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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Seeberg-Elverfeldt, Roland

Archivar, Genealoge

* 1909, 17.08.
Seivästö/Finnland

† 1993, 03.12.
Essen

Als Ministerialrat Dr. phil. Roland Seeberg-Elverfeldt im Jahre 1974 in den Ruhestand trat, verließ ein hochverdienter Archivar sein berufliches Wirkungsfeld. Doch der sogenannte Pensionär hatte das einem Historiker meist gewährte Glück, sein wohl liebstes Arbeitsgebiet intensiv weiterpflegen zu können: Genealogie der Deutschen in den baltischen Ostseeprovinzen und Staaten. Zwei Linien ziehen sich durch sein gesamtes Arbeitsleben, Tätigkeit im Archivwesen einerseits, Forschung und Veröffentlichung auf dem Felde der Genealogie andererseits – beide durch die Geschichtswissenschaft auf das engste verknüpft. Roland Seeberg-Elverfeldt ist ein Sohn der Stadt St. Petersburg, auch wenn seine Eltern sich am Tage seiner Geburt am einem Ferien- und Badeort Finnlands befanden. Er entstammt einem Kreis engverflochtener kurländischer Theologenfamilien; sein Großvater, Pastor Georg Seeberg in St. Petersburg, erhielt 1910 die kaiserliche Genehmigung, seinen Namen mit dem der aussterbenden Familie seiner Frau Karoline Elverfeldt zu verbinden. Beider Sohn Paul Seeberg-Elverfeldt (1870-1938) war ein vielbeschäftigter Lehrer der klassischen Sprachen und des Deutschen an mehreren Lehranstalten der russischen Hauptstadt und nach der Übersiedlung nach Estland im Jahre 1918 in Dorpat, wo er auch als Lektor dieser Sprachen an der estnischen Staatsuniversität wirkte.

Nach dem Abitur an einem altsprachigen Gymnasium studierte Seeberg-Elverfeldt in Dorpat Geschichte und schloß das Studium bei Professor Hans Kruus mit der Magisterdissertation über die estnische Bevölkerung Dorpats 1625-1656 im Jahre 1931 zunächst ab. Auf den Rat seines Lehrers A. R. Cederberg absolvierte er in Berlin den Lehrgang am Institut für Archivwissenschaften (beim Geheimen Staatsarchiv Dahlem), bestand 1933 das Archivexamen und erhielt schon im Juni d. Js. eine Tätigkeit am Preußischen Staatsarchiv Königsberg zugewiesen. Hier promovierte er bei Hans Rothfels zum Dr. phil. Um die Archivlaufbahn einschlagen zu können, mußte er noch die Prüfung für das höhere Lehramt ablegen, worauf er 1936 wissenschaftlicher Hilfsarbeiter und alsbald Assessor wurde. Im Jahre 1937 erhielt er die Versetzung das Staatsarchiv Stettin, wo er 1939 Archivrat wurde. Der Kriegsausbruch riß ihn aus der geregelten Laufbahn: Nach kurzem Wehrdienst freigestellt, fand er Verwendung als Betreuer des Archivamtes im polnischen Lublin. Ein Versuch der deutschen Archivverwaltung, ihn zur Sicherung der Archive im besetzten Russland einzusetzen, scheiterte infolge der militärischen Entwicklung – immerhin legt eine Veröffentlichung aus den evangelisch-lutherischen Kirchenbüchern von Smolensk Zeugnis von diesem Intermezzo ab. Seit 1943 wieder Soldat, geriet Roland Seeberg-Elverfeldt im Mai 1945 in Böhmen in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er nach überaus schweren Jahren erst 1949 heimkehren konnte.

Daß Roland Seeberg-Elverfeldt, der seine Familie (er hatte 1940 geheiratet) in der neugegründeten DDR vorfand, dort blieb und am Aufbau der Archivverwaltung mitgewirkt hat, hat ihm nach Flucht und Übersiedlung in die Bundesrepublik viele Schwierigkeitenbereitet. Erst nach drei Jahren provisorischer Tätigkeit an regionalen Archiven konnte er im Archivdienst des Bundes, beim Pressearchiv und der Bibliothek des Presse- und Informationsamtes in Bonn Fuß fassen, zunächst als Stellvertreter, dann als Dienststellenleiter (1958 Oberarchivrat, 1965 Archivdirektor); 1969 wurde er zum Ministerialrat befördert. Nicht nur das Bundespressearchiv verdankt ihm außerordentlich viel, die Fachgruppe „Presse-, Rundfunk- und Filmarchivare“ im Verein deutscher Archivare ist durch und durch seine Schöpfung. Dies alles ist in der zu seiner Pensionierung 1974 erschienenen Festschrift „Medien und Archive“ (hrsg. von G. Mantwill) dargestellt und gewürdigt worden, wo auch ein Verzeichnis seiner Veröffentlichungen bis zu jenem Zeitpunkt zu finden ist.

Auch in anderen Bereichen bekam Roland Seeberg-Elverfeldt die Auswirkungen seiner Entscheidung vom Jahre 1950 zu spüren. Obwohl selbst Deutschbalte und als Historiker ausgewiesen, fand er erst 1961 Aufnahme in der Baltischen Historischen Kommission, und der übergeordnete J.G. Herder-Forschungsrat hat ihn trotz seiner vielen Veröffentlichungen zur Geschichte auch Ostpreußens und Pommern und seiner seit 1962 ausgeübten Tätigkeit als
Schriftleiter der Zeitschrift „Ostdeutsche Familienkunde“ erst 1975 zum korrespondierenden Mitglied gewählt.

Die Baltische Historische Kommission verdankt Roland Seeberg-Elverfeldt Bearbeitung und Herausgabe von drei Bänden „Revaler Regesten“ (1966, 1969, 1975) aus den Beständen des Stadtarchivs Reval, die sich zu jener Zeit noch im Göttinger Archivlager befanden, und des von C. Wilde von Wildemann zusammengestellten „Kurländischen Traubuchs“ Teil I (1977). Schon in den 1936-1945 von R. Seeberg-Elverfeldt geleiteten Zeitschriften „Altpreußische Geschlechterkunde“ und „Pommersche Sippenforschung“, sodann in „Ostdeutsche Familienkunde“, „Baltische Ahnen- und Stammtafeln“, „Deutsches Familienarchiv“ und „Genealogisches Jahrbuch“ erschienen zahlreiche von unserem Jubilar bearbeitete Stammfolgen kurländischer Geschlechter und Beiträge über Einzelpersonen, meist aus dem eigenen Vorfahren- und Verwandtenkreis. Seit dem Erscheinen des 1974 zusammengestellten Schriftenverzeichnisses sind über 40 solcher Arbeiten gedruckt worden, aber auch solche zur Presse- und Archivgeschichte. Das schriftstellerische Wirken auf dem Gebiet der Genealogie gipfelte in dem repräsentativen Werk „Genealogie der Grafen von der Wenge gen. Lambsdorff“ (rd. 400 Seiten, 1986) und dem gründlichen, fast erschöpfenden Beitrag „Die baltische Genealogie“ in dem Sammelwerk „Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung“ (hrsg. von G. v. Rauch 1987). Der 80jährige gab, trotz mancher gesundheitlicher Schwierigkeiten und der häuslichen Vereinsamung nach dem Verlust seiner Frau und Lebensgefährtin, weiter die Zeitschrift „Ostdeutsche Familienkunde“ heraus, wie er auch an der Gründung und dem Ausbau der „Deutschbaltischen genealogischen Gesellschaft“ beteiligt war.

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