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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schaeffer, Albrecht

Lyriker, Schriftsteller

* 1885, 06.12.
Elbing/Westpr.

† 1950, 05.12.
München

Der in Elbing geborene, ursprünglich zum Kreis um Stefan George gehörende Albrecht Schaeffer (1885-1950) ist mit seinem, nur in den Anfängen von George, Rilke und Hölderlin, aber auch von Platen beeinflußten umfangreichen und vielseitigen Werk einer der hervorragenden Repräsentanten anspruchsvoller neuklassischer Dichtung unseres Jahrhunderts. An der Dichtung der griechischen Klassik orientiert, von der er einzelne Werke wie die „Odyssee“ mustergültig ins Deutsche übertrug, schuf Albrecht Schaeffer sein schon vom äußeren Umfang her gewaltiges schriftstellerisches Werk. Neben den Übertragungen und Nachdichtungen aus fremden Sprachen (Wilde, Verlaine) bewährte sich Schaeffers unerschöpflich scheinendes Talent in einer Vielzahl lyrischer Gedichte, in Versepen, Dramen und Romanen. Trotz manchervielleicht nicht unberechtigter Zweifel kritischer Zeitgenossen an der Originalität seiner Produktion bleibt es sein Verdienst, die an der klassischen Antike orientierte Forderung nach Beachtung der Formgesetze der Dichtung inmitten der zeitgegebenen und modischen Auflösungstendenzen in seinem Werk unbeirrt befolgt zu haben. Das bei seinem Erscheinen wie heute störend wirkende Element in den Werken Schaeffers hat Walter Muschg in einer Studie über den Roman „Helianth“ zutreffend herausgestellt. Es ist der von Schaeffer nicht bewältigte Widerspruch zwischen der bedrängenden Überfülle des Zuviel an Stoffen, Motiven, Bewegungen und den Bemühungen, dem strengen Anspruch des klassischen Formgesetzes zu genügen.

Unter seinen Romanen, deren Reihe mit dem aus Novellen zusammengefügten „Josef Montfort“ (1918) begann, ist die Beschreibung eines Frauenlebens vor dem Ersten Weltkrieg, „Elli oder sieben Treppen“ (1919) Schaeffers allegorisch verschlüsselte Abrechnung mit Stefan George und seinem Kreis, von dem er sich nach anfänglicher Begeisterung losgesagt hatte, während der dreibändige Roman „Helianth“ (1920, mit dem Untertitel „Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene in neun Bildern“) – Schaeffers Hauptwerk – sich heute als von seinem Verfasser kaum so gewollte Dokumentation der politischen, geistigen und kulturellen Welt im Deutschland der wilhelminischen Ära erweist. Von künstlerischer Qualität sind Schaeffers Novellen in den Bänden „Das Prisma“ (1925), „Mitternacht“ (1928), „Das Opfertier“ (1931) und „Knechte und Mägde“ (1931), sowie die meisterhafte Erzählung „Der General“ (1934).

1939 sah sich Schaeffer zur Emigration gezwungen. 1950 kehrte er aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurück. In der materiellen und geistigen Notsituation entstand der aus dem Zusammenspiel verschiedener Novellen sich aufbauende Roman um Ereignisse aus der napoleonischen Zeit „Rudolf Erzerum oder des Lebens Einfachheit“ (1945). Er enthält Schaeffers Bekenntnis zur durch die Machthaber des Regimes zerstörten deutschen Kultur und zur Humanität. 1949 vollendete er den im 17. Jahrhundert, nach Abschluß des Westfälischen Friedens spielenden Roman „Janna du Coeur“, der mittelbar die eben zu Ende gegangenen Zustände der Gewaltherrschaft in Deutschland spiegelt. Über der Ausführung einer groß angelegten „Schöpfungsgeschichte der Menschheit“ starb Schaeffer. Die Darmstädter Akademie für Spracheund Dichtung veröffentlichte 1958 aus seinem Nachlaß den Teil „Mythos“ aus dem letzten unvollendet gebliebenen Werk des Dichters.

Werke: Amata, G. 1911; Die Meerfahrt, G. 1912 (erw. u. d. T. Der göttliche Dulder, 1920); Attische Dämmerung, G. 1914; Die Mütter, Dr. 1914; Heroische Fahrt, G. 1914; Kriegslieder, 1914; Des Michael Schwertlos vaterländische Gedichte, 1915; Mosis Tod, Dicht, 1915; Josef Montfort, R. 1918 (u. d. T. Das nie bewegte Herz, 1931); Gudula, E. 1918; Elli oder Sieben Treppen, R. 1919; Der Raub der Persefone, Dicht. 1920; Helianth, R. III 1920-24; Gevatter Tod, Ep. 1922; Die Saalborner Stanzen, G. 1922; Der Reiter mit dem Mandelbaum, Leg. 1922; Parzival, Ep. 1922; Die Wand, Dr. 1922; Lene Stelling, E. 1923; Legende vom verdoppelten Lebens-Alter, 1923; Das Gitter, E. 1923; Die Treibjagd, N. 1923; Regula Kreuzfeind, Leg. 1923; Abkunft und Ankunft, Dicht. 1923; Dichter und Dichtung, Ess. 1923; Demetrius, Tr. 1923; Fidelio, N. 1924; Die Marien-Lieder, 1924; Kritisches Pro domo, Ess. 1924; Konstantin der Große,Tr. 1925; Der Falke und die Wölfin, En, 1925; Der verlorene Sohn, K. 1925; Der Gefällige, Lsp. 1925 (nach Diderot); Das Prisma, En. 1925; Die Schuldbrüder, E. 1926 (u. d. T. Die Geschichte der Brüder Chamade, 1928); Der Apfel vom Baum der Erkenntnis, E. 1927; Der goldene Wagen, Leg. 1927; Mitternacht, Nn. 1928; Kaiser Konstantin, R. 1929; Gedichte, 1931; Das Opfertier, En. 1931; Der Roßkamm von Lemgo, R. 1933 (u. d. T. Janna du Coeur, 1949); Der General, E. 1934; Das Haus am See, G. 1934; Heimgang, N. 1934; Cara R. 1936 (bearb. 1948); Apahaia, Sehr. 1937; Ruhland, R. 1937; Kaniswall, N. 1938; Die Geheimnisse, Parabeln 1938 (erw. als Die goldene Klinke, 1950); Rudolf Erzerum, R. 1945; Enak oder das Auge Gottes, E. 1948; Mythos, Ess. hg. W. Ehlers 1958.

Lit.: W. Muschg. D. dichter. Charakter 1929; A. S., Gedächtnisausstellung Marbach, Katalog I960; W. Breuer, Diss. Bonn 1961; I. Hausmann, Diss. Köln 1961; Bibl.: W Ehlers, 1935; Walter Muschg, Der dichterische Charakter. (Studie über Albrecht Schaeffers „Helianth“.) 1929; Ernst Lissauer, Albrecht Schaeffers Gedichte. In: Die Literatur, 1932; Walter Ehlers, Albrecht Schaeffer. Das Werk. Eine Bibliographie, zusammengestellt und hrsg. von W. Ehlers. Hamburg Verlag der Blätter für die Dichtung, 1935 (enthält 2 biographische Aufsätze des Dichters: „Abkunft und Ankunft“ und „Siebengang“); Ernst Kreuder, Nachruf auf Albrecht Schaeffer (mit Schriftenverzeichnis). In: Jahrbuch der Akademie für Sprache und Dichtung. Mainz 1951; Hans Wölffheim, Sprache als Wirklichkeit. In: Die Sammlung. Zschr. für Kultur und Erziehung. Göttingen 1951; Hans Hennecke, Vergessen – und doch unvergeßlich. Der Fall Albrecht Schaeffer. In: Hans Hennecke, Kritik. Gütersloh 1958; Rosemarie Lorenz und Werner Volke, Albrecht Schaeffer. Gedächtnisausstellung zum 75. Geburtstag des Dichters im Schiller-Nationalmuseum Marbach a. N. (Katalog) I960; Werner Vordtriede, Albrecht Schaeffer. In: Neue deutsche Hefte 78,1961; Walter Breuer, A. Schaeffers Helianth. Eine Studie zum Problem der Menschendarstellung im Bildungsroman. Diss. Bonn 1964.

Abb.: Gemälde von Herbert v. Reyl-Hanisch, 1921

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