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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schygulla, Hanna

Schauspielerin

* 1943, 25.12.
Königshütte/OS


An ihrem 70. Geburtstag blickt Deutschlands bedeutendste Schauspielerin auf eine lange internationale Filmkarriere zurück, seit den 1990er Jahren auch als enthusiastisch gefeierte Chansonsängerin bekannt, vor allem in Paris (ihrem jahrzehntelangen Wohnsitz), Berlin im Alter und Kuba, das sie in ihrer Autobiografie Wach auf und träume 2013 lebensgeschichtlich besonders würdigt und hochschätzt. Dessen auch literarisch-filmisch führende Rolle in ihrer Spätzeit bildet gleichsam das „i-Tüp­felchen“ auf dem Ypsilon (in Schygulla).

So ganz passte dieses „fast Christuskind“, unweit des sozusagen „klassischen“ Holocaust geboren, nie ins Bild: Sei es als sogenannte „Muse“ Rainer Werner Fassbinders, ihres permanenten Idols, in/als Maria Braun, oder konterkariert von Lili Marleen und traditionell Fontane-Text-überwältigt als Effi Briest. Nur mit den allerersten schwarzweißen Fassbinder-Filmen wie Liebe ist kälter als der Tod verband Hanna Schy­gulla vielleicht der Zufall, wenn man ihre Ähnlichkeit mit Fassbinders geliebter Mutter dafür denn halten will, als er sie in München während ihres Germanistik-Studiums traf und sozusagen auf Anhieb aus der Bahn warf. Sie fand ihn auch umwerfend, zeit ihres Lebens. Es war die Zeit der Kaufhausdiebstähle und -brandsätze und alles dessen was „unter dem Pflaster“ lag, um einen damals berühmten Slogan zu zitieren. Das Selfmade-Genie Fassbinder setzte seinerzeit mit seinen ersten Filmen die ganze jung-ältliche Bundesrepublik gleichsam bildlich steinewerfend in Brand. Das wurde aber von genau dieser eher bürgerlich aufgewachsenen Hanna Schygulla manchmal als zu brenzlich empfunden, zum Beispiel als er ihr eine spannungsreiche Rolle mit Effi Briest, entgegen ihren eigenen Vorstellungen, unerbittlich vorgab. Das war zu viel der Kälte:

Es trat eine Pause ein. Der erste Auftritt nach Fassbinders Tod brachte dann Hanna Schygulla schicksalhaft die Zeitgeschichte zurück, die sie gerade nach der Maria Braun mit Lili Marleen hinter sich gelassen glaubte. Der internationale Erfolg jener todtraurigen „Nazi-Ballade“ vom Soldaten-Wiedergänger im Dritten Reich, ab 1943 ein gegnerischer Sieges-Triumph­marsch (in der englischen Fassung durch Marlene Dietrich), ist Hanna Schygulla im Rückblick auf diese brillante Performance aber doch sehr in der Kehle stecken geblieben, symbolisch-zeitgeschichtlich verstanden. Andrzej Wajdas Verfilmung von Rolf Hochhuths Roman Eine Liebe in Deutschland traf dann 1983 einen Nerv in ihrem Leben, sozusagen von der anderen Seite her. Denn des Textdichters von den ersten drei Strophen von Lili Marleen, Hans Leips, Lili war 1915 Gemüsehändlerin gewesen wie nun auch das Polen-Liebchen aus Hochhuths Roman – eine bisher unbeachtete „Fügung“.

Die Goldene Palme des Festivals von Cannes krönte Hanna Schygullas Laufbahn zeitgleich mit der in Deutschland fast unbekannt gebliebenen Storia di Piera vom Exzentriker Marco Ferreri, noch während der Wajda-Dreharbeiten. Andere große Namen und Erfolge haben danach die einstige Oberschlesierin aus einer Grubenholzhändler-Familie mit der typischen „wasserpolnischen Identität“ bescheidener Herkunft glamourös begleitet, aber ihr nie ihren originellen Sprachduktus, ihren unverwechselbar scheinbar anspruchslos leisen Auftritt überformt. Auf der anderen Seite von Fatih Akin, auch ein zeitgenössischer Kultregisseur von exotisch-türkischer Herkunft, kam ihr darin spät entgegen. Aber wie alle Kriegs- und Nachkriegszeugen ist auch Hanna Schygulla mit ihrer besonderen Herkunft ein Kind ihrer Zeit.

Mit dem internationalen Publikumserfolg, dem Blockbuster Lili Marleen, wird sie flankiert von der Ehe der Maria Braun in die Filmgeschichte eingehen und das zu Recht mit ihrer umwerfend rückhaltlos-zurückhaltenden Darstellung in diesem allzu oft in kritischer Hinsicht weit unterschätzten vorletzten opus magnum Rainer Werner Fassbinders.

Filme (Auswahl): Liebe ist kälter als der Tod, Regie: R.W. Fassbinder, 1969. – Fontane Effi Briest, Regie: R.W. Fassbinder, 1974. – Die Ehe der Maria Braun, Regie: R.W. Fassbinder, 1978. – Lili Marleen, Regie: R.W. Fassbinder, 1980. – Eine Liebe in Deutschland, Regie Andrzej Wajda, 1983. – Die Geschichte der Piera, Regie: Marco Ferreri, 1983. – Auf der anderen Seite, Regie: Fatih Akin, 2007.

Lit.: Thomas Elsaesser, Rainer Werner Fassbinder, Berlin, Bertz + Fischer Verlag, 2001, 2. überarb. Aufl. 2012 (engl. Originaltitel: Fass­bin­der’s Germany. History, Identity, Subject, Amsterdam University Press 1996). – Hanna Schygulla, Wach auf und träume – Die Autobiographie. Schirmer/Mosel, München 2013.

Bild: Filmplakat „Die Ehe der Maria Braun“.

Sibylle Penkert

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