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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schreiber, Ottomar

Vertriebenenpolitiker

* 1889, 01.05.
Marienburg/Westpr.

† 1955, 06.02.
München

Ottomar Schreiber wurde am 1. Mai 1889 als Sohn eines Lehrers in Marienburg geboren. Die Familie ist seit 1412 im Preußenland in der Komturei Rehden nachweisbar. Nach dem Abitur Ostern 1907 im westpreußischen Neustadt studierte Schreiber an den östlichsten Universitäten des Reiches, in Breslau und Königsberg, Geschichte, Philosophie und neuere Sprachen. 1912 promovierte er in Königsberg mit einer Arbeit über die Personal- und Amtsdaten der Hochmeister des Deutschen Ordens. Das Staatsexamen legte er 1913 ab.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte der Leutnant der Reserve in Ostpreußen, Polen und den Karpaten. Das Diktat von Versailles trennte mit dem größten Teil Westpreußens auch Neustadt, die Stadt seiner Jugend- und Schulzeit, vom Reich und überantwortete es polnischer Herrschaft. Danzig, gleichfalls ohne Befragung der Einwohner in Versailles von Deutschland abgetrennt, wurde „Freistaat“. Dort, in Langfuhr und Oliva, war er als Studienreferendar im Schuldienst tätig, bis er, seiner Neigung zur Literatur folgend, die Leitung des Verlages „Deutsche Meister“ übernahm, wo er fürdie Verlagszeitschrift und die Herausgabe von 50 Klassiker-Einzelausgaben verantwortlich zeichnete.

1922 wurde Dr. Schreiber, der weder Volkswirtschaft studiert noch praktische kaufmännische Erfahrungen aufzuweisen hatte, die Stelle des Syndikus an der Industrie- und Handelskammer in Memel angeboten. Er trat dies Amt in einer für Land und Wirtschaft nahezu perspektivlosen Zeit an, hatten doch die alliierten Friedensmacher diesen nordöstlichsten Teil Ostpreußens mit 141000 Einwohnern und 2700 Quadratkilometern ohne Volksabstimmung vom Mutterland losgerissen, ohne weitere Verfügungen zu treffen. Kurz nach seinem Amtsantritt erlebte Schreiber, wie litauische Freischärler im Januar 1923 in das von französischen Truppen besetzte Memelland einfielen und die französische Besatzung vertrieben. Schreibers nun folgende Tätigkeit darzulegen hieße, die 20jährige Geschichte dieses um sein Deutschtum kämpfenden „Memelgebiets“ zu schreiben. Sehr schnell erarbeitete er sich die für sein Amt erforderlichen umfassenden Kenntnisse der wirtschaftlichen Lage und handelspolitischen Verflechtungen des Memellandes. In Verhandlungen mit den Litauern, in Handelsbesprechungen mit Moskau wie mit Berlin oder den baltischen Staaten bewies er seine Fähigkeiten, Gegensätze auszugleichen, wie auch besonnen gegen den litauischen Chauvinismus aufzutreten. 1932 von allen deutschen Parteien zum Präsidenten des Memeldirektoriums gewählt, wurde er von der litauischen Regierung im Juni 1934 abgesetzt und des Hochverrats angeklagt. 1938 konnte Schreiber sein Amt als Syndikus wieder übernehmen. Am 22. März 1939 kehrte das Memelland auf Grund des deutsch-litauischen Staatsvertrages zum Reich zurück.

Anfang 1945 kam Schreiber als Vertriebener nach Tegernsee. Sehr bald begann er, in zahllosen Reden und Schriften für das Recht der Vertriebenen und gegen das Unrecht der Vertreibung Zeugnis abzulegen. Mehr als 130 solcher Reden hat Fritz Gause in seiner 1955 bei Gräfe und Unzer erschienenen Dokumentation „Erbe und Aufgabe des deutschen Ostens“ aufgelistet. Bei der Godesberger Tagung führender Persönlichkeiten der deutschen Ostprovinzen am 11. und 12. August 1948 wurde Schreiber zum Repräsentanten Ostpreußens bestimmt. Am 3. Oktober 1948 gründeten die ostpreußischen Kreisvertreter die Landsmannschaft Ostpreußen und wählten Ottomar Schreiber zum Sprecher der Landsmannschaft. Anfang 1949 wurde er Leiter des Amtes für Fragen der Heimatvertriebenen im Verwaltungsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes in Frankfurt; bei der Errichtung des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte dessen Staatssekretär. Im November 1953 schied er aus dem Amt, im Frühjahr 1954 wird er mit Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand versetzt. In Schreiber, der unter den Mauern der Marienburg geboren worden war, im westlichen Preußenland geformt wurde und im memelländischen Nordosten sich in schwieriger Zeit als Patriot bewährte, trafen Pflichttreue, Redlichkeit und ein aus historischen und philosophischen Studien geprägtes Weltbild zusammen. Die im Osten gewonnenen Erfahrungen befähigten ihn wie keinen anderen, die Landsmannschaft ins Leben zu rufen, sie zu führen und zu formen und sie mit einem aus Tradition und Gegenwartsforderungen gebildeten Auftrag in das geistige und politische Ringen um den deutschen Osten treten zu lassen.

Im Oktober 1951, als die berufliche Arbeit ihm nicht mehr Zeit für die anwachsenden Aufgaben im organisatorischen Bereich seiner Landsmannschaft gab, trat er vom Sprecheramt zurück. Als erster und einziger Ehrenpräsident hat er seiner Landsmannschaft noch weiter gedient, bis der Tod diesem mit weitgesteckten Planungen erfüllten Geist ein jähes Ende setzte. In der Nacht vom 5. zum 6. Februar 1955 starb er in München nach einer schon beinahe überstandenen Krankheit an einer Lungenembolie. Er war eine große Persönlichkeit des deutschen Ostens und hat an sich die von ihm in einer Rede 1950 erhobene Forderung wahrgemacht:

„Auf unseren Gräbern werden keine steinernen Kreuze stehen, aber leben sollten wir so, daß, wenn wir unsere letzte Ruhestätte gefunden haben, unsere Nachkommen sagen werden: Er ist ein anständiger Mensch gewesen.“

Lit.: Landsmannschaft Ostpreußen 1948—1968, Hamburg; Fritz Gause, Erbe und Aufgabe des deutschen Ostens, Gräfe und Unzer, München 1955.

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