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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Siebs, Theodor

Sprachforscher

* 1862, 26.08.
Bremen

† 1941, 28.05.
Breslau

Theodor Siebs war als Wissenschaftler vor allem der Universität Breslau verbunden, wo er sich 1888 habilitierte und von 1902 bis zu seiner Emeritierung als ord. Universitätsprofessor die Fächer Germanistik, Literaturgeschichte und Volkskunde lehrte. Zwölf Jahre seiner akademischen Lehrtätigkeit verbrachte er an der Universität Greifswald in Wahrnehmung eines Extraordinariats von 1890-1902. Die meisten Titel seiner Veröffentlichungen sind heute nur noch den Spezialisten bekannt bis auf sein Werk Deutsche Bühnenaussprache (1898), das seinen Namen unlösbar mit der Aussprachenorm unserer Schriftsprache verband und heute noch Gegenstand intensiver Erörterung ist. Siebs studierte in Tübingen und Leipzig als Schüler von Sievers, Strauch, Roth, Zarncke, Leskien und Brugmann. Den Lehrstuhl, den er 1902 in Breslau von Friedrich Vogt übernahm, hatten vor ihm u.a. so bekannte Gelehrte wie von der Hagen, Hoffmann von Fallersleben, Heinrich Rückert und Karl Weinhold inne. Bei aller Vielseitigkeit desForschens und Lehrens lassen sich doch zwei dominierende Bereiche ausmachen: die Beschäftigung mit dem Friesischen (woher seine Familie stammte) und seine Bemühungen um die schlesische Spracheund Kultur.

Das Friesische war bis dahin wenig erforscht. Siebs widmete sowohleine Dissertation als auch seine Habilitationsschrift den historischenTextzeugnissen dieser Sprache und band sie ein in den westgermanischen Zusammenhang. Aber auch die gegenwärtige Sprache und Kultur fand sein großes Interesse, wie die Abhandlungen über Helgoland und seine Sprache (1909), Das Saterland (1893) und die SylterLustspiele (1898) bezeugen.

Mit der endgültigen Übersiedlung nach Breslau wurde der schlesische Raum zunehmend Mittelpunkt seines Wirkens. Siebs übernahm neben seinen Hochschullehrerpflichten die Leitung der Wortschatz-Erhebungen für dasSchlesische Wörterbuch, dann auch die Verantwortung für die Bearbeitung. Er war zudem drei Jahrzehnte lang Vorsitzender der „Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde“ und hat in dieser Eigenschaft als Herausgeber mehrere Publikationsreihen betreut, die thematisch wie methodisch hohes Ansehen genossen. Von Siebs selbst, dem phonetisch Geschulten, stammen viele mundartliche Aufzeichnungen aus dem schlesischen Raum, Hinweise zur Lautschrift, Ausführungen über Namen, Sagenstoffe, Liedgut. Seine Liebe zur Musik war wohl auch einer der Gründe dafür, daß ihm die Universität von 1903-1922 die kommissarische Leitung des „Akademischen Instituts für Kirchenmusik" übertragen hatte.

1876 hatte eine Konferenz in Berlin die Grundlage für eine einheitliche deutsche Orthographie geschaffen (vgl. Konrad Dudens Orthographisches Wörterbuch […], 1880). Theodor Siebs gab den Anstoß für eine Konferenz zur ausgleichenden Regelung der deutschen Bühnenaussprache, an der Schauspiel-Intendanten und Sprachforscher teilnahmen. Sie fand 1898 (ebenfalls) in Berlin statt. Die Ergebnisse wurden noch im selben Jahr von Siebs veröffentlicht unter dem Titel: Deutsche Bühnenaussprache. Ergebnisse der Beratungen zur ausgleichenden Regelung der deutschen Bühnenaussprache, die vom 14. bis 16. April 1898 im Apollosaal des Königlichen Schauspielhauses zu Berlin stattgefunden haben. Das Werk liegt heute in der 19. Auflage von 1969 vor. Es hat gewisse Änderungen erfahren und gilt über den Bühnenbereich hinaus allgemein als Aussprachenorm des Deutschen. Siebs selbst erarbeitete 1931 im Auftrag der „Reichsrundfunkgesellschaft“ noch eine Anleitung für die „Rundfunkaussprache“. Die Durchsetzung einer einheitlichen Aussprache in dem so stark regionalgeprägten deutschen Sprachgebiet wurde von vielen als nicht möglich erachtet. Das war auch der Haupttenor der Gutachten führender Sprachwissenschaftler über die Bühnenaussprache, die 1898 im Auftrag des „Allgemeinen Deutschen Sprachvereins“ vorgelegt wurden. Aus heutiger Sicht haben die Skeptiker nur zu einem geringeren Teil recht behalten. Es gibt zwar noch landschaftliche Aussprachevariation im Deutschen, aber der Siebs hat den überregionalen Ausgleich erst möglich gemacht und entschieden befördert. Was in der Orthographie an Einheitlichkeit erreicht wurde, hat Theodor Siebs zu einem guten Teil für das gesprochene Wort bewirkt.

Lit.: Schriftenverzeichnis Theodor Siebs‘ (1885-1932) in: Festschrift Theodor Siebs zum 70. Geburtstag 26. August 1932. Hg. v. Walther Steller. Breslau 1933, S. 479f.

Bild: Festschrift Th. Siebs.

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