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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Steinhardt, Jakob

Maler

* 1887, 21.05.
Zerkow/Provinz Posen

† 1968, 11.02.
Nahariya/Israel

Der Wiener Kunsthistoriker und Museumsmann Professor Dr. Hans Tietze, ein gebürtiger Prager, schrieb in seiner Monographie über Jakob Steinhardt:

„1887 in Zerkow (Provinz Posen), einem kleinen einsamen Städtchen, weitab von Eisenbahn und Verkehr, geboren. Elternhaus beherrscht von frommer altjüdischer Tradition. Kinderjahre unter dem Eindruck biblischer Erzählungen, feierlicher Riten, Sabbate. 1896 bis 1906 besuchte Steinhardt in Berlin das Gymnasium. Aber alljährlich während der Ferien kam er nach Zerkow, dort machte er die ersten Zeichnungen und Pastelle nach der Natur: Bettler, betrunkene polnische Bauern, Bethäuser, immer wieder den Großvater.“

Tietze weist in der Rückschau auf die im „Sturm“ 1912 veranstaltete erste Ausstellung der „Pathetiker“ hin, da sich damals bereits die Katastrophe von 1914 ankündigte:

„Alles ist unerträglich geworden, die Spannung zwischen den Ständen, zwischen den Rassen, zwischen den Völkern. Die Künstler, die die feinsten Nerven hatten, gaben den stärksten Ausschlag des Pendels. Übersättigt von der Vollendung des Erreichten, angeekelt von einer Wirkung, die sich schon errechnen ließ, warfen sie Besitz über Bord. Das Publikum, ihr Publikum, hatte mit ihren Auge sehen gelernt. Die Künstler überprüften jetzt den inneren Zwang, der sie zum Schaffen trieb. Sie fanden ihn ausgeweitet wie zu lange getragene Schuhe, in denen die Füße rutschen …

Auch Steinhardt ließ sich von der alle umfassenden Welle hochheben. Das Ziel, das er sich steckte, das tief ausschöpfende Wiedererlebnis biblischen Geschehnisses, ist schon dem Knaben vorgezeichnet gewesen; der Revolutionär von 1910-1911 räumte auf mit der liebenswürdigen Naturmalerei, die er seit seiner Lernzeit bei Corinth übte. Anfangs fehlte ihm noch die Lockerung, daß er sogleich den Weg nach seinem Ziel selbständig zu gehen wagte. Er bedient sich darum wie so viele seiner Zeitgenossen der Formensprache Grecos, der damals seine Wiedergeburt aus der Sphäre historischer Gleichgültigkeit zur zweiten Aktualität erlebte. In dem großen Gemälde ,Der Prophet“ (1913/14) hat Steinhardt dann sich selbst gefunden. Eine letzte Erinnerung an Greco klingt noch in der über schlanken Erscheinung des Propheten an, aber die Menschen zu seinen Füßen sind die Juden aus Zerkow, nein, nicht die Juden, ist der Jude aus Zerkow, immer derselbe, dasselbe Gesicht, zehnmal, zwanzigmal; erschreckt, empört, duldend, gottergeben duldend. Um die ragende Gestalt des Propheten wirbeln die Häuser, als wollten sie einen räumlichen Kreis um ihn schließen; Fassaden verziehen sich, zerbiegen sich, bersten, als hätte die Geste seiner Arme ein Erdbeben gerufen! Des Propheten Vision, die er dem Volk übermittelt; die Vision des Zusammenbruchs … Sie wurde Wirklichkeit: 1914 bis 1917 war Steinhardt Soldat in Litauen. Starkes Erlebnis: Judenvolk in kleinen Städten – jahrhunderteweit vom Geschehen der Zeit –, in Erwartung des Messias lebend. Graue Kriegstage. In ärmlichen Hütten, heilige Sabbate, überfüllte Bethäuser; im Kerzenlicht ekstatisch Betende. Zahlreiche Zeichnungen entstanden, die 1917 in der Berliner Sezession ausgestellt wurden.“

Jakob Steinhardt hat bereits als Neunjähriger in der Reichshauptstadt Fuß gefaßt. Sein weiterer Lebensweg ist bis zur Emigration an Berlin gebunden. Dort studierte er zunächst an der Kunstgewerbeschule, dann bei Lovis Corinth und Hermann Struck. 1909 studierte er bei Henri Matisse in Paris. Nach einer Italienreise im Jahre 1911 kam es 1912 zur Gründung der Gruppe „Die Pathetiker“ zusammen mit Ludwig Meidner und Ludwig Janthur. Nach dem Kriegsdienst war er wieder in Berlin. In den zwanziger Jahren brachten ihm Reisen durch Dalmatien, in die Schweiz, Frankreich und Dänemark viele stilistische und motivliche Anregungen.

Das Jahr 1925 stand im Zeichen der ersten Begegnung mit Palästina, wohin er dann 1933 emigrierte. In Jerusalem war er ab 1955 Leiter der Graphischen Abteilung der Kunstakademie.

Zu den wichtigsten Ehrungen des bald international bekannt gewordenen Malers und Grafikers gehören: 1939 Preis der „International Business Machine Corporation/ IBM“, New York; 1953 Erster Internationaler Preis für Graphik der Biennale São Paulo; 1958 Preis der „Californian Printmakers“, San Francisco; 1959 Preis der „Arte Liturgica“, Biennale Venedig; 1961 Preis der „Arte Sacra“ der Ersten Internationalen Biennale für religiöse Kunst.

Die Galerie Wolfgang Gurlitt veranstaltete die erste bedeutende Nachkriegsausstellung seiner Werke im Jahre 1958 in München. Weitere folgten. Vor allem in Berlin. In den Ausstellungen der Künstlergilde und der Ostdeutschen Galerie wurde Steinhardt jeweils ein Ehrenplatz zugeordnet.

Jakob Steinhardt ist nie ein so expressionistischer Großstadtmalergeworden wie sein Freund Ludwig Meidner. Und von einem Marc Chagall trennen ihn andere Gefühlslagen. Bei ihm finden wir weder surrealistische Züge noch märchenhafte Romantik. Er hat in der Spätzeit in Palästina bzw. Israel zu konservativen Kunstformen zurückgefunden.

Aus der Rückschau erscheinen seine expressionistischen Holzschnitte vor allem als prägnante Darstellungen der Welt des ostjüdischen„Städtel“ und der Gläubigkeit der orthodoxen Dorfjuden. Seine Lithos, mit denen er die „Gleichnisse von Jizchok – Leib Perez“ (Berlin 1920) illustrierte, gehören zu den atmosphärisch dichtesten Schilderungen jüdischen Wesens.

Lit.: Jacob Steinhardt von Arno Nadel, in: Graphiker der Gegenwart, Band 4, Berlin J920; Jakob Steinhardt von Prof. Dr. Hans Tietze, Berlin-Frohnau o. J. (um 1930); Oeuvre-Katalog der Holzschnitte 1959; „The Woodcuts of Jakob Steinhardt“ von Leo Kolb; Jakob Steinhardt – Propheten, Vorwort von Heinrich A. Mertens, Essen 1963; Katalog der Gedächtnisausstellung Berlin, Rathaus Wedding, 1969; Katalog der Ostdeutschen Galerie Regensburg: „Klima einer Hauptstadt. Jüdische Maler im Berlin der Jahrhundertwende“, Rheinisches Landesmuseum Bonn 1976; Jüdische Maler u Graphiker. Ausstellung zur Woche der Brüderlichkeit, Ostdeutsche Galerie Regensburg.

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