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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Siehr, Ernst Ludwig

Oberpräsident der Provinz Ostpreußen

* 1869, 05.10.
Heinrichswalde bei Tilsit

† 1945, 14.11.
Bergen/Rügen

Er gehört zu den ostpreußischen Oberpräsidenten mit der längsten Amtszeit. Er stammt aus einer Juristenfamilie und wurde in Heinrichswalde bei Tilsit geboren. Nach juristischen Studien ließ er sich zunächst als Rechtsanwalt in Insterburg nieder, wo er zugleich Syndikus der Handelskammer war. Als Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei wählte man ihn 1912 in den Reichstag; nach dem Weltkrieg, den er als Offizier mitmachte, wurde er Mitglied der Verfassungsgebenden Nationalversammlung und des Reichstages. Als der Amtsvorgänger August Winnig ausschied, betraute man ihn mit der kommissarischen Verwaltung der Provinz Ostpreußen. Von August 1920 bekleidete er das Amt des Oberpräsidenten bis 1932. Seine Hauptaufgabe sah er in der Deutscherhaltung seiner Heimatprovinz gegenüber den Bestimmungen des Versailler Diktats, ihrer Sicherung gegenüber polnischen Annexionsabsichten und der Über­windung wirtschaftlicher Schwierigkeiten, die durch die Abschnürung Ostpreußens infolge des polnischen Korridors eingetreten waren. Die politischen Parteien veranlaßte er zu einem „Burgfrieden“ vor der Volksabstimmung 1920. Seine „Ostpreußenhilfe“ brachte der Landwirtschaft 1928 durch Umschuldung eine wesentliche Erleichterung. Für eins der wichtigsten Probleme erachtete er die Ansetzung neuer Bauern in Ostpreußen durch Siedlungen, die er auf das 16fache des Vorkriegsstandes brachte. In persönlichen Interviews, Zeitungsartikeln und einer Reihe von Vor­trägen setzte er sich für eine eingehende Aufklärung über die Sonderlage Ostpreußens und die Gefahr seines etwai­gen Verlustes ein. U. a. erwarb er sich besondere Verdienste um die Erhaltung des Elchbestandes durch eigen­mächtige Verordnung einer mehrjährigen (rechtlich nicht haltbaren) Schonzeit. Seine Verdienste ehrte die rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Königsberg durch den Ehrendoktor 1929.

(1969)

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