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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Santifaller, Leo

Historiker

* 1890, 24.07.
Kastelruh/Südtirol

† 1974, 05.09.
Wien

Leo Santifaller, Sohn eines angesehenen Notars, entstammte einer alten Bauernfamilie, deren Ursprung sich bis auf einen Hof in Ladinien zurückverfolgen läßt. Er studierte – mit Unterbrechung eines Semesters in Freiburg im Breisgau – am  Institut für Österreichische Geschichtsforschung in Wien und wurde dort bei Oswald Redlich mit einer umfangreichen Monographie über „Das Brixener Domkapitel in seiner persönlichen Zusammensetzung im Mittelalter" promoviert, nachdem er den ersten Weltkrieg an der italienischen Front erlebt hatte. Santifaller war dann 1921-27 Archivar an dem von den Italienern neu errichteten Staatsarchiv in Bozen. Dort entdeckte der führende Mediävist Paul Kehr seine Begabung und berief ihn Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica nach Berlin, wo er sich 1928 habilitierte. Bereits ein Jahr darauf folgte die Berufung an die Universität Breslau auf die von einem Katholiken zu besetzende Lehrkanzel für mittlere und neuere Geschichte. 1943 erhielt Santifaller die berühmte Professur seines Faches am Institut für Österreichische Geschichtsforschung in Wien. Nach dem Krieg übernahm er die Vorstandschaft dieses Instituts und trat als Generaldirektor an die Spitze der österreichischen Archivverwaltung. Damit war ihm eine führende Position in der österreichischen Geschichtswissenschaft zugefallen, um deren Wiederaufbau nach der Katastrophe er sich hohe Verdienste erwarb. Insbesondere wirkte er an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als Obmann beziehungsweise als Begründer einer ganzen Reihe von Kommissionen. Er setzte die Wiedererrichtung des Österreichischen Historischen Instituts in Rom durch und stellte sowohl die Wiener Diplomata-Abteilung der Monumenta Germaniae Historica als auch die Österreichische Kommission für die Neubearbeitung der Regesta Imperii wieder er. 1962 emeritiert, starb er am 5. September 1974 in Wien. Santifaller war mehrfacher Ehrendoktor und Mitglied einer Reihe von Akademien der Wissenschaften.

Das Wirken dieses hervorragenden Gelehrten an der Universität Breslau (1929-1943) war keineswegs eine unbedeutende Episode. Gleichzeitig mit dem unmittelbar vorher berufenen Hermann Aubin leitete er dort einen höchst beachtlichen Aufschwung seines Faches in Forschung und Lehre ein. Die wissenschaftliche Richtung, die er vertrat, war durch die Traditionen der Wiener Schule am Institut für Österreichische Geschichtsforschung geprägt. Sie gipfelte in der Pflege der exakten Methoden der Historischen Hilfswissenschaften und der mit ihnen verbundenen Quellenkritik. Obwohl Santifaller gerade auch in seinen Breslauer Jahren seine vornehmlichsten Arbeitsgebiete, die Papsturkundenforschung und die Erschließung der urkundlichenDenkmäler der Geschichte seiner schönen Heimat Südtirol, energisch weiter betreute, verstand er es doch gleichzeitig ausgezeichnet, die Methoden der Wiener Schule auf die bisher noch zu wenig nach diesen strengen Regeln bearbeiteten schlesischen Quellen anzuwenden. Sein Vorlesungszyklus über Paläographie und Diplomatik fand bei den Breslauer Hörern starken Anklang, ebenso seine Seminarübungen, die sich mit den mittelalterlichen Quellen des Landes befaßten. Eine stattliche Reihe von Schülerarbeiten wurde von ihm angeregt. Neben der Urkundenforschung war es Santifallers Dissertation über das Brixener Domkapitel, die als Muster und Vorbild einer ganzen Gruppe analog aufgebauter Monographien über die persönliche Zusammensetzung des Breslauer Domkapitels, der Klöster und anderer kirchlicher Institutionen Schlesiens fruchtbar wurde. Die Ergebnisse reichen weit über den kirchlichen Bereich hinaus und sind vor allem für die Bildungsgeschichte und für die Geschichte des Ständewesens von Wert. Santifaller und Aubin ergänzten einander vortrefflich; der letztere vertrat die ganzheitlich ausgerichtete geschichtliche Landeskunde und Kulturraumforschung, der erstere die Urkundenforschung.

Ende 1933 war es Aubin in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Historischen Kommission für Schlesien gelungen, Santifaller zur Übernahme der Leitung des Schlesischen Urkundenbuches zu bewegen. Den gemeinsamen Anstrengungen dieser beiden organisatorisch hochbegabten Persönlichkeiten ist es zu danken, daß es in kürzester Frist möglich wurde, bedeutende Mittel für die Realisierung dieses Unternehmens flüssig zu machen, das seit Generationen ein Desideratum der Geschichtswissenschaft war. Santifaller berief für das Urkundenbuch zwei Absolventen des Wiener Instituts (Hanns Krupicka-Wohlgemuth und Heinrich Appelt) nach Breslau und bildete aus seinem eigenen Schülerkreis einen tüchtigen Mitarbeiterstab. Aufgabe dieser Kräfte war es, durch ausgedehnte Archivreisen in Schlesien, aber auch im übrigen Deutschland, in Polen und in der Tschechoslowakei bis nach Österreich das gesamte einschlägige Urkundenmaterial zu erfassen und zu fotografieren, um die Grundlage für die Editionsarbeit zu schaffen. Ein wissenschaftlicher Apparat wurde aufgebaut, eine Reihe kritischer Vorarbeiten konnte erscheinen, die die schwierigen Fragen der diplomatischen Beurteilung der älteren Urkunden des Landes nach modernen Methoden zu klären hatten, in der Absicht, eine gesicherte Basis für die Geschichte der Besiedlung zu bieten.

Da kam der Krieg. Santifaller verlagerte die Filmsammlung nach Wien, als er 1943 dorthin berufen wurde. Sie blieb daher erhalten, während der wissenschaftliche Apparat in Schlesien zugrundeging und die Hauptmasse der Originale als verschollen galt. Da die Filme gerettet waren, wurde es möglich, auf dieser Grundlage nach dem Verlust des Landes das landschaftliche Urkundenbuch doch noch ins Leben zu rufen; sechs Bände – bis zum Jahre 1300 – sind bei dem J.G. Herder-Institut in Marburg an der Lahn erschienen. Das Urkundenbuch wurde eine Hauptaufgabe der Historischen Kommission für Schlesien in der Nachkriegszeit. Damit kam wider Erwarten doch noch ein monumentales Quellenwerk zustande, dem andere Landschaften in unserer Zeit schwerlich etwas gleichwertiges gegenüberzustellen haben. Dies ermöglicht zu haben, ist das bleibende Verdienst, das sich Leo Santifaller um die Erforschung der Geschichte der deutschen Ostgebiete erworben hat.

Lit.: Die beste Gesamtwürdigung (mit Literatur) bietet Harald Zimmermann, Leo Santifaller, Nachruf im Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 125 (1975), S. 478 ff; Heinrich Appelt, Leo Santifaller und die schlesische Kirchengeschichte. Archiv für schlesische Kirchengeschichte 34 (1976) 187-191; Heinrich Appelt, Die Mediävistik an der Universität Breslau am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 40 (1989).

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