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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Scherer, Johannes

Theologe, Bischof

* 1889, 04.01.
Franzfeld/Banat

† 1966, 31.08.
Geislingen/Steige

Seine Wiege stand im Banat, wohin seine Vorfahren aus Nassau eingewandert waren. Sie lebten und arbeiteten als Bauern in Franzfeld. Johannes Scherer wurde am 4. Januar 1889 als Sohn des Johannes Scherer und der Theresia geb. Stern geboren. Zwei seiner Brüder blieben in der Landwirtschaft, Johannes indes besuchte das Gymnasium im wenige Kilometer nord­westlich von Belgrad, heute in Serbien gelegenen Pantschowa (Pančevo) und im nördlich davon, heute ebenfalls in Serbien gelegenen Großbetschkerek (Zrenjanin). 1908 bestand er seinen Schulabschluss mit Auszeichnung, um in der Folge in Pressburg (Bratislava) Theologie zu studieren, wo er sich dem Kreis junger Theologen um Carl Eugen Schmidt anschloss. Ein weiteres Studienjahr verbrachte Scherer in Wien, bevor er am 19. Juni 1912 von Bischof Baltik in der großen evangelischen Kirche in Pressburg ordiniert wurde.

1913 kam er als Kaplan nach Modern (Modra) am Fuße der kleinen Karpaten, und als der dortige deutsche evangelische Pfarrer Karl Hollerung von seinem Amt zurücktrat, wurde Scherer noch im selben Jahr, gerade einmal 24 Jahre alt, zu dessen Nachfolger gewählt und konnte seine Verlobte, die Diplomkindergärtnerin Magdalene Ruzsicska, eine Tochter des städtischen Tierarztes Josef Ruzsicska, heiraten. Die Trauung am 25. November 1913 in der deutschen evangelischen Kirche von Modern vollzog der befreundete Pfarrer Hans Mollner aus Limbach. Fünf Töchter und eine Nichte als Pflegekind sah das Haus Scherer heranwachsen.

1920 wurde Johannes Scherer zum Nachfolger des nach Mecklenburg wechselnden Pfarrers Heinrich Daxer in Bösing (Pezinok) gewählt. Die Amtseinführung erfolgte am 20. September 1920 im Auftrag des Seniorialamtes wieder durch Hans Mollner aus Limbach unter Teilnahme der Pfarrer mehrerer Nachbargemeinden, unter ihnen Senior Schmidt aus Pressburg.

Nach dem Ersten Weltkrieg musste die evangelische Kirche A.B. in der Tschechoslowakei neu geordnet werden. Im slowakischen Teil des Landes nahmen die slowakischen Mitbrüder als nunmehrige überwältigende Mehrheit auf die Wünsche und Bedürfnisse der deutschen Minderheit wenig Rücksicht, diese wurde in den Gründungssynoden ständig überstimmt. Schmidt konnte nach langem, zähem Ringen – unterstützt durch die deutschen Gemeinden im Pressburger Umland – 1924 die Bildung des deutschen Seniorats Pressburg durchsetzen, dem die deutschen Gemeinden des Pressburger Stadtseniorats angehörten. Während Schmidt selbst erster Senior wurde, übernahm Johannes Scherer, aufgrund seiner Mehrsprachigkeit bereits Presbyter, Protokollführer und Mitglied der Schulkommission im Westdistrikt der Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei, im neu gegründeten deutschen Seniorat Pressburg zunächst das Amt des Konseniors. Nach der Resignation Schmidts 1932 trat er dessen Nachfolge an, gleichzeitig hatte er auch den Vorsitz des deutschen Pfarrervereins und des Gustav-Adolf-Vereins inne.

Nach dem Synodalgesetz vom 14. Juni 1939 kam es unter Beteiligung von Johannes Scherer und Desider Alexy zur Abspaltung von der bislang gemeinsamen Kirche, es entstand die selbständige Deutsche Evangelische Kirche A.B., und Scherer fungierte dabei bis zur Gründung der neuen Kirchengemeinschaft als bischöflicher Administrator. 1941 wurde er zum Nachfolger von Carl Eugen Schmidt als erster deutscher Pfarrer in Pressburg gewählt. Im Jahr darauf wurde die Verfassung der „Deutschen evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei“ durch die Regierung der Slowakischen Republik genehmigt, und Johannes Scherer wurde der erste und schließlich auch einzige deutsche evangelische Landesbischof in der Slowakei.

Bei seiner Amtseinführung am 28. Juni 1942 in der großen evangelischen Kirche in Pressburg war letzteres so nicht abzusehen. Ursprünglich hatte Bischof Dr. Theodor Heckel, der Leiter des Kirchlichen Außenamts der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Weihe vollziehen sollen, ihm wurde jedoch – wie dem Leiter des deutschen Gustav-Adolf-Vereins – die Ausreise nach Pressburg verweigert. Offenbar hatte die deutsche Regierung das Interesse an der Deutschen Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei verloren, zumal die „Deutschen Christen“ in der Slowakei bislang nicht hatten Fuß fassen können.

Auch Bischof Scherer wurde von aus dem Reich unterstützten nationalsozialistischen Kreisen dazu gedrängt, sich am Vorbild etwa der „Deutschen Christen“, aber auch der „Bekennenden Kirche“ zu orientieren, verweigerte sich diesen Tendenzen jedoch standhaft. Ihm ging es um das geistliche Haus der deutschen Glaubensbrüder in der Slowakei mit der eigenen Muttersprache und nicht um die Stärkung und Förderung deutscher Interessen im Rahmen eines „Volkstumkampfes“.

Sein Bischofsamt konnte er nur zweieinhalb Jahre ausführen. Vor der Besetzung Pressburgs im April 1945 musste auch er die Stadt verlassen, um nach abenteuerlicher Flucht seine schon zuvor evakuierte Familie im Böhmerwald wiederzutreffen, mit der er schließlich in Österreich landete und zunächst in Pörtschach am Wörthersee als Hilfsgeistlicher tätig war.

Als die Familie des Bischofs 1947 nach Württemberg kam, erhielt er zunächst eine Stelle als Pfarrverweser in Stetten im Remstal und wurde 1948 schließlich als ordentlicher Pfarrer nach Geislingen/Steige berufen.

Von hier aus diente er seiner neuen Gemeinde und seinen Landsleuten gleichermaßen. Er engagierte sich sehr früh im Hilfskomitee für die ev.-luth. Slowakeideutschen, das sich, wie der Hilfsbund Karpatendeutscher Katholiken, um die Seelsorge und Wiederzusammenführung seiner versprengten alten Gemeindeglieder kümmert und fungierte einige Jahre als Schriftleiter des innerhalb der Karpatenpost erscheinenden „Evangelischen Glaubensboten“, um 1954 in den Ruhestand zu treten.

Obwohl Scherer bereits im August 1966 verschieden war, fand die Trauerfeier auf dem Geislinger Friedhof erst am 2. November 1966 im Beisein zahlreicher Vertreter der karpatendeutschen Organisationen, des Diakonischen Werks und von Landesbischof D. Erich Eichele statt. Am Tag darauf wurde der erste und zugleich letzte deutsche evangelische Bischof der Slowakei bei seinen in Salzburg lebenden Töchtern beigesetzt.

Lit.: Eduard Drgala, Zum 100. Geburtstag von Bischof Johannes Scherer, 4.1.1889-31.8.1966, in: Karpatenjahrbuch 1989, Jg. 40 (1988), S. 100-104. – Andreas Metzl, Art. „Johannes Scherer, Bischof“, in: Ders., Arbeiter in Gottes Weinberg. Lebensbilder deutscher evangelischer Pfarrer in und aus der Slowakei im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 223-226. – Werner Laser, Liebe zum Volk und Treue zur Kirche: Bischof Johannes Scherer, in: Karpatenjahrbuch 2016, Jg. 67 (2015), S. 177-181. – Andreas Metzl, Zur Bischofsweihe von Bischof Johannes Scherer, in: Karpatenjahrbuch 2017, Jg. 68 (2016), S. 197-205.

Heike Drechsler-Meel, 2017

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