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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Scharwenka, Philipp

Komponist, Pädagoge

* 1847, 16.02.
Samter/ Prov. Posen

† 1917, 16.07.
Bad Nauheim/ Hessen

Väterlicherseits entstammte Wilhelm Philipp Scharwenka einer Familie, die im 17. Jahrhundert aus Böhmen in die Mark Brandenburg übersiedelte. Der Vater August Wilhelm Scharwenka war ein erfolgreicher Ar­chitekt, der auch gut zeichnete und aquarellierte, während die musikalische Begabung die polnische Mutter Apollonia Emilie geb. Golitsch in die Familie brachte. Sie sorgte dafür, dass ein Klavier ins Haus kam und gab Philipp ersten Klavierunterricht, welchen später der Kantor der evangelischen Kirche von Samter übernahm. Nach häuslichem Unterricht kam er in das evangelische Friedrich-Will­helm-Gymna­sium nach Posen. 1858 zog die Familie von der kleinen Kreisstadt Samter in das zwanzig Kilometer entfernte Posen, um den Söh­nen, inzwischen war 1850 auch der zweite Sohn Xaver geboren, eine gute schu­lische und musikalische Ausbildung zu ermöglichen. Die Brüder nah­men regen Anteil an dem Musikleben der Provinzhauptstadt und fassten den Entschluss, die Musik zu ihrem Beruf zu machen, wenngleich für Philipp ursprünglich das Baufach des Vaters erwogen wurde. Philipp wollte Komponist und Xaver Klavier­virtuose werden. Fachleute bestätigten die außer­gewöhnlichen Begabungen der beiden Brüder. Da in Posen ein Musikstudium nicht möglich war, übersiedelte die Familie 1865 nach Berlin. Es folgte die Ausbildung an der von Theodor Kullak gegründeten Neuen Akademie der Ton­kunst. Es sei angemerkt, dass die Brüder Kullak (Theodor 1818 Krotoschin-1882 Berlin und Adolph 1823 Meseritz-1862 Berlin) eben­falls aus der Provinz Posen stammten und eine Generation früher eine ähnliche Bedeu­tung für die Musikausbildung in Berlin hatten, wie sie spä­ter die Scharwenkas er­lan­gen sollten. Nach zweieinhalbjährigem Studium bei Richard Würst in Komposition sowie bei Heinrich Dorn im Partiturspiel wurde Philipp Scharwenka 1867 als Lehrer für musikalische Theorie an der Kullak­schen Akademie angestellt. Mit einem eigenen Konzert, in dem eine Ouvertüre und eine Sinfonie aufgeführt wurden, trat er 1874 an die Berliner Öffentlichkeit.

1880 begründete Xaver das Scharwenka-Konservatorium in Berlin. Philipp gab seine Stelle bei Kullak auf und übernahm den gesamten Theorie- und Kompositionsunterricht. Eine Mitarbeiterin am Scharwenka-Konservatorium war die Geigerin Mari­anne Stresow (1856-1918), die Philipp 1880 heiratete. Für sie komponierte er das Violinkonzert G-Dur op. 94, das 1895 bei Breitklopf & Härtel erschien. 1891/92 lebte er in New York, wo sein Bruder Xaver auch ein Konservatorium gegründet hatte, welchen er dort vertrat. Dadurch wurden seine Werke damals häufiger in den USA aufgeführt, u.a. von dem in New York wirkenden Anton Seidl und dem damaligen Leiter des Boston-Symphonieor­chesters Arthur Nikisch.

Nach der Rückkehr übernahm er die Leitung des Berliner Instituts zusammen mit dem Musikforscher und Gesangspädagogen Hugo Goldschmidt, dem er die Gesänge op. 102 widmete. Mit Adolf Ruthardt und Hans Sitt war er im Vorstand des 1894 gegründeten Vereins der Musikfreunde, dessen Ziel es war, gute Klaviermusik abonnementmäßig unter die vielen Klavier spielenden Menschen zu bringen. Sein Ansehen belegt auch Max Regers Widmung der Phantasiestücke op. 26 1898. 1901 wurde er zum ordentlichen Mitglied in die königliche Akademie der Künste gewählt und 1911 in den Senat berufen.

Nachdem Goldschmidt 1905 sein Amt niedergelegt hatte, leitete er mit dem Dvorak-Schüler Robert Robitschek das inzwischen als Klindworth-Scharwenka-Konservatorium berühmt ge­wor­dene Institut, welches bis in die 1950er Jahre von Philipps Sohn, von Walter Scharwenka (1881-1960) weitergeführt wurde.

Philipp Scharwenka war eine eher zurückhaltende Persönlichkeit, von seinem Wesen her versonnen, introvertiert, was sich auch in seinen Kompositionen äußert, gegensätzlich zu seinem Bruder, aus dessen Schaffen der Virtuose spricht, bei dem das Feurige und das seelisch Veräußernde wesentliche Gestaltungsmerkmale bei klarer Struktur sind. Das Werkverzeichnis Philipps mit ca. 130 Werken ist wesentlich länger als das seines Bruders. Er schuf Kammermusik, Klaviermusik, sinfonische Werke, chorsinfonische Werke, Lieder und die Oper Roland.

Das gute Verhältnis der Gebrüder Scharwenka spricht nicht nur aus ihren gemeinsamen pädagogischen Aktivitäten und Lebensbewandtnissen. Es spiegelt sich auch in gegen­seitigen Zueignungen von Werken wider. So hat Xaver sein Klaviertrio op. 1 fis-moll, veröffentlicht bei Breitkopf & Härtel 1872, seinem Bruder gewidmet und Philipp hat Xaver seine Polonaise pathétique e-moll op. 12 zugeeignet.

Ein großer Teil seines Schaffens galt dem Klavier, instruktive Stücke für den Unterricht, wie In bunter Reihe op. 32, Aus der Jugendzeit op. 34, Acht Festklänge für die Jugend op. 40, Zum Vortrag op. 58, Kinderspiele op. 64/68 usw., für das Haus, wie zahlreiche vierhändige Kompositionen (Tanzsuite op. 21, Polnische Tanzweisen op. 38, Intermezzi op. 48 usw.) und Werke für den Konzertsaal mit Wid­mungen an berühmte Pianisten (Otto Neitzel Capriccio op. 25, Eugen d’Albert Scherzo b-moll op. 50, Emil Sauer Fünf romantische Episoden op. 65, Moritz Mayer-Mahr Abend­stimmungen op. 107 u.a.). Philipp hat mehrere und immer wieder Polnische Tänze komponiert, aber die Berühmtheit des Polnischen Tanzes op. 3/1 seines Bruders Xaver erreichte er nicht.

Frühlingswogen op. 87, gewidmet Moritz Moszkowski, sei als Beispiel für seine Or­chesterwerke hervorgehoben, eine sinfonische Dichtung für großes Orchester nach der gleichnamigen Novelle (russ. Veschnie Vodie) von Iwan Turgenjew. Das 1891 erschienene Werk zeigt in mehrerer Hinsicht die Kompositionsweise Philipp Schar­wenkas auf. Feine Klanglichkeit, Erzählfreude, leichte Fasslichkeit, gekonnte Struktur und auffällig eine tänzerische Gebärdensprache nehmen für das Werk ein. Gut könnte man sich diese sinfonische Dichtung als Ballettmusik vorstellen, als ein auf der Turgenjew-Novelle fußendes Handlungsballett.

Außer einigen Salonstücken für Violine bzw. Violoncello (Zwei Stücke für Violine op. 10, Menuett u. Perpetuum op. 24, Barkarole u. Polonaise op. 52, Cava­tine op. 22) kam er erst später zur mehrsätzigen, groß angelegten Kammermusik, die zu seinen über­dau­ernden Werken wurden. Dies hatte wohl auch formale Gründe, d.h. er musste aus den Vereinzelungen seiner Stücke zu einem großen, sonatenmäßigen Zusammenhang finden. Ausgangspunkt waren wohl die Drei Klaviersonaten op. 61 aus den 1880er Jahren und die Symphony d-moll op. 97 aus den 1890er Jahren, welche zu dem bedeutsamen kam­mermusikalischen Werken hinführten. Mit dem Klaviertrio cis-moll op. 100 (1897) hat er jene Tonsprache gefunden, dem weitere Meisterwerke folgten: Klaviertrio G-Dur op. 112, Violinsonate op. 114, Cellosonate op. 116. Eine besetzungsmäßige Besonderheit, wozu ihn vielleicht Max Reger angeregt hat, sind die beiden Trios für Violine, Viola und Klavier op. 105 und op. 121, noch eine Violasonate h-moll op. 106 hinzufügend.

Bedeutsam für Philipps Schaffen, nicht nur in seinen Orchesterwerken, ist sein Bezug zu Richards Wagner, der auch in seinen meisterhaften Streichquartetten d-moll op. 117 und D-Dur op. 120 zu hören ist, neben anderen Traditionen wie Mendelssohn. Das Klavierquintett h-moll op. 118, gewidmet Max Reger, ein Werk, welches „als an der reifen, runden Frucht einer auf der Höhe ihrer Entwicklung angekommenen, im vollsten freiesten Besitz aller ihrer Kräfte stehenden Schaffenspotenz“ (Mitt. Breitkopf & Härtel Lpzg. 7, 1911) bezeichnet wurde.

Den vollendeten Gebilden seines vielseitigen, fesselnden Kam­mermusikstils steht Geltung zu, trotz der aufgebrochenen Musikentwicklung zur Moderne in jener Zeit. Dies wurde seit den 1990er Jahren zunehmend erkannt, wie die immer mehr Auffüh­rungen bei erfolgreicher Aufnahme des Publikums und einige, teils mehrfache CD-Einspielungen dieser Werke belegen, nach einer jahrzehntelangen Flaute der Rezeption. Leider ist das von Wolfgang Scharwenka und Peter Wachalski zusammengestellte Werkverzeichnis nicht komplett und so sei die Hoffnung ausgesprochen, dass die fehlenden Werke sich noch werden finden lassen. Gedruckt wurden fast alle Kom­positionen, meist in renommierten Verlagen, bis op. 50 vorwiegend bei Preaeger & Meier Bremen, danach bei Breitkopf & Härtel Leipzig, aber auch Bote & Bock Berlin und Julius Hainauer Breslau sind neben anderen zu nennen.

Angemerkt sei, dass Philipp Scharwenka auch ein begabter Zeichner war. Bekannt geworden ist er mit seinen Karikaturen zu Anton Notenquetscher von Alexander Mosz­kowski, Bruder des Kom­ponisten Moritz Moszkowski und langjähriger Chefredakteur der Lustigen Blätter. Mit den Moszkowski-Brüdern verband ihn eine lange Freund­schaft, wie auch mehrere Widmungen von Werken belegen: für Moritz Zwei Notturnos op. 18, Albumblätter op. 27, für Alexander Bergfahrt, 6 Klavierstücke op. 36.

Nachdem sich die Pianistin und Lübecker Professorin Evelinde Trenkner und Hermann Boie durch die Gründung der Xaver und Philipp Scharwenka-Gesellschaft e.V. in Lübeck für das Schaffen durch Aufführungen und mit der Sammlung von Noten, Dokumenten und Materialien einsetzten, war eine nachhaltige Rezeption eingetreten. Daraus erwuchs auch die in Bad Saarow 2009 gegründete Scharwenka-Stiftung. Die von Xaver 1910-1911 erbaute Musenhütte in Bad Saarow wurde renoviert und ist heute Zentrum der heute zunehmend ins Bewusstsein der Musikwelt dringenden zwei wich­tigen deutschen Repräsentanten der Musikkultur des wilhelminischen Zeitalters – mit einem Saal für Konzerte und Vorträge sowie Räumlichkeiten für die Scharwenka-Sammlungen. Bemerkenswert die Internet-Präsenz mit dem „NeuigkeitenDienst“ der Scharwenka-Stiftung. Sehr erfreulich ist es, dass der heute in Polen liegende Geburtsort Samter poln. Szamotuly sich im Schloss Górków auch ihrer berühmten Söhne erinnert und eine Zusammenarbeit mit der Scharwenka-Stiftung besteht.

Lit.: Div. Musiklexika, Philipp Scharwenka: Autobiographische Skizze, Neue Musik Zeitung, Stgt. 1917 H. 11 S. 167-68. – Arno Kleffel, Philipp Scharwenka (z. 60. Geburtstag), in: Der Klavierlehrer, Nr. 9 Mai 1907 XXX Jg. – Xaver Scharwenka, Klänge aus meinem Leben. Erinnerungen eines Musikers, Leipzig 1922 div. S. – Hugo Leichtentritt, Das Konservatorium Klindworth-Schawenka, Berlin 1931. – Div. CD-Beihefte zu Werken von Philipp Scharwenka.

Bild: Wikipedia Commons/ Gemeinfrei.

Helmut Scheunchen

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