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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schulz, Eberhard Günter

Philosophie-Historiker, Präsident des OKR

* 1929, 29.10.
Neusalz/Oder

† 2010, 03.08.
Marburg/Lahn

Am 3. August 2010 verstarb in Marburg an der Lahn Professor Dr. Eberhard Günter Schulz, der Präsident der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR. Viele Menschen werden dankbar und in herzlicher Verbundenheit an ihn denken, denn sein Wirken in vielen Bereichen des kulturellen Lebens ist hoch anerkannt.

1929 in Neusalz an der Oder in Niederschlesien geboren, musste Eberhard Günter Schulz wie so viele andere Flucht und Vertreibung aus der Heimat ertragen. Doch konnte er die Schulzeit erfolgreich im westlichen Teil Deutschlands beenden und das Studium an der Universität Marburg absolvieren. Dort begann er als junger Assistent seine wissenschaftliche Laufbahn, die mit der Ernennung zum Professor für Philosophie an der Universität Duisburg gekrönt wurde. Schwerpunkt seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit wurde die Philosophiegeschichte des 18./19. Jahrhunderts, insbesondere das Werk von Immanuel Kant. Es war für den Philosophen Eberhard Günter Schulz charakteristisch, dass er sich neben aller Hingabe an das Geistige und die kulturelle Vergangenheit immer auch um die Bewältigung der Anforderungen des Diesseits in der Gegenwart bemühte. Er setzte seine philosophischen Einsichten oft in Maximen für politisch durchdachtes Handeln um. Das läßt sich bereits an Titeln seiner Veröffentlichungen ablesen, betrachtete er doch „Philosophie und Geschichte als Grundlagen der Politik“. Mit seinem Beitrag zur Gestaltung des Staats- und Staatenrechts wollte er mit bewirken, dass Freiheit und Frieden bestehen können, und Ethik sah er vor allem dann verwirklicht, wenn Achtung und Wohlwollen unter den Menschen herrschen. Beide Schriften verfasste er unter dem Einsatz seiner letzten Kräfte noch auf dem Sterbebett. Sie sind ein besonderes Vermächtnis, das es zu bewahren gilt.

Auch in dem Band Kants große Entdeckungen, in dem Aufsätze von Professor Schulz vereint sind, kommt die Sorge für ein gut geordnetes Zusammenleben der Menschen zum Ausdruck. In Kants Thesen sieht er die Grundlage dafür: „Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft. (…) Dieses größte und schwerste Problem bedeutet nichts anderes, als daß die Menschen die moralische Verpflichtung haben, sich überall auf der Welt zusammenzuschließen zu freiheitlich demokratischen Rechtsstaaten, wie wir sagen, oder zu republikanisch verfaßten Staaten, wie Kant sich ausdrückt …“

In dem von Schulz herausgegebenen Band Schicksal und Bewältigung der Flucht und Vertreibung von Deutschen und Polen weitet sich der Blick von der nationalen Staatsformung zum Wachsen des europäischen Zusammenhalts durch Bewältigung und Überwindung des Trennenden.

Das Thema der Vertreibung und der Erinnerung an die deutsche Kultur der ehemals deutschen Provinzen und Siedlungsgebiete bildet den anderen Teil seines Lebenswerkes, denn er entzog sich nicht den Mühen ehrenamtlicher Arbeit im ständigen Ringen um die Verwirklichung geistiger Präsenz des deutschen Kulturerbes in der Gegenwart. Eberhard Günter Schulz leistete viele Jahre hindurch mit großem persönlichem Einsatz Hervorragendes für die Kulturarbeit der Vertriebenen. Seit 1972 war er Vorsitzender der Stiftung Kulturwerk Schlesien. Seit ebenso langer Zeit wirkte er im Vorstand der – bis vor kurzem so benannten – Stiftung Ostdeutscher Kulturrat (OKR), die sämtliche deutsch geprägten oder mitgeprägten Kulturlandschaften in Mittel- und Osteuropa erfaßt. Am 1. Januar 2000 übernahm er das Amt des Präsidenten dieser Stiftung.

Das geschah in einer düsteren Zeit, denn zum 30. Juni 2000 beendete die Bundesregierung die institutionelle Förderung der Stiftung. Dank der glänzenden Kenntnisse von Professor Schulz im Finanzwesen und seines ständigen umsichtigen Agierens in dieser schwierigen Materie gelang es ihm, das dem OKR gemäß der Westvermögen-Zuführungsverordnung anvertraute Vermögen zu erhalten und so den Fortbestand und die Weiterarbeit der nun als Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR firmierenden Einrichtung zu ermöglichen. Seine Argumentierfähigkeit beeindruckte nicht nur den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch Ministerialbeamte und Abgeordnete und setzte entsprechend positive Aktivitäten in Gang, und sie bewog Spenderinnen und Spender zu großherziger Unterstützung der Erinnerungsarbeit für die deutschen kulturellen Leistungen im östlichen Europa. Auch dies trug nicht unerheblich zum Weiterwirken des OKR bei.

Vor allem konnte auch die vom OKR herausgegebene Zeitschrift Kulturpolitische Korrespondenz erhalten und damit eine breitere Öffentlichkeit informiert, angesprochen und in die Kulturarbeit der Vertriebenen einbezogen werden. Demselben Ziel galten die Preisverleihungen an Medien, an Wissenschaftler und im Rahmen der Erzählwettbewerbe an Menschen, die sich mit den Problemen der Vertreibung und der Überwindung ihrer schwerwiegenden Folgeerscheinungen auseinandersetzen,

Weit bekannt wurde Eberhard Günter Schulz als Initiator und Gestalter von zwei oft gezeigten Ausstellungen. Zwischen 1964 und 1966 erarbeitete er unter Einbeziehung von Spezialisten eine umfassende Informationsschau über die Deutschen im Osten, die unter dem TitelLeistung und Schicksal als Projekt der Stiftung Haus des Deutschen Ostens in Düsseldorf lief. Für den Ostdeutschen Kulturrat gestaltete er unter Hinzuziehung anderer Spezialisten die Ausstellung Große Deutsche aus dem Osten, die zuerst 1993 in Halle an der Saale und danach an weiteren 25 Orten des In- und Auslandes gezeigt wurde. Die erweiterte Fassung trägt den Titel: Im Dienste der Menschheit. Bedeutende Persönlichkeiten aus dem historischen deutschen Osten. Ein soeben vom Bergstadtverlag W. G. Korn, Freiburg, vormals Breslau, neu aufgelegtes Begleitbuch gibt ausführliche Erläuterungen zu den auf den Tafeln gezeigten und kurz charakterisierten Persönlichkeiten.

Auch die von Eberhard Günter Schulz angeregte und im Auftrag des OKR herausgegebene Buchreihe Rara zum deutschen Kulturerbe des Ostens, die im Verlag Georg Olms, Hildesheim, erscheint, dient durch faximilierte Nachdrucke bedeutender Werke früherer Jahrhunderte der Vergegenwärtigung kultureller Leistungen, die in der Vergangenheit von Deutschen im östlichen Europa erbracht wurden.

Groß ist die Zahl der von Eberhard Günter Schulz veröffentlichten Artikel. Seine Vorträge und die von ihm vorbereiteten und geleiteten Tagungen trafen das Interesse und die Nachdenklichkeit vieler Menschen. Es gelang ihm auch, in Menschen, die keinen familiären Bezug zu den Vertreibungsgebieten haben, und in solchen, die als Kinder noch nicht bewusst ihre damalige Heimat erleben konnten, das Interesse für Geschichte und Kultur jener Räume zu wecken. Eberhard Günter Schulz lebt fort in seinen Werken und in seinem vielfältigen Wirken. In einer bewegenden Trauerfeier nahmen seine Familie und viele Weggefährten Abschied von ihm in Dankbarkeit und großem Respekt vor seiner bewunderungswürdigen Lebensleistung. Ihm gilt die weiterwährende Zuneigung aller, die an seinem Leben und an seiner Arbeit Anteil haben durften.

Bild: Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR.

Roswitha Wisniewski

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