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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schuster, Gudrun

Pädagogin, Autorin

* 1939, 12.02.
Heldsdorf/Halchiu bei Kronstadt/Siebenbürgen


Geboren wurde Gudrun Schuster als Tochter einer Lehrerfamilie. Der Familientradition folgend begann eine pädagogische Ausbildung am Lehrerseminar in Schässburg/ Sighişoara. Nach dem Studium der Germanistik und Ugristik (Ungarisch) in Klausenburg/ Cluj-Napoca von 1957 bis 1962 war sie zunächst Lehrerin in Hetzeldorf/ Aţel und in Rosenau/ Râşnov, bevor sie ab 1968 Deutsch als Fremdsprache am mathematisch-naturwissenschaftlichen Lyzeum in Kronstadt/ Braşov und dann von 1972 bis 1987 Deutsch als Muttersprache am traditionsreichen Johann-Honterus-Gymnasium in Kronstadt unterrichtete.

Die Erfahrungen ihres langjährigen pädagogischen Wirkens schildert sie 2006 im knapp 400 Seiten starken Band der Essaysammlung Leben mit und gegen Ideologien, erschienen im Aldus-Verlag Kronstadt. Dieser bietet einen Überblick über das Lebenswerk der vielleicht engagiertesten Lehrerin für Deutsch als Muttersprache der dramatischen Ceauşescu-Ära in der alten Heimat Rumänien und einer unermüdlichen Erforscherin und Verbreiterin der siebenbürgisch-sächsischen Schultradition nach ihrer Übersiedlung in die neue Heimat Deutschland.

Beeindruckend ist vor allem die Konsequenz, mit der Gudrun Schuster versucht hat, die in Siebenbürgen und auch in ganz Rumänien als vorbildlich zukunftsweisend empfundene deutschsprachige Pädagogik nach der liberalen Phase der Ceauşescuzeit von 1965-1971 über die dramatischen Jahre der immer intensiver werdenden Restalinisierungsepoche von 1971 bis 1989 – was sie persönlich anbelangt bis 1987, dem Jahr ihres Verbleibens in Deutschland – zu bewahren, bei allen unvermeidlichen Zugeständnissen in ihrer humanistischen wissenschaftlich ideologiekritischen Substanz.

Der ehemalige Rektor der Universität Klausenburg, Prof. Dr. Andrei Marga, der dem Akademischen Rat in Klausenburg vorstand, bezeichnete das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen als einzigartig und empfahl als Bildungsminister Rumäniens von 1997 bis 2000 bei der Reform des Schul- und Hochschulwesens, von den Rumäniendeutschen und ihrer Schulen zu lernen. Dass dies bis heute eine beherzigenswerte Empfehlung nicht nur für Rumänien sondern auch für die deutschsprachigen Länder Europas sein kann, beweisen einige der in Band von Gudrun Schuster versammelten, aus praktischer Erfahrung schöpfenden Essays.

In Fortgeführte Schultradition unter veränderten Bedingungen nach 1948 hebt Gudrun Schuster die Einzigartigkeit der rumänischen Minderheitenpolitik auch gegenüber ihren deutschen Mitbürgern hervor. Rumänien war das einzige Ostblockland mit einer beachtlichen deutschen Minderheit, das diese nicht vertrieb, sondern sogar in den schlimmsten Zeiten der Massenverschleppung zur Wiederaufbauzwangsarbeit in die Sowjetunion 1945-1950 die deutschen Schulen und andere Kultureinrichtungen (Kindergärten, Kirchen und kirchliche Presse) geöffnet hielt.

Da damit auch die deutsche Unterrichtssprache nicht verboten war, gelang es den deutschen Schulen Rumäniens nicht nur, deutsche Literatur zu vermitteln und die Liedkultur zu pflegen, sondern auch die zum Teil jahrhundertealten außerschulischen Tätigkeiten weiterzuführen wie das Theaterspielen, die Sing- und Instrumentengruppen und die Schulkonzerte. So entstand unter traditionell humanistischer Kulturpflege in den deutschen Schulen Rumäniens eine Schulgemeinschaft mit einem eigenen schützenden Zugehörigkeitsgefühl. Bildung wurde von der rumäniendeutschen Minderheit nach 1945 – wie Gudrun Schuster immer wieder schlussfolgert – als geistiges Kapital genommen, das sich dann auch erfolgreich in Studium und anderen Qualifikationsabschlüssen umsetzen ließ.

Zum Unterschied von den Russlanddeutschen, die ohne deutsche Schulen von allen 153 Sowjetvölkern verhältnismäßig die niedrigste Zahl von Hochschulabsolventen hatten (bei über zwei Millionen Russlanddeutschen) und den Ungarndeutschen, die ebenfalls keine Schulen mit Deutsch als durchgängiger Unterrichtssprache hatten und die ebenfalls nur eine sehr geringe Zahl ungarndeutscher Akademiker hervorbringen konnten, war der Anteil rumäniendeutscher Akademiker nicht nur im Unterrichtswesen sondern auch im Bauwesen, Ingenieurwesen, in den Medien und in der Forstwirtschaft durchaus beachtlich. Nach dem Massenexodus nach Ceauşescus Sturz konnten diese rumäniendeutschen Akademiker in der Regel in der Bundesrepublik fachgerechten Anschluss finden und nach einer realtiv kurzen Weiterbildung in ihren Berufen weiterwirken und sogar Karriere machen.

Gudrun Schuster, die in den dramatischen siebziger und achtziger Jahren unterrichtete, also in der Restalinisierung, der „Kulturrevolution“ nach nordkoreanischem Muster, weist hier auf die einmalige zivilcouragierte Leistung hin, gerade in dieser Zeit im Deutschunterricht und in den Theatergruppen auch Werke durchgenommen bzw. aufgeführt zu haben, die in der Bundesrepublik zur Schullektüre gehören wie Das Schiff Esperanza von Fred von Hoerschelmann, Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt, Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch, ja sogar die Glasmenagerie des Amerikaners Tennessee Williams, ebenfalls bundesdeutsche Schullektüre. Nach der Wende 1989 hat die rumäniendeutsche Autorin Carmen Elisabeth Puchianu, Deutsch- und Englischlehrerin am selben Honterusgymnasium in Kronstadt – de facto eine ebenbürtige Nachfahrin von Gudrun Schuster – diese Tradition fortgeführt, indem sie unter anderem Goethes Faust I im Schulhof aufführte und sogar ein Buch darüber verfasste, Das Theater im Deutschunterricht, Aldus Verlag Kronstadt 1996.

In einem weiteren „Erfahrungsbericht“, dem Essay Zwischen ideologischen Vorgaben und Narrenfreiheit.15 Jahre Fachzirkel der Deutschlehrer des Kreises Kronstadt/ Brasov gelingt es Gudrun Schuster, den freiheitlichen Beitrag der deutschen Schulen Rumäniens in der finstersten Zeit der Ceauşescudiktatur aus den Erfahrungen ihres Alltags als Gymnasiallehrerin für Deutsch als Muttersprache, als Vorsitzende des Fachzirkels der Deutschlehrer und auch als langjährige Mitorganisatorin der Fachwettbewerbe Deutsch als Muttersprache, der sogenannten Deutscholympiaden, mit Daten, Fakten vor allem auch aus der eigenen Unterrichtspraxis sowie der ihrer Kollegen zu belegen.

Im Kronstädter Fachzirkel für Deutsch als Muttersprache fand, wie Gudrun Schuster anführt, bereits unter der Leitung ihrer Vorgängerin, der Deutsch- und Lateinlehrerin Marianne Wolf, alle zwei Jahre ein literarischer Vortragswettbewerb in vollkommener Eigenregie statt, der von der rumäniendeutschen Presse durch Berichte gewürdigt wurde und zur Verbreitung von deutscher Dichtung und Sprache in Rumänien beitrug. Vom Fachunterricht Deutsch als Muttersprache ausgehend hatten sich die Lehrer und ihre Schulen einen geistigen Freiraum erarbeitet, der dann in den regelmäßig stattfindenden Deutscholympiaden ausgebaut und kreativ erweitert wurde – ja so erstaunlich vielfältig erweitert, dass er auch für Deutschland als Anregung dienen kann.

Gudrun Schuster war zwischen 1974 und 1987 Mitglied der Jury und schöpfte aus reicher Erfahrung. Die Deutscholympiaden boten sowohl Schülern wie Lehrern wichtige Kommunikationsmöglichkeiten in einem zwar offiziell abgesteckten Rahmen, der aber als Ergänzung die Erörterung methodischer Fragen zuließ und einen praxisbezogenen Fachaustausch, für den es sonst keine Plattform gab. Es kam hinzu, dass gerade über diesen Fachwettbewerb eine Bresche für Kreativität und literarische Eigeninitiative geschlagen wurde. Die oft streng formal auf Wissensabfragen ausgerichteten Fachwettbewerbe mit zentral festgelegten Themenvorschlägen wurden bei den Deutscholympiaden stets ergänzt auch durch freie Themenwahl. Es gelang eine Balance zu finden, die ab 1983 an zwei Tagen der Deutscholympiade je drei Stunden für freien Aufsatz und Interpretation eines im Unterricht nicht behandelten Textes vorsah.

Die von den Deutschlehrern, nicht zuletzt von Gudrun Schuster, erarbeiteten Themen setzten literarische und vor allem muttersprachliche Maßstäbe, lösten Fachgespräche aus und ermöglichten vor allem einen fachspezifischen Erfahrungsaustausch. Gudrun Schuster schlussfolgert, dass es mitunter sogar gelang, einen fast autonomen geistigen, demokratischen Freiraum zu schaffen. Die deutschen Gymnasien Rumäniens waren somit gerade über ihren muttersprachlichen und generell kulturell kreativen Unterricht eine Art Demokratieoasen in der verplanenden Diktaturwüste.

Der im Jahre 1987 in die Bundesrepublik Deutschland ausgereisten Gudrun Schuster, folgten 1989 ihr Mann, der Journalist Hannes Schuster, und die beiden Söhne nach. Am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg legte sie 1988 das Erste Staatsexamen (Überprüfung) mit Auszeichnung ab. Sie wirkte von 1988 bis 1991 als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde und der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim. Auch nach ihrer Verrentung 2002 ist die in Hardegsen bei Göttingen lebende, eine rege Vortragstätigkeit ausübende Gudrun Schuster aktives Mitglied der Sektion Schulgeschichte des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde.

Bild: Siebenbürgische Zeitung

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