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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schopenhauer, Arthur

Philosoph

* 1788, 22.02.
Danzig

† 1860, 21.09.
Frankfurt/Main

Dem Danziger Kaufmannssohn war nicht an der Wiege gesungen worden, einmal der Philosoph der Epoche zu werden. Vielmehr schien er dazu bestimmt, das Erbe seines strengen Vaters anzutreten, der denn auch alles tat, um den Jungen zu einem weltläufigen Nachfolger zu erziehen. Doch als der Vater starb, sah der Sohn sich unverhofft von dieser moralischen Pflicht entbunden. Mit vollen Zügen gab er sich seinen Studien hin: vom hinterlassenen Erbe seines Vaters begünstigt, wählte er den Weg des Privatgelehrten. Schien ihm das Leben doch eine so mißliche Sache, daß er beschloß, über es nachzudenken. Selbstbewußt sah er sich später als den legitimen Erben und Nachfolger eines anderen großen Landsmannes, des Philosophen Immanuel Kant. Sein Hauptwerk: „Die Welt als Wille und Vorstellung“ blieb indes lange Zeit über fast unbeachtet. Es galt als das Produkt eines überspannten Romantikers. Erst in seiner späteren Frankfurter Zeit zeitigte es erste Wirkungen, und eine Schar von Jüngern und Anhängern stellte sich ein. Breitere Beachtung fand, nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848, nicht etwa sein mittlerweile fast verschollenes Hauptwerk, sondern eine Sammlung verstreuter Gelegenheitsschriften, die unter dem Titel „Parerga und Paralipomena“ erschienen. Aus der kleinen Schopenhauer-Gemeinde entstand erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine Schopenhauer-Gesellschaft.

Die Philosophie Schopenhauers besteht aus ganz wenigen Grundmotiven, die sich zu einer spannungsreichen Weltsicht zusammenfügen. Dazu gehören, sehr vereinfacht, vor allem

– die Annahme eines sinnblinden „Willens zum Leben“ als des metaphysischen Weltgrundes aller Dinge bis hin zum Menschen – eine materiale Ausformung des Kantischen „Dings an sich“;

– die Bestimmung der menschlichen Existenz als einer insgesamt auf Leiden und Lebensnot hin angelegten sowie

– die Idee der Erlösung vom Leid durch den „Quietiv des Willens“, ermöglicht durch die Herausbildung des menschlichen Intellekts, der sich als Objektivation des Willens begreift.

Schopenhauer wird nicht müde, das Los der Menschen in der Geschichte als eine Spielart der Hölle und das Leben, alles in allem, als ein Geschäft zu erweisen, das die Unkosten nicht lohnt. Deshalb gilt er auch als der Philosoph des Pessimismus. Gleichwohl läßt sich an seinem Weltgemälde auch der Umriß einer kritischen Gesellschaftstheorie ablesen. Schopenhauers Kritik am Juste-milieu seiner Zeit gewinnt bis heute seine Aktualität durch die unerbittliche Blickschärfe und Urteilskraft und die oft ins Sarkastische mündenden Diagnosen der absonderlichen Menschenwelt. Doch bleibt seine Anthropologie darin der europäischen Aufklärung verpflichtet, daß er dem „Willen zum Leben“ zwar den Wirkprimat zuspricht, zugleich aber Partei ergreift für den stets gefährdeten Intellekt, das leidende Individuum. Höchster Wert bleibt für ihn, den Zeitgenossen Goethes, die Persönlichkeit, der er den Vorrang gegenüber allen Ansprüchen seitens des Staates und der Nation zuerkennt. Denn nur sie sei letztlich fähig zur Einsicht in den Schuldzusammenhang alles Lebendigen, nur sie kann durch Erkenntnis der ursprünglichen Einheit alles Lebens auch jene Solidarität üben, die sich im Mitleid ausdrückt. Dieser humanistische Grundzug von Schopenhauers Ethik zeigt sich vor allem darin, daß er, einer der großen Entdecker der Geheimnisse des Unbewußten im Menschen, doch stets der Helle des Bewußtseins verpflichtet bleibt. Er hat sich, im Gegensatz zu derzeit wieder virulenten Mythologemen, niemals ins Urtümliche vergafft. Auch hierin modern, da er mit seinen scharfsinnigen psychologischen Analysen manches von dem vorwegnimmt, was erst im 20. Jahrhundert durch Sigmund Freud ans Licht gebracht wurde. Die Lebensleistung Schopenhauers läßt sich wohl darin sehen, daß er, am Ausgang des deutschen Idealismus, dessen Selbstaufklärung unternimmt. Sah dieser noch in der Idee, im Geist, die prima causa alles Seienden, so räumt Schopenhauer dem Arationalen und Vitalen im Menschen einen hohen Stellenwert ein: Er sieht ihn als ziemlich umfängliches Triebwesen. Gerade weil dem so ist, ergibt sich für alles menschliche Dasein eine große Verantwortung insofern, als das Freiwerden vom dunklen Triebdrang nur auf jener Stufe neuzeitlich-kultureller Entwicklung möglich wird, auf der kritische und selbstkritische Fähigkeiten der Vernunft des Menschen ins Spiel kommen. Der Weg zur Selbsterkenntnis erscheint Schopenhauer, auch hierin ein Sohn abendländischer Aufklärung, als der zur Menschwerdung des Menschen.

Ein Vermächtnis dieses Denkens dürfte darin liegen, daß der Sohn Danzigs das Bewußtsein dafür geschärft hat, wie wenig gefeit gegen den Rückfall ins Barbarische alle Kultur bleibt. Die Verlockungen dazu, sei es in Form des Nationalismus, sei es als Leugnung des Lebensrechtes anderer Völker und Mitmenschen, stehen nach wie vor am Rand dieses schwierigen Wegs. Denn nach wie vor gilt: Das Glück liegt stets in der Zukunft – oder auch in der Vergangenheit. Und die Gegenwart ist einer kleinen dunklen Wolke zu vergleichen, die der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist alles hell. Nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Wer die Wirkungen des Schopenhauerschen Denkens im 19. Jahrhundert überblickt, stellt verwundert fest, daß von ihm die gegensätzlichsten Motivationen ausgingen: von behaglicher Resignation und Schicksalsergebenheit bis zum kritischen Urteil der Zeitkritik. Desgleichen konnten sich sehr unterschiedliche Positionen auf ihn berufen: ein weltferner Idealismus ebenso wie die vom unermüdlichen Dennoch bestimmte Haltung des engagierten Eingreifens. Entscheidend ist, daß Schopenhauer auch dort, wo er zum Widerspruch reizt, zur Selbstklärung verhilft. Er gehört zudem zu jenen seltenen Philosophen, die das, was sie entdecken, in einer klaren Sprache mitteilen. So dürfte seine philosophische Prosa mit zum Besten gehören, was sich im 19. Jahrhundert in Deutschland findet. Wer unsere Sprache liebt, kehrt häufiger bei ihm ein als bei manchen anderen seiner Zeitgenossen. So darf man heute resümieren: Pessimismus hin, Optimismus her: Auf diese simplen Formeln läßt sich ein Denker vom Range Schopenhauers nicht mehr abziehen. Zwar blieb ihm Dialektik in jener Form verhaßt, wie er sie bei Hegel, seinem Kontrahenten, vorfand. Doch sind seine eigenen Schriften reich an gedanklichen Operationen, in denen sich die Widersprüche seiner, eben nicht bloß seiner, Zeit zu erhellenden Paradoxien verdichten: Zeichen seiner Zeitgenossenschaft.

Werke: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1813); Die Welt als Wille und Vorstellung (1819); Über den Willen in der Natur (1836); Die beiden Grundprobleme der Ethik (1841); Parerga und Paralipomena, 2 Bde. (1851).

Lit.: Hübscher, A.: Denker gegen den Strom. Sch. gestern, heute, morgen. Bonn 21982. – Weimer, W.: Sch. Darmst. 1982. – Hübscher, A.: Sch.-Bibliogr. Stg. 1981. – Pisa, K.: Sch. Mchn. 1978. – Pisa, K.: Sch., Kronzeuge einer unheilen Welt. Bln. u. Wien 1977. – Copleston, F.Gh.: A. Sch., philosopher of pessimism. London 1946. Nachdr. Scranton (Pa.) 1975.

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