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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Suckow von Heydendorff, Annemarie

Bildhauerin

* 1912, 21.03.
Mediasch/Siebenbürgen

† 2007, 21.04.
Bonn

Orte im Osten markieren die Biographie der Bildhauerin Annemarie Suckow von Heydendorff bis 1945, als sie vor der sowjetrussischen Armee in den Westen flüchtete. Im siebenbürgischen Mediasch in der damaligen Habsburger Monarchie am 21. März 1912 geboren, besuchte sie die deutschen humanistischen Gymnasien in ihrer Vaterstadt, in Hermannstadt und Bukarest sowie Kurse an der Handelsschule, um anschließend einige Semester an der berühmten Reimannschule (Malen und Zeichnen, Gebrauchsgrafik und Mode) in Berlin zu studieren. Ihr Vater, Karl Conrad von Heydendorff, war mit seiner Familie nach Bukarest übergesiedelt und gründete in der rumänischen Hauptstadt ein Unternehmen für Organisation und Mechanisierung. Er hätte es gerne gesehen, wenn ihm seine Tochter auf dem grafischen Gebiet der Werbung geholfen hätte. Einer ihrer Berliner Lehrer bezeugte der jungen Studentin besondere Begabung für das plastische Gestalten und riet ihr, den Weg der freien Bildhauerin einzuschlagen. So kehrte Annemarie von Heydendorff nach Bukarest zurück und schrieb sich an der dortigen Kunstakademie (Bildhauerklasse Prof. Oscar Han) ein. Kaum hatte sie 1935 ihr Diplom als akademische Bildhauerin mit Erfolg abgelegt, heiratete sie den Rechtsanwalt Dr. Hermann Suckow und folgte ihm nach Allenstein. Die zehn Jahre in Ostpreußen gehörten dem glücklichen Familienleben und ihrem erfolgreichen künstlerischen Schaffen. Es entstanden Porträts und figurale Kleinplastiken sowie eine Madonna für die Kapelle des katholischen Fürsorgevereins in Königsberg. Für ihren Entwurf des Märchenbrunnens am Fischmarkt in Allenstein wurde sie mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Die Flucht mit ihren drei Töchtern – ihr Ehemann befand sich als Soldat im Kriegseinsatz – führte von Pillau übers Meer nach Swinemünde, nach Greifswald, Finkhaushallig Koog und schließlich nach Neumünster. Dort fand 1947 die Familienzusammenführung mit ihrem aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassenen Ehemann statt. Ein Jahr danach übersiedelten sie nach Bonn, wo Dr. Suckow eine Rechtsanwaltskanzlei eröffnete. Auch die Tätigkeit der Bildhauerin wurde wieder fortgesetzt.

Da die Universitätsstadt Bonn als provisorische Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland immer mehr zum Magneten von Politik und Wirtschaft wurde, bot sich auch der Bildhauerin eine Plattform für ihr künstlerisches Schaffen. Im Atelier Dyroffstraße 6 entstanden großfigurige Plastiken für Parkanlagen und Plätze sowie Kleinplastiken in Bronze und zahlreiche Porträts von Persönlichkeiten, aber auch von Kindern und Jugendlichen. Genannt seien Bundesministerin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt, Staatsminister Dr. Ottomar Schreiber, der Bonner Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Daniels, die Professoren Dr. Fritz Prinzhorn, Dr. Karl A. Reiser, Dr. Hans Dahs, Dr. Ehrenberg, Bildhauerin Erika Lenzner, Maler Gerhard Neumann, Elsa Reger, Christian Graf von Schwerin, Dr. Alfred Lauerburg u.a.

Die Büsten und der Mensch in seiner ganzen Gestalt stehen im Mittelpunkt ihres Œuvres. Die Grenze zur gegenstandsfreien Kunst hat Annemarie Sukow von Heydendorff nie überschritten. Da sind ihre schlanken Mädchen und Jünglinge voller Anmut und Beschwingtheit, stehende, schreitende, sitzende. Man könnte meinen, der Bildhauerin hätte ihre eigene Gestalt als Modell gedient, so wie sich ihre ostpreußische Kollegin Käthe Kollwitz in ihren Frauen und Müttern in Bronze und auf grafischen Blättern spiegelt. Durch die impressionistische Bearbeitung der Oberflächen verlieh Frau Sukow ihren Werken eine besondere Lebendigkeit.

Auch Erinnerungen an Krieg, Not, Flucht und Vertreibung regten zu Menschendarstellungen an. Einige Titel seien genannt: „Trauernde“, „Wartende“ (Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Düsseldorf), „Flüchtlingsmutter“ (Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg), „Die Ausgewiesenen“ (Gabe zum Jahr der Menschenrechte, Frankfurt/Main), „Flüchtende“ (Stadt Delmenhorst) und das Ehrenmal für die Gefallenen der 16. Panzer-Division Vossenack/Hürtgenwald. Es sind Werke voller Menschlichkeit, der Versöhnung und Trauer, die Weltanschauung der Künstlerin wiedergebend, bar jeder aggressiven oder revanchistischen Gefühle. Sie fordern zum besinnlichen Nachdenken auf, sie sind „Denkmale“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Rückblickend konnte die über 90jährige Bildhauerin Annemarie
Suckow von Heydendorff feststellen, daß ihr künstlerisch hochstehendes Werk von Museen, öffentlichen Instituten, privaten Sammlern und Kunstfreunden angenommen sowie in ungezählten Ausstellungen in ganz Deutschland und im Ausland (Frankreich, Spanien, Belgien, Österreich), von Kronstadt in Siebenbürgen und Allenstein in Ostpreußen bis Bonn im Rheinland gezeigt worden ist. Für ihre künstlerischen Leistungen wurde sie 1973 mit dem Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen ausgezeichnet und 1976 von der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen mit deren Kulturpreis.

Lit.: Niels von Holst: Ostdeutsche Bildkunst, Frankfurt/Main 1950. – Peter Paul Nahm: Kultur im Zeitenbruch, Bonn. – Günther Ott: Jugend in Bronze, München 1972. – Georg Hermanowski: Eine Ostpreußin aus Siebenbürgen, Düsseldorf 1972. – Günther Ott: Die Bildhauerin Annemarie Suckow von Heydendorff, München 1978. – Günther Ott: Künstlerprofile – Im Osten geboren – im Westen Wurzeln geschlagen, Düsseldorf 1980. – „Frauen im Bilde“. Katalog zur Wanderaustellung, Bonn/Berlin 1987/88. Tages- und Wochenzeitungen (Auswahl): Das Ostpreußenblatt, Hamburg (26.01.1961 – 23.10.1971 – 23.06.1983 – 21.03.1992 – 22.03.1997) – Bonner Generalanzeiger (18.04.1967) – Bonner Rundschau (30.03.1965) – Siebenbürgische Zeitung, München (15.12.1961 – 30.06.1973 – 31.08.1979 – 20.03.1982 – 31.03.1987 – 31.03.1992 – 23.02.1997) sowie Kulturpolitische Korrespondenz, Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Bonn (25.02.1972 – 10.06.1976 – 06.03.1987 – 25.02.1997) und Allensteiner Briefe, Gelsenkirchen (Februar 1982).

Bild: Aus Privatbesitz von Annemarie Suckow von Heydendorff.

Günther Ott

 

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