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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Stern, Maurice Reinhold von

Schriftsteller

* 1860, 03.04.
Reval/Estland

† 1938, 28.10.
Ottensheim bei Linz/Donau

Wer sich mit Maurice Reinhold von Stern befassen will, und sein 50. Todestag bietet dazu den Anlaß, muß mit einem für einen Deutsch-Balten jener Zeit völlig unüblichen Lebenslauf rechnen. Als Sohn des lyrischen Dichters und Gutsbesitzers Carl Walfried von Stern (1819-1874) und seiner Ehefrau Caroline von Patkul in Reval geboren, besuchte er das Gymnasium in Dorpat, die Schmidt’sche Anstalt in Fellin und trat, für die militärische Laufbahn bestimmt, in den russischen Militärdienst beim 116. Infanterie-Regiment in Riga ein. Nach drei Jahren schied er aus dem Militärdienst aus, war danach zeitweilig als Eisenbahnbeamter tätig, dann als Theaterreferent und Übersetzer aus dem Russischen bei der „Revalschen Zeitung“.

Im Jahre 1881 ging er nach Deutschland und lebte von 1882-1885 in Amerika, wo er seinen Lebensunterhalt als Farmarbeiter, in Eisen-, Silber- und Kohleminen, als Dockarbeiter am Hudson, als Setzer und Drucker, als Gründer und Herausgeber der „New Jersey Arbeiter-Zeitung“, als Barkeeper am Broadway in New York, als Clerk in einer Spielwarenfabrik und als Zeitungsberichterstatter verdiente. 1885 kehrte er aus gesundheitlichen Gründen nach Europa zurück, besuchte London, Paris, ging nach Basel und studierte in Zürich von 1885-1890 Medizin und Philosophie und war schließlich von 1888-1890 Redakteur des „Züricher Volksblattes“. Er betätigte sich auch als Verlags- und Sortimentsbuchhändler und gründete im Jahre 1892 „Sterns literarisches Bulletin der Schweiz“, eine literarisch-kritische Zeitschrift, die er bis zum Jahre 1898 herausgegeben hat. 1895 heiratete Stern in Zürich Anna Marie Schnurrenberger und ließ sich 1898 in Ottensheim bei Linz, Oberösterreich, nieder, wo er sich mit Landwirtschaft, Gartenbau und Obstkultur beschäftigte und wo, nach eigenem Bekenntnis, „aus dem ruhelosen Zigeuner ein solider Ehemann und Familienvater“ wurde.

Stern hatte drei Söhne: Johann, nach 1945 Vizebürgermeister von Ottensheim (+ 1960), Karl, Beamter der Franck Kaffee-Fabrik und Kunstmaler, und Max, Arzt in Wien (+ 1976). Auf seinen Enkel Johann, Baumeister in Münzkirchen, Oberösterreich, ist der Dichter zeitlebens sehr stolz gewesen. Maurice Reinhold von Stern starb, 78 Jahre alt, am 28. Oktober 1938 in Ottensheim.

Als Schriftsteller war Stern überaus produktiv, als Lyriker, Epiker, Dramatiker, als sozialpolitischer Schriftsteller und Essayist. Die überwiegende Mehrzahl seiner Dichtungen galt bei seinen Zeitgenossen als echte und zum Teil künstlerisch vollendete Poesie. Er war ausgezogen, das Glück der Menschheit, Gerechtigkeit und Liebe zu suchen. Er hatte sich der Arbeiterbewegung angeschlossen, ihre Ideale und Irrtümer zu den seinen gemacht. Nach vielem Suchen, von falschen Idealen enttäuscht, erkannte er, daß mit äußerlichen Reformen allein alles Stückwerk bleibt, solange ihnen nicht eine Reform des Menschen selbst vorangegangen ist. Der Dichter fand den Weg zum Christentum, mag er das Wort Gottes in der Kirche oder im Walde oder im Rauschen des Meeres vernehmen. Die Fülle seiner Werke verbietet die Aufstellung eines vollständigen Verzeichnisses.

Werke (Auswahl): Gedichtsammlungen: „Höhenrauch“, „Sonnenstaub“, „Exzelsior!“, „Nebensonnen“, „Mattgold“, „Wildfeuer“, „Erster Frühling“, „Abendlicht“, „Dagmar Lesseps“; Prosa: „Walter Wendrich“ (Roman), „Von jenseits des Meeres. Amerikanische Skizzen“, „Stimmen der Stille. Gedanken über Gott, Natur und Leben“, „Der Seiltänzer und andere Erzählungen“; philosophische und sozialpolitische Schriften: „Weltanschauung“, „Das Welt-Vakuum“, „Theorie des Unbewußten“, „Proletarier-Lieder. Dem arbeitenden Volke gewidmet“, „Alkohol und Sozialismus“, „Arbeitslohn und Arbeitszeit“, „Aus dem Tagebuch eines Enthaltsamen“, „Aus den Papieren eines Schwärmers“.

Lit.: Das Baltische Dichterbuch, hrsg. von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß (Reval 1894); Deutschbaltisches biographisches Lexikon 1710-1960 (Köln/Wien 1970); Maurice Reinhold von Stern: Aus meinen Lebenserinnerungen (in: Deutsche Monatsschrift für Rußland, 1913, S. 15 ff.); Gregor von Glasenapp: Maurice Reinhold von Stern und Viktor von Andrejanoff (in: Baltische Monatsschrift, Riga 1894, S. 700ff.); Irmgard Paulus: Maurice Reinhold von Stern. Innsbrucker Phil. Dissertation, 1954 (Manuskript).

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