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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Stephan, Heinrich von

Staatssekretär der Deutschen Reichspost

* 1831, 07.01.
Stolp/Pommern

† 1897, 08.04.
Berlin

Heinrich von Stephan ist der Schöpfer der DEUTSCHEN REICHSPOST, aus der nach 1945 die DEUTSCHE POST (so in der DDR bis 1990) und die DEUTSCHE BUNDESPOST hervorgingen. Er hat damit hervorragenden Anteil an der Schaffung eines modernen Post- und Fernmeldewesens (wobei schon dieser Ausdruck von ihm stammt). Vieles von dem, was uns heute ganz selbstverständlich zu einem modernen Postverkehr zu gehören scheint (und in manchem neuerdings wieder aufgegeben wird), ist von ihm erdacht und in die Tat umgesetzt worden.

Stephan war das achte von zehn Kindern eines Schneidermeisters, dessen Vater Unteroffizier bei den Stolper Husaren gewesen war. Dessen Vorfahren hatten als Schiffer in Schweden und Danzig gelebt. Mütterlicherseits stammte Stephan von angesehenen Stolper Handwerkerfamilien ab; sein Urgroßvater war Stadtgildemeister gewesen. Da Vater Stephan die Mittel fehlten, um seinen geistig regen Sohn Heinrich auf eine auswärtige höhere Lehranstalt zu schicken – die ehedem angesehene Stolper Ratsschule, die er besuchte, vermittelte keine höhere Bildung –, war Stephans Berufswahl eingeschränkt. Er entschied sich für den praktischen Postdienst, in den er 1848 eintrat. Trotz einer Arbeitszeit von täglich 14 Stunden wußte er sich daneben ein erstaunlich umfangreiches Wissen, insbesondere auf den Gebieten der Literatur, der Geschichte, der Naturwissenschaften und der Sprachen, zu erwerben. Im Alter von 18 Jahren, als er auf dem Postamt in Marienburg tätig war, veröffentlichte er einen Aufsatz über das dortige Ordensschloß, für den ihn der Oberpräsident von Westpreußen belobigte. Auch künstlerische Interessen fehlten Stephan nicht; er hatte daran denken können, zum Theater zu gehen, war aber freilich von seinem Vater davon abgehalten worden.

Stephan gelangte nach Bestehen der Ersten Fachprüfung, zu der er vorzeitig zugelassen worden war, und der Ableistung seiner Militärdienstpflicht nach einem Intermezzo am Generalpostamt in Berlin an das Hauptpostamt in Köln. Neben einem anstrengenden Tages- und Nachtdienst schrieb er in der Kölnischen Zeitung über Kunstthemen und verkehrte mit Schauspielern und Journalisten. 22jährig verlobte er sich mit der ungarischen Opernsängerin Anna Tómala, die seine Ehefrau werden sollte.

1858 wurde Stephan Postrat in Potsdam, 1859 Hilfsarbeiter im Generalpostamt in Berlin, 1863 dort Oberpostrat, 1865 Geheimer und vortragender Rat sowie 1867 Geheimer Oberpostrat. Er war Dezernent der Auslandsabteilung und handelte zwischen 1863 und 1869 mit verschiedenen europäischen Staaten Postverträge aus. Nachdem er im Zusammenhang mit der Bildung des Norddeutschen Bundes 1867 das Thurn und Taxis’sche Postwesen aufgelöst hatte (wofür der Fürst von Thurn und Taxis mit drei Millionen Talern entschädigt wurde), kamen auf sein Betreiben hin auch mit den süddeutschen Staaten sowie mit Österreich-Ungarn Postverträge zustande. Das Ergebnis davon war, daß ab dem 1. Januar 1868 der im Postgebiet des Norddeutschen Bundes bereits geltende Einheitstarif von einem Silbergroschen für den einfachen Brief auch im Postverkehr mit den Vertragschließenden sowie Luxemburg galt (das bis zuletzt zum Gebiet des 1866 zerbrochenen Deutschen Bundes gehört hatte). Im übrigen organisierte Stephan für die verschiedenen Postverwaltungen, die mit der Bildung des Norddeutschen Bundes zusammengekommen waren, einen einheitlichen Dienstbetrieb. Mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im Jahre 1870 schuf er ein sogleich vorzüglich funktionierendes Feldpostwesen.

Nachdem Stephan 1870 auf Betreiben Bismarcks zum Generalpostdirektor ernannt und zum Leiter des preußischen Generalpostamtes berufen worden war, widmete er sich der Aufgabe, für das neue Reich ein einheitliches Postwesen zu schaffen (von dem Bayern und Württemberg, was die innere Verwaltung betraf, freilich ausgenommen waren). Es entstand ein einheitliches, kodifiziertes Postrecht; die Posttarife beruhten auf reichsgesetzlicher Grundlage. Nun wurde auch für Pakete (bis zu fünf Kilogramm Gewicht) ein billiger Einheitstarif eingeführt; bereits 1856 hatte Stephan in Preußen durchgesetzt, daß bei der Berechnung des Paketportos statt der zu durchlaufenden Strecke die Luftlinie zugrundegelegt und im übrigen der schnellste Beförderungsweg gewählt werden mußte. Als weitere Neuerungen kamen die Paketkarte, die Postkarte (früher von Stephan noch vergeblich empfohlen), der Bücherbestellzettel (im Porto mit Drucksachen gleichgestellt), das Giroverfahren im Postanweisungsverkehr und die Nachnahme hinzu. Das Höchstgewicht für Drucksachen wurde auf ein Kilogramm festgesetzt.

Zur Verdichtung des Postverkehrs und zur Hebung seiner Leistungskraft vermehrte Stephan die Zahl der täglichen Zustellungen. Die Zahl der Postanstalten stieg von 4.500 auf 28.000 im Jahre 1895. Ihnen traten Postagenturen und Posthilfsstellen zur Seite. Von erheblicher Bedeutung in diesem Zusammenhang war die von Stephan betriebene Neuordnung des Landpostwesens. Eine Aufstockung des Personals und die Ausrüstung von 2.000 Landbriefträgern mit Fuhrwerken ließ die Zahl der Landzustellungen erheblich anwachsen.

Im Jahre 1875 wurde die Telegraphie mit der Post vereinigt und Stephan zum Generalpostmeister als Chef einer neuen Reichsbehörde ernannt (Kaiserliche Verordnung vom 22.12.1875). Neben den herkömmlichen Telegraphenleitungen setzte Stephan auf ein unterirdisches Kabelnetz, das nach 15 Jahren Aufbau eine Länge von 5.874 Kilometern hatte, sowie auch auf Seekabelverbindungen, die der Abhängigkeit von der englischen Telegraphie im Überseeverkehr ein Ende machen sollten. Insgesamt konnte die Länge des Leitungsnetzes der Telegraphie des Deutschen Reiches zwischen 1875 und 1895 von 33.246 auf über 140.000 Kilometer ausgedehnt werden. Durch die Einführung des Worttarifs wurden die Telegraphengebühren erheblich ermäßigt. Stephan war es auch, der die Telegraphie dem Gemeinwohl nutzbar machte – durch die Einrichtung des telegraphischen Hochwasser-, Unfall- und Feuermeldedienstes sowie des Sturmwarnungswesens.

Als Neuerer bewährte sich Stephan durch die unverzügliche Einführung des in Amerika erfundenen Telephons, das er amtlich "Fernsprecher" nannte. Mit großer Entschiedenheit verweigerte er Emil Rathenau die erstrebten Betriebsrechte, die er allein der Reichspost vorbehielt. Die technische Einrichtung des Fernsprechwesens wurde der Firma Siemens & Halske übertragen. Stephan war auch ein Förderer der Rohrpost; die Berliner Rohrpost ist sein eigenstes Werk. Schon bevor er Überseekabel verlegen ließ, richtete er (staatlich subventionierte) Postdampferlinien nach Ostasien, Australien und Afrika ein. In den deutschen Kolonien ließ er ein geregeltes Post- und Telegraphenwesen aufbauen.

Die Mitarbeiter des Generalpostmeisters "konnten sich, je länger je mehr, der Wirkung [der von diesem an den Tag gelegten] … ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Spannkraft nicht entziehen, bis schließlich in den ganzen Postbetrieb ein Leben hinein kam, das durch die keiner Behörde bis dahin eigen gewesene beschwingte Art des Dienstvollzugs und der Verkehrsbedienung Stephan den lebhaften Beifall der Nation eintrug." (O. Grosse) Diesen verdiente sich Stephan in einem besonderen Maße mit der Schaffung des Weltpostvereins im Jahre 1874 (Bezeichnung seit 1878). Durch dessen Zustandekommen, mit dem er sein Werk krönte, hatte er auch eine große diplomatische Befähigung unter Beweis gestellt. In der Auslandsbriefabfertigung des Hauptpostamtes Köln hatte er einst am eigenen Leibe erfahren, wie kompliziert die Tarifberechnungen im Verkehr mit dem Ausland waren. Auch die später von ihm mit verschiedenen europäischen Ländern abgeschlossenen Postverträge hatten ihn hinsichtlich der Tariffrage nicht befriedigt. Nun gelang es Stephan, unter Zugrundelegung der Annahme, daß eine postalische Sendung zumeist auch eine Antwort findet, die Partnerländer davon zu überzeugen, daß sie sich mit den jeweils bei der Auflieferung entrichteten Gebühren begnügen könnten. Damit waren die alten Ausgleichszahlungen überflüssig geworden.

Bei all seiner ausgebreiteten Tätigkeit, zu der auch der Ausbau der 1877 übernommenen Staatsdruckerei zu einem Musterbetrieb, der Reichsdruckerei (heute Bundesdruckerei) in Berlin, gehört, hat Stephan die Bediensteten der Post nicht vergessen. Er sorgte für die betriebliche Bildung (vor allem durch die Begründung der Post- und Telegraphenschule) und rief soziale Einrichtungen ins Leben. So ließ er etwa die Postunterstützungskasse zu einer allgemeinen Unterstützungsanstalt, insbesondere für bedürftige Unterbeamte und deren Hinterbliebene, ausbauen. Freilich war er in patriarchalischen Auffassungen befangen. Als in den siebziger Jahren unter den jungen mittleren Beamten Unzufriedenheit mit den Beförderungsaussichten aufkam und entsprechende Forderungen erhoben wurden, hat Stephan diese nicht unterstützt, obwohl er ihre sachliche Berechtigung anerkannte. Der erstmalig im Beamtentum auftretenden Interessenvertretung stand er mit Mißtrauen gegenüber.

Nicht zuletzt der Bau von Postgebäuden, mit dem Stephans Wirken bis heute sichtbar geblieben ist, sollte den Postbediensteten zugute kommen; er hatte in der Tat eine erhebliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen zur Folge. Freilich bezweckte man mit ihm in erster Linie eine Erhöhung der Funktionstüchtigkeit der Post. Zudem suchte Stephan durch eine anspruchsvolle äußere Gestaltung der Dienstgebäude die Bedeutung der Reichspost zu dokumentieren. Diese kam vor allem dadurch zum Ausdruck, daß die Behörde des Reichspostmeisters im Jahre 1880 zu einem Reichsamt erhoben wurde, womit Stephan Staatssekretär war. Bis 1895 entstanden etwa 2.000 neue Postgebäude (darunter 285 reichseigene). Der vornehmste Bau war der des Generalpostamts in Berlin, Leipziger-/Ecke Mauerstraße (später Reichspostministerium), der aus den Jahren 1871 bis 1874 stammt (1893 bis 1898 erweitert, infolge von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg heute reduziert).

Der Erweiterungsbau des Generalpostamts nahm unter anderem das Postmuseum auf, eine ganz persönliche Schöpfung Stephans, der auch der Geschichtsschreiber der preußischen Post ist. Neben seinerGeschichte der preußischen Post (Berlin 1859, neu hrsg. von K. Sautter, 1928) veröffentlichte er unter anderem auch die SchriftWeltpost und Luftschiffahrt (Berlin 1874), ein Beweis dafür, wie sehr seine Tagesarbeit in der Perspektive der Vergangenheit und der der Zukunft stand. Daneben war ihm die Sprache wichtiges Medium. Daher lag ihm die Dienstsprache am Herzen. So brachte er aufgrund eigener sprachwissenschaftlicher Studien einVerdeutschungswörterbuch für den internen Gebrauch heraus, das ihm zwar manchen Spott eintrug, doch den feinen Sprachsinn eines Mannes verrät, der seinen Empfindungen auch in Versen Ausdruck zu verleihen vermochte.

Für Stephan war "der Post erstes Gesetz die Förderung des Gemeinwohls", wie er schon in seiner Geschichte der preußischen Post geschrieben hatte. Dem sollte der von ihm aufgebaute und geführte Apparat mit hoher Leistung zu einem günstigen Preis dienen. Wenn er dem Gemeinwohl das Verlangen der Reichsfinanzverwaltung nach der Erwirtschaftung von Überschüssen unterordnete, so ist er damit in späteren Jahren selbst beim Reichskanzler auf starken Widerstand gestoßen. Für sich und die Seinen hat er nichts gewollt; doch hat ihm das Vaterland, für das er arbeiten wollte, hohe Ehren erwiesen. Er wurde 1885 von Kaiser Wilhelm I. in den erblichen Adel erhoben und 1895 durch Kaiser Wilhelm II. mit der Verleihung des Ranges eines preußischen Staatsministers ausgezeichnet. Auch die Ehrendoktorwürde ist ihm zuteil geworden, in einer Zeit, in der man noch nicht so freigiebig mit ihr umging wie später.

Heinrich von Stephans Privatleben war bescheiden. Als glänzender Gesellschafter, der er war, liebte er es, in Habels Weinstube, Unter den Linden, zu sitzen. In späteren Jahren frönte er auch der Jagdleidenschaft. Doch war sein Lebensabend umdüstert. Da seine Frau früh verstorben war, hatte er die Erziehung seiner beiden Söhne Freunden überlassen müssen und war über dem Ergebnis nicht froh geworden. Der Kummer darüber wie eine langjährige Überarbeitung mochten zum Ausbruch der Zuckerkrankheit beigetragen haben, an der er 66jährig starb, bis zuletzt in der Pflicht, als "der Bismarck der Post", wie ihn der amerikanische Präsident des Weltpostkongresses in Washington wenige Monate später nannte. Begraben ist er in Berlin, vor dem Halleschen Tor, auf dem alten Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde.

Lit.: Allgemeine Deutsche Biographie 54 (1908), S. 477-501. – Oskar Grosse: Heinrich von Stephan; in: Die Großen Deutschen. Neue Deutsche Biographie, hrsg. von Willy Andreas und Wilhelm von Scholz, Bd. 5, Berlin21943 (vgl. auch Grosse in: Pommersche Lebensbilder, Bd. 1, 1934). – F. Risch in: Männer der Verwaltung, 1963.

 

  Peter Mast

 

 

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