Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Scholcz, Friedrich

Schriftsteller, Pädagoge

* 1831, 16.7.
Rissdorf/ Oberzips

† 1911, 25.10.
Kesmark

Auf den vielen Bundestreffen haben die Karpatendeutschen neben der deutschen Hymne feierlich ihr Heimatlied gesungen. Der Dichter dieses „Zipser Volksliedes“, das leicht abgewandelt und verkürzt als Hymne der Karpatendeutschen gilt,  ist Professor Friedrich Scholcz aus Kesmark. Dessen Todesjahr 1911, also vor hundert Jahren, gibt uns Gelegenheit, dieses geachteten Kesmarker Bürgers zu gedenken.

Friedrich Scholcz stammte aus einer bäuerlichen Familie aus Rissdorf in der Zips (südöstlich von Leibitz). Er wurde am 16.Juli 1831 geboren. Der Ort war eine deutsche Siedlung und gehörte schon im 13.Jahrhundert zu den 24 königlichen Zipser Städten. Die überwiegend deutsche Bevölkerung wurde auch 1945/46 vertrieben. In den Jahren 1951 bis 1954 errichtete das kommunistische Regime in dieser Landschaft ein militärisches Übungsgelände, so dass die Gebäude, auch die beiden Kirchen,  in Rissdorf (Ruskinovce) zerstört wurden und es diesen schönen Ort leider nicht mehr gibt.

In Rissdorf besuchte Friedrich Scholcz die deutsche Volksschule; dann ging er an das evangelische Lyzeum nach Kesmark (Kezmarok). Danach absolvierte er das evangelische Kolleg in Eperies (Presov), wo er Theologie und Philosophie studierte. Mit 26 Jahren studierte er 1857/58 an der Universität Jena Theologie, Literatur, Geschichte und Philosophie.

Er kehrte dann in seine Heimat zurück und wurde ein  erfolgreicher Lehrer an seinem Lyzeum in Kesmark.

Hier wirkte er von 1858 bis 1903, also 45 Jahre, als überaus beliebter Professor für Deutsch, Ungarisch und Geschichte. Da der Direktor der Anstalt nach der Schulordnung jeweils für drei Jahre gewählt wurde, bekleidete er das Amt des Schulleiters von 1870 bis 1879, also drei Wahlperioden, und dann nochmals von 1888 bis 1891. In die letzte Periode fiel auch die Planung des Neubaues des Gymnasialgebäudes.

Die Schule war seit 1852 ein achtklassiges Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache; Ungarisch und Slowakisch gab es als Wahlfach mit zwei Wochenstunden. Erst nach dem Ausgleich 1867 trat im Rahmen der Madjarisierung die ungarische Sprache immer mehr in den Vordergrund; ab 1902 war Ungarisch schon Unterrichtssprache und Deutsch nur noch eine sogenannte Aushilfssprache. Slowakisch wurde nur bis 1874 unterrichtet.

Lehrer und Schüler im Gymnasium in Kesmark pflegten trotz des aufkommenden Nationalbewusstseins in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts alle drei Sprachen. Die meisten Schüler waren Deutsche aller Volksschichten aus der Zips. Ungarische Schüler stammten aus höher gestellten Kreisen der Verwaltung und auch die slowakischen Studenten kamen aus besser situierten Familien; deren Einzugsgebiet war fast ganz Oberungarn. So gab es viele Bücher und Zeitschriften in allen drei Sprachen und auch die Unterhaltung der Menschen wechselte oft von einer Sprache in die andere.

Der von den Slowaken als Nationaldichter verehrte  Pavol Ország Hviezdoslav (1849-1921) kam 1865/66 aus Miskolcz in die vierte Klasse des Kesmarker Lyzeums. Er hatte anfangs größere Schwierigkeiten mit der slowakischen Sprache, die in zwei Wochenstunden unterrichtet wurde. Zuerst soll er Gedichte in Deutsch und Ungarisch geschrieben haben, bis er im slowakischen Unterricht angeregt wurde, in Slowakisch zu schreiben. Das war der Ursprung seines großen literarischen Werkes. (Heute trägt dieses Gymnasium seinen Namen.)

Hviezdoslav erinnerte sich gerne an seine Schule in Kesmark, die er bis 1869/70 besuchte, und schrieb u.a. „Ein Liebling war ich aber besonders von Scholcz. Er war Vorsitzender des ungarischen sogenannten Önképzököru, wohin ich öfters ungarische Reime brachte…“ Das war der ungarische Selbstbildungsverein (Sprachgesellschaft), wo der Vortrag von Gedichten und anderen Texten gepflegt wurde. Im Schuljahr 1868/69 war Hviezdoslav hier sogar Sekretär seines Professors und wohnte in seinem Hause in der Straße des Dr.Alexander.

Friedrich Scholcz war auch schriftstellerisch tätig, er verfasste Gedichte in Zipser Mundart und Schriftdeutsch, Prosatexte und Spiele in deutscher und ungarischer Sprache. Bekannt ist der Text seines Zipser Volksliedes (1882), das 1885 von Friedrich Wilhelm Wagner (1815-1887), Kantor in Leutschau, vertont wurde. Sehr bald sang man diese „Zipser Volkshymne“ bei vielen festlichen Gelegenheiten mit großer Begeisterung.

Der Gott, der unsre Väter einst
In dieses Land geleitet,
Der hat für uns und Kindeskind
Das Heimatland bereitet.

Das ist die schöne Zipser Mark,
Bekränzt von den Karpathen!
Dort oben grünt der schöne Wald,
Im Tale reifer Saaten!

Wie lustig schallt das Feld, der Wald!
Das ist ein fröhlich Singen!
Die Gemse haust auf steilen Höh´n,
Im Fluß Forellen springen.

Die Bächlein von den Halden klar
Wie Silberstreifen fließen,
Ein bunter Blumenteppich liegt
Auf saftiggrünen Wiesen!

Es ruht wie eines Riesendoms
Des Himmels klarer Bogen
Auf mächt´gen Pfeilern ringsumher
Vom Sonnengold umzogen!

Wie schön bist du, oh Zipserland
Mit deinen Bergesriesen!
Gepriesen sei der Gott, der ´s uns
Zur Heimat angewiesen!

Beim in Kesmark von der Druckerei Paul Theodor Sauter und Carl Robert Schmidt  1880 neu gegründeten deutschen Wochenblatt „Karpathenpost“ war Friedrich Scholcz von Juli 1882 bis Sept. 1888 der allein verantwortliche Redakteur. Als er 1888 erneut für drei Jahre zum Direktor des Gymnasiums gewählt wurde, übernahm Paul Sauter allein die Redaktion und Scholcz wirkte  noch bis 1897 als „Haupt-Mitarbeiter“ in der Redaktion mit. Mit 66 Jahren hörte er auf und am 7.10.1897 verabschiedete ihn Paul Sauter in der Nr. 40 des Wochenblattes u.a. mit den Worten: „Dem Scheidenden, welcher viele Jahre hindurch mit nie erlahmendem Eifer und nie erlöschender Begeisterung das geistige Rüstzeug, die Feder, mit schönem Erfolg in den Dienst….. gestellt,….entbieten wir sowohl im Namen der Redaktion als auch im Namen all unserer geehrten Leser unseren aufrichtigsten und wärmsten Dank.“

In der Karpathenpost konnte Scholcz auch seine eigenen Texte veröffentlichen. Allerdings publizierte er auch in vielen anderen deutschen und ungarischen Zeitschriften. So schrieb er über die Einwanderung der Zipser Sachsen oder die „Studienreise zweier Schulvereinler aus Spree-Athen“(1882); auch „A Tatra alatt- Historische Szenen unter Einflechtung der Schul- und Stadtgeschichte“ (1902/03) und vieles andere.

Viele Beiträge schrieb er auch in den von der Schule herausgegebenen Jahresberichten, die ab 1861 in ungarischer Sprache (bis 1918/19) erscheinen mussten.

Friedrich Scholcz war in der Stadt eine angesehene Persönlichkeit geworden.  In seiner Heimatkirche, der evangelischen A.B. Kirchengemeinde in Kesmark, wirkte er im Kirchenvorstand. Bei der Gründung des Karpathenvereins im Jahre 1873 gehörte er zu den 30 Gründungsmitgliedern.

Dr. Johann Liptak schreibt  in seiner “Geschichte des Deutschen Evangelischen Gymnasiums A.B. in Kesmark“ (1933) über die Professoren (Lehrer) des Lyzeums in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts:   Sie “hielten an den puritanischen Charaktereigenschaften im Sinne des Protestantismus fest, waren idealistischer Einstellung und kirchlicher Gesinnung und vom ungarischen Geist durchdrungen. Dieser fußte aber im Grunde auf einer tiefen Heimatliebe und Treue zur Zips, die sich in der Pflege der deutschen Sprache äußerte. Als Vertreter dieses Typs kann Professor Friedrich Scholcz gelten.“

In den zur 400- Jahr- Feier des deutschen evangelischen Gymnasiums im Jahre 1933 herausgegebenen dreisprachigen Festschrift „Memorabilia Lycei Kesmarkiensis“ haben viele Absolventen ihre Erinnerungen an ihre Schule niedergeschrieben. Viele von ihnen verehrten ihren Professor Friedrich Scholcz in besonderer Weise. So schrieb Koloman Kozlay in „Manibus et penatibus“ : „Noch lebendiger und unvergänglicher als  die konkreten Ergebnisse seines langjährigen Wirkens leuchtete diejenige Lichtquelle, die sein Wesen vor den Augen der Nachwelt geradezu verklärt erscheinen lässt, und das ist die unversiegbare Liebe, die dieser Mensch zu Zehntausenden von Schülern, Professoren, Verwandten und Mitbürgern empfand und ein langes Leben hindurch nicht nur erhalten, sondern vielmehr in Werken der Hilfe, der Arbeit, des Opfers, mancherlei Segens zum Ausdruck kommen ließ. Ihn könnte man ohne Übertreibung den ´Vater von tausend Kindern´ nennen, da er sich nicht nur um die geistige Pflege seiner Schüler kümmerte, sondern Unzähligen durch Erschließung pekuniärer Mittel das Studium überhaupt ermöglichte.“

Der röm.kath. Pfarrer Otto Kozlik schrieb 1932 für das Jubiläumsbuch: „Ich saß im Obergymnasium in der ersten Bank- unmittelbar unter den Augen des Herrn Direktors Scholcz. … Da ich meine freie Zeit mit Stundengeben verbringen und nur in der Früh von 4 Uhr an im Schlossgraben im Sommer und Winter auf und abwandelnd studieren konnte, benützte ich die Zeit unter Direktor Scholcz zum Nachholen der Präparation für Griechisch und Latein Vokabelsuchen, zugleich aber dem Vortrage des Herrn Direktors folgend. Der Herr Direktor konnte und musste es merken, was ich unter der Bank für ein Doppelgeschäft betrieb, aber in seiner Güte störte er mich nicht, tat lächelnd, als ob er es nicht merkte. Er wusste, dass mir keines seiner Worte verloren ging. Denn Literatur und Sprachen waren meine Lieblingsgegenstände. Er verstand die Not seines Schülers, der ums Brot so hart ringen musste, er las in den Augen desselben, wie lieb und teuer und interessant er demselben war. Ja, das war Direktor Scholcz, schonend, milde, geduldig, verstehend, darum blieb er unser lieber Alter!“

Die Atmosphäre in der Schule schildert er an einer anderen Stelle: „Politische, nationale, religiöse Differenzen oder Konflikte lernten wir an der alma mater nicht kennen, friedlich konnten wir uns den Studien widmen, ungestört vom Wellenschlag des öffentlichen Lebens – und ich denke, es ist ein weiterer Triumph der alma mater, dass ihre Schüler nicht nur Männer der edlen, verstehenden, schonenden, helfenden Nächstenliebe, sondern auch Boten des Friedens geworden sind.“

So war es auch selbstverständlich, dass Friedrich Scholcz sich in seinen späteren Jahren mit einem Unterstützungsfond in die stolze Reihe derjenigen stellte, welche der Schule und vor allem den hilfsbedürftigen Schülern durch Stipendien weiterhalfen.

Nach einem erfüllten Leben starb er am 25.Oktober 1911 und wurde auf dem historischen Friedhof in Kesmark mit allen Ehren beerdigt. Sein Grabmal mit einem Relief ist bis heute erhalten geblieben.

DEM DICHTER DES ZIPSER LIEDES
UND EDELHERZIGEN FREUNDE DER JUGEND
PROF. FRIEDRICH SCHOLCZ
DAS DANKBARE LYZEUM ZUR ERINNERUNG
AN DIE HUNDERSTE WIEDERKEHR
SEINES GEBURTSTAGES
16. JULI 1931

Zur Erinnerung an den verdienstvollen und allgemein geachteten und geliebten Professor Friedrich Scholcz wurde am 16.Juli 1931, seinem 100.Geburtstag, am alten Lyzealgebäude eine Gedenktafel angebracht. Im Angedenken an sein Todesjahr soll diese Zipser Persönlichkeit aus dem Meere des Vergessens herausgehoben werden und für alle Karpatendeutschen ein weiteres leuchtendes Beispiel deutscher  Geisteskraft sein.

Quellen: Johann Liptak: Geschichte des deutschen evangelischen Gymnasiums A.B. in Kesmark, Kesmark,1933; Memorabilia Lycei Kesmarkiensis magistrorum dsicipulorumque dicta et facta, Carl Bruckner,Kesmark,1933; Persönlichkeiten der Geschichte Kesmarks (Historischer Friedhof), Kesmark, 2005; Nora Baràthovà: Osobnosti dejn Kezmarku; ViViT, 2005; Zipser Land und Leute( Deutsche Siedlungsgeschichte) Rudolf-Ulreich-Zimmermann; Wien 1982, Julius Gréb: Zipser Volkskunde; Paul Sauter; Kesmark,1932.

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.