, Hans Klohss, Ernst Kolbe, Alfred Liedtke und Carl Wendel gründete er den Club Berliner Landschafter. Seine Werke erfreuten sich zunehmend großer Beliebtheit, da sie auch die große Prosperität und Moderni­tät des Deutschen Reiches vor dem Ersten Weltkrieg widerspiegelten. Mehrere Museen erwarben Arbeiten. Von 1914 bis 1918 war Sandrock Soldat, u.a. in Galizien.

1919/20 erhielt er den Auftrag Stahlwerke in Schlesien und Westfalen zu malen. In den 20er Jahren erschien bei Amsler & Ruthard eine Mappe mit Schabkunstblättern des be­kannten Breslauers Prof. Franz August Börner nach seinen Gemälden, die auch deshalb Beachtung fand, weil in der Zeit der Hochblüte der Künstlergraphik in Deutsch­land ein anerkannter Künstler sich fremder Vorlagen annahm. Sandrocks Gemälde wurden häu­fig in den damals weitverbreiteten Kunst- und Kul­turzeitschriften wiedergegeben und besprochen, wie in Westermanns Monatshefte, Kunst für Alle, Kunstblatt der Jugend, Kunst und Volk, und häufiger in der in Bres­lau von Paul Keller herausgegebenen Berg­stadt. Sandrock hat sich gelegentlich selbst gekonnt der Radierung und Lithographie zu­gewandt. So waren Blätter von ihm z.B. in der Graphi­schen Ausstellung 1923 im Schöneberger Rathaus zu sehen, auch war er Mitglied der Freien Vereinigung der Graphiker zu Berlin.

In großer Spannweite von pastosem bis zu kräftigem Farbauftrag mit breitem Pinsel­duktus setzte er impressionistische Mög­lich­keiten der Lichtphänomene virtuos ein, staunenswert übertragen auch auf die oft gratigen und großflächigen Gegenstände seiner Mo­tive, ohne in plumpe Formung zu verfallen, bei tiefem Verständnis für technische Details und Arbeitsabläufe. Auffallend sind die Vereinzelungen, d.h. er malt weniger Züge als einzelne (dampfende) Lokomotiven oder Waggons, oder Straßenbahnwagen und keine Straßenbahnen. Oft stehen sie wie ungeordnet in Depots, die dann aus solchen zufälligen Zusammenhängen mit ihrer „Individualität“ mehr Geltung erlan­gend, ihre eigene Bestimmung verdeutlichen. Meist werden von ihm auch die Menschen gezeigt, welche die Maschinen und Verkehrsmittel bedienen, wodurch sowohl die Beherrschung als auch die Nützlichkeit zu erkennen ist. Trotz aller treffend dargestellten Schwere der Arbeitswelt haben seine Gemälde eine freundliche Anmutung, welche „arbeitsheroische Einwände“ gar nicht erst aufkommen lassen.

Nur selten hat Sandrock seine Bilder datiert, was für sein Schaffen wohl konsequent gewesen ist, da er schon zu Beginn seines spät einsetzenden professionellen Arbeitens sich seinen Stil weitgehend erworben hatte und dadurch eine Entwicklung kaum auszumachen ist – er hat sozusagen als Meister begonnen. Zeitliche Einordnung ist eher an der Erweiterung und Vertiefung seiner Themen im Laufe der Zeit auszumachen, aber auch an den technischen Entwicklungen mit der von ihm festgehaltenen Maschinen, Schiffen, Lokomotiven, Autos, Fer­ti­gungsprozessen usw.

Seit 1899 stellte Sandrock regelmäßig auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus. Weiter wären u.a neben zahlreichen Ausstel­lungsbeteiligungen in Berlin zu nennen: Ostdeutsche Ausstellung Posen 1910, Stätten der Arbeit Dresden 1912, Die Industrie in der bildenden Kunst Essen 1912, Kunstverein Königsberg (1901-1913), Internationale Kunst­ausstellung Mün­­chen 1913, wo er eine Goldene Medaille erhielt. Auch stellte er immer wieder in seiner schle­sischen Heimat aus: Beim Niederschlesischen Kunst­verein und bei Fr. Kirschner in Breslau z.B. 1913 zusammen mit wei­te­ren, in Berlin tätigen Schlesiern jüngerer Generation, wie Willy Jaeckel, Grete Waldau, Robert Pollog und Moritz Melzer, auch war er an den Ausstellungen des Künstlerbundes Schlesien anlässlich der Jahrhundert­feier der Freiheitskriege 1913 beteiligt. An Ausstellungen, die außerhalb schlesische Künstler zeigten, war Sandrock immer als wichtiger Repräsentant beteiligt, wie Gau-Ausstellung Schlesischer Künstler Dortmund 1940 und Nie­derschlesische Kunst Schloss Schönhausen Berlin 1942, auch nach dem Zweiten Weltkrieg: Schlesische Malerei vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart Kunst­amt Berlin-Schöneberg 1964 oder in den Ausstellungsreihen der Ostdeutschen Galerie Regensburg bzw. Kunst in Schlesien – Künstler aus Schlesien 1985. Nach einer langen Phase des öffentlichen Vergessens setzte eine gelegentliche Rückbesinnung auf sein Werk im Rahmen der zaghaften Aufarbeitung des deutschen Impressionismus ein, wie in Berlin-Ost 1976 Malerei des deutschen Impres­sionismus, der Ausstellungsreihe 1984 Meisterwerke aus der Ostdeutschen Galerie Regensburg sowie die thematisch ausgerichtete Ausstellung 1990 Industrie im Bild. Gemälde 1850-1950 im Westfälischen Landesmuseum Münster (Katalog 1994), wo Sandrock mit zwölf Gemälden die Thematik am stärksten vertritt.

Einen ent­scheidenden Impuls zur Wiederentdeckung leistete die Galerie proArt in Verden, die große Konvolute übernehmen konnte. Die Gemälde befanden sich aller­dings in einem sehr schlechten Zustand. Die Leinwände waren ohne Rahmen schutzlos gestapelt gewesen und hatten Farbverluste erlitten. Nach der Restaurierung der Gemälde veranlasste der Galerist Eduard Sabatier mit Leihgaben mehrere Einzelausstellungen: Hamburgische Landesbank/ Altona Museum Hamburg 1992, Zitadelle Span­dau, Kunst­halle Wilhelmshaven 1992. Er ermöglichte auch einen repräsentativen Bildband u.a. mit Biographie und Werkverzeichnis durch die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen, wodurch das Wissen um das Leben und Werk von Sandrock eine breite Basis gewonnen hat und sein künstlerisches Format allgemein erkannt werden konnte und kann.

Weitere Einzelausstellungen folgten im Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven 1997, Schloß Schönebeck und Overbeckmuseum Bremen 2017. Ebenso wurden einzelne Gemälde von Sandrock u.a. 2005 in der Kleinen Nationalga­lerie Dortmund und 2012 in Düsseldorf Gerhart Hauptmann zum 150. Geburtstag – Schlesien in der Kunst seiner Zeit gezeigt.

Seine Werke kamen zwar in mehrere Sammlungen: Berliner Nationalgalerie und andere Berliner Sammlungen, Breslau, Bremer­haven, Erfurt, Essen, Hannover, Posen, Regens­burg, doch leider ist der Museums-Bestand zu gering, um ihn ausstellungsmäßig zu vitalisieren, was nur durch eine entsprechende, allgemeine Ankaufspolitik geändert werden könnte. Dies erscheint derzeit nicht möglich, so dass die Initiativen des Galeristen Sabatier mit seiner Galerie proArt als großer Glücksfall sowohl für das Werk und als auch für ein verständiges Publikum anzusehen ist.

Das Werk Leonhard Sandrocks zeigt über ein halbes Jahrhundert in gültiger Darstellungsweise die Entwicklung der Indus­trie und des Verkehrswesens auf, bei hoher malerischer Qualität und starker künstlerischer Aussage. Es wäre zu wünschen, seinem Schaffen in der Zukunft die ihm gemäße Wahrnehmung zu ermöglichen.

Lit.: Thieme-Becker; Vollmer; Dressler. – Max Osborn, Leonhard Sandrock, in: Die Kunst für Alle, 27. Jg., 1911/12, Dez. 1911, S. 188-193. – Die Ausstellungskataloge des Königsberger Kunstvereins (20. Jahrhundert), hrsg. v. R. Meyer-Bremen, Reprint 1993, S. 290. – Div. Jg. Die Bergstadt, Breslau 1920er Jahre. – Kat. Gau-Ausstellung Schlesischer Künstler, Dortmund Haus der Kunst, 1940, S. 17. – Kat. 100 Jahre Verein Berliner Künstler, Berlin 1941. – Kat. Niederschlesische Kunst, Berlin Schloss Schönhausen 1942, S. 77. – Schlesische Malerei vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Kunstamt Schöneberg 1964, hrsg. Hurbertus Lossow, Nr. 114. – Malerei der deutschen Impressionisten, Staatliche Museen Berlin (DDR), 1976, S. 47, 150. – Meisterwerke aus der Ostdeutschen Galerie Regensburg – Malerei und Plastik, bearb. Ingrid Nedo, Rupert Schreiner, Werner Timm, Regensburg 1984, S. 55, 147. – Kunst in Schlesien – Künstler aus Schlesien, Malerei, Graphik und Plastik im 20. Jahrhundert, Würzburg 1985, bearb. Hanna Nogossek, S. 138f. – Irmgard Wirth, Berliner Malerei im 19. Jahrhundert, Berlin 1990, S. 394f. – Industriebilder Gemälde einer Epoche, hrsg. Ernst Schmacke, Münster 1994, S. 29, 175. – Dorothy von Hülsen, Leonhard Sandrock 1867-1945, Verden o.J. (1995). – Kerstin Englert, Maschinen – Dampfdome – Arbeit, Leonhard Sandrock 1864-1945, Zitadelle Spandau 1997. – Lars U. Scholl, Der Industrie- und Marinemaler Leonhard Sand­rock (1867-1945), in: Deutsche Schifffahrt, Informationen Förderverein Deutsches Schifffahrtsmuseum e.V., Bremerhaven 2/ 1997, S. 20f. – Gerhart Haupt­mann zum 150. Geburtstag – Schlesien in der Kunst seiner Zeit, Gerhart-Hauptmann-Haus, Düssel­dorf 2012.

Bild: Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur 27, 1912, S. 188.

Helmut Scheunchen

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