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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schebesta, Paul

Missionar, Religionswissenschaftler, Ethnologe

* 1887, 20.03.
Groß Peterwitz bei Ratibor

† 1967, 17.09.
Mödling bei Wien

Schlesische Missionare haben seit Jahrhunderten in der katholischen Weltmission Gro­ßes geleistet: Der heilige Hyazinth aus Groß Stein ist auch Patron von Kiew, Dominicus Ger­manus de Silesia war im 18. Jahrhundert ein bekannter Orientmissinar und Islam-Fachmann. Beim Eucharisti­schen Weltkongress 1960 in München waren es indische Tänzerinnen, die mit Weihespielen und religiösen Tänzen die Weltkirche nach Deutschland brachten. Das religiöse Spiel Die Frucht des Todes und das Brot des Lebens, das sie aufführten, war aber ebenso wie ein wei­teres Tanzspiel Keine größere Liebe 1964 beim Eucharistischen Weltkongress in Bombay das Werk des Schlesiers Georg Proksch, des „Gurus von Andheri“. Er war ein Steyler Missionar, Mitglied einer Kongregation, die in Neisse (Nisa)  ein Missionshaus hatte. Unter den Absolventen dieses Missionshauses Heiligkreuz sind weltbekannte Missionswissenschaftler wie der in Peking 1936 verstor­bene Franz Xaver Biallas, der Indonesienmissionar Paul Arndt oder Martin Gusinde mit sei­nen ethnologischen Forschungen in Feuerland und bei den Pygmäen in Zaire und Ruanda.

Steyler-Missionar, Ethnologe und Forscher bei den Pygmäen und darüber hinaus auf den Philippinen und auf der Malayischen Halbinsel war auch Paul Schebesta. Er wurde am 20. März 1887 in Groß-Peterwitz im Kreis Ratibor geboren, das kirchlich zum Erzbistum Olmütz gehörte und wo sich viele Bewohner als „Mährer“ fühlten. Er erhielt seine Gymnasialausbildung im Missionsseminar Heiligkreuz in Neisse, studierte Theologie an der Ordenshochschule in St. Gabriel in Mödling bei Wien und wurde nach der Priesterweihe 1911 nach Mozambique entsandt, wo er bis zur Internierung 1916 durch die Portugiesen wirkte. Nach seiner Ausweisung aus Mozambique und der Rückkehr nach Europa trat er die Redaktion des Anthropos ein, der 1906 von den Steylern gegründeten internationalen Zeitschrift für Völkerkunde, die dann seinen Lebensweg durch Zusatzstudium und wissenschaftliche Forschertätigkeit prägte. Da er 1923 in London Malayisch gelernt hatte, unternahm er seine erste Expedition 1924 zum Volk der Semang auf der Halbinsel Malakka.

1926 promovierte er an der Universität Wien, um später außer seiner Forschertätigkeit als Lehrer für Völkerkunde und Religionswissenschaft am Missionsseminar St. Gabriel und an der Hochschule für Welthandel in Wien tätig zu sein. Pater Schebesta war ein begnadeter Linguist und Sprachenkenner, der sich Kiswahili aneignete sowie Kingwana, eine im östlichen Kongogebiet gesprochenen Variante des Kiswahili, aber auch Bantu- und Sudandi­alekte. So sprach er in Zentralafrika oder in Malaysia und auf den Philippinen mit den Eingeborenen in deren Sprache. Seine Kenntnis von Leben und Kultur und vor allem Religion der Pygmäen aufgrund zweier Forschungsreisen 1929/30 und1934/35 führte ihn zu weiteren Forschungen über Zwergvölker nach Malakka und 1938/39 zu den Negritos auf den Philippinen. Seiner dritten Expedition 1949/50 und einer vierten 1954/55 zu den Pygmäen des Kongogebietes verdankt die Welt, dass wir die Kultur und Religion dieser kleinsten Menschen der Welt so gut kennen. Sie sind in seinen bis heute international anerkannten mehrbändigen Standardwerken wie Die Bambuti-Pygmäen vom Ituri und Die Negrito Asiens, aber auch in weiteren wissen­schaftlichen Werken und populären Reiseberichten dokumentiert. Aufsätze veröffentlichte er auch in englischer, französi­scher und tschechischer Sprache.

Wegen seiner „mährischen“ Herkunft wird er heute in tschechischen ethnographischen und geographischen Enzyklopädien auch als Tscheche bezeichnet. Paul Schebesta erfuhr als international bekannter Spezialist zahlreiche Ehrungen. So war er Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Anthropologi­schen Gesellschaft, der Commis­sion de Linguistique Africaine in Brüssel und des Royal Anthro­pological Institute in London.

Sein Hauptanliegen, seine Sorge, ja seine Liebe waren die Pygmäen des zentralafrikani­schen Urwaldes, vor allem der Stamm der Bambuti am Ituri. Dieser Stamm verlieh ihm die Würde eines „Baba wa Bambuti“, eines Vaters der Bambuti, für die er sich zeitlebens einsetzte, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Schon 1929 veranlasste er sie als bisherige Waldnomaden zum Bananenanbau, machte sie sesshaft und ließ ihnen später Schulen bauen. „Die Zivilisation bedeutet den Untergang der Bambuti, wenn nicht in letzter Stunde diesem Zersetzungsprozeß Einhalt geboten wird. Man organisiert großzügig Wildreservate, um die Tierwelt der Tropen zu schützen, für bedrohte Volksstämme geschieht nichts“, stellte er verbittert fest.

Schmerzhaft musste er noch die kriegerischen Wirren im Kongo nach der Unabhängigkeit des Landes 1960 erleben, ehe er am 17. September 1967 in Wien starb. Was sich seitdem in Zaire, Burundi und Ruanda ereignete, hat sein Lebenswerk weiter zerstört.

Weitere Werke: Bei den Urwaldzwergen von Malaya, Leipzig 1927. – Orang-Utan. Bei den Urwaldmenschen Malayas und Sumatras, Leipzig 1929. – Bambuti, die Zwerge vom Kongo, Leipzig 1932. – Der Urwald ruft wieder. Meine zweite Forschungsreise zu den Ituri-Zwergen, Salzburg 1936. – Menschen ohne Geschichte. Eine Forschungsreise zu den ‚Wild‘-Völkern der Philippinen und Malayas, Mödling 1947. – Die Negrito Asiens, 2 Bände, Wien-Mödling 1954 und 1957. – (Hrsg.), Ursprung der Religion. Ergebnisse der vorgeschichtlichen und völkerkundlichen Erfahrung, Berlin 1961. – Portugals Konquistamission in Südost-Afrika: Missionsgeschichte Sambesiens und des Monomotapareiches (1560-1920), Sankt Augustin 1966 (portugiesische Übersetzung Lissabon 2011).

Lit.: Festschrift Paul Schebesta zum 75. Geburtstag, Wien-Mödling 1963. – Anton Vorbichler, Prof. Dr. Paul Schebesta SVD: Eine kritische Würdigung seines wissenschaftlichen Lebenswerkes, in: Anthropos 62 (1968), S. 665-685. – Reinhold Wolny, Paul Schebesta SVD (1887-1967), in: Schlesische Kirche in Lebensbildern, Sigmaringen 1992, S. 84-88.

Bild: Zeitungsausschnitt aus Privatbesitz.

Rudolf Grulich

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