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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Sydow, Clara von

Schriftstellerin

* 1854, 17.06.
Stettin/Pommern

† 1928, 18.11.
Stralsund

In Stettin wurde Clara von Sydow als Tochter eines Militärpfarrers in zweiter Ehe am 17.6.1854 geboren, als ältestes von 7 Kindern. Schon 1857 wurde ihr Vater als Superintendent auf die Halbinsel Wittow im Norden Rügens, nach Altenkirchen versetzt, dessen Kirche zuden ältesten in ganz Pommern zählt. In dieser ländlichen Umgebung verlebte Clara unbeschwerte Jugendjahre; Erzieherinnen, ein Hauslehrer, doch vor allem ihr Vater sorgten für schulische Bildung und ihre geistige Entwicklung. Ihr erster Ausflug zur Küste mit Strandleben und Spiel in den Wellen muß ihr ein tiefes und fortwirkendes Erlebnis gewesen sein. Schon mit 8 Jahren verfaßte sie ein Gedicht, mußte aber auch bereits den Tod ihres jüngsten Brüderchens erleben.

Mit ihrem Vater durfte sie 12jährig nach Berlin zu ihrem Onkel, dem Geographen Emil von Sydow, dessen Atlas sie schon aus dem Bücherschrank ihres Vaters kannte. Auch Oper und Schauspiel erlebte sie und am voller Eindrücke und großer Träume in ihr stilles Dorf zurück. Ein Jahr später konnte sie in Frankfurt/Oder die höhere Töchterschule besuchen, ihre guten Aufsätze machten dort besonderen Eindruck, zeugten von Begabung. Mit 15 Jahren war sie wieder in Altenkirchen, lernte die Hauswirtschaft und beteiligte sich an der Ausbildung der jüngeren Geschwister. Lerneifer und Tatendrang ließen sie aber auch zur Feder greifen, erste Prosaversuche entstanden, wenn auch nicht zur Freude des Vaters, der dies für Zeitverschwendung hielt. Sie aber blieb unbeirrt. Ihr Vater zeigte eine Arbeit Paul Heyse (Nobelpreis 1910) und ließ sie dann – stolz auf dessen Urteil – gewähren. Innerer Schwung führte sie für ein weiteres Jahr nach Frankfurt/Oder, von wo sie als examinierte Lehrerin auf die Insel zurückkehrte, dort Entspannung fand und als „ältere Schwester“ Pflichten übernahm. Gelegentlich durfte sie den Vater begleiten, für sie waren dies „Bildungsfahrten“. Ihr reger Kontakt mit Ernst von Wildenbruch (18451909), dem in Beirut geborenen Enkel des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, dem sie in Frankfurt begegnet war, förderte ihre Passion weiter und vor allem ihren Eifer, sich gleichfalls literarisch – wie er – zu bewähren. In der „Deutschen Rundschau“ wie in „Westermanns Monatsheften“ und der „Gartenlaube“ finden wir erste, kleinere Arbeiten, die später gesammelt unter dem Titel „Alte Gefährten“ als Buch erscheinen. Für die Verlage wurde sie interessant, und es gab nun auch Aufträge für die junge Autorin, Kritiker meldeten sich vergleichend zu Wort. Als der Vater 1886 mit 75 Jahren starb, ging das ländliche und weitgehend doch sorgenfreie Leben auf Wittow zu Ende. Man übersiedelte 1887 nach Berlin, um den dort auszubildenden Brüdern nahe zu bleiben, ein neuer Lebensabschnitt begann für Clara. Die nun 33jährige setzte hier verstärkt ihre literarischen Arbeiten fort, Natur, Heimat und soziale Probleme der Zeit waren die bestimmenden Themen; die Junge Reichshauptstadt bot genügend Stoff und zeigte andererseits große Lese-Bereitschaft. Um die Jahrhundertwende wurde es stiller um die junge Frau, doch starben im ersten neuen Jahrzehnt auch Mutter, zwei Schwestern sowie ihr Schwager, in dessen Haus sie einst ihre Frankfurter Zeit verbringen durfte. Unaufgeführt blieb trotz mehrfachem Interesse ihr historisches Drama „Annina von Murano“, das 1911 herauskam. Mit ihrem Werk „Einsamkeiten“, erschienen 1911 bei Beck in München, hat Clara von Sydow uns wohl ihr wichtigstes und reifstes Werk hinterlassen, das damals große Beachtung gefunden hat. Ihr starkes Empfinden für die so unbegreifliche Schönheit der Natur, ihr Bekenntnis zur Heimat Rügen wurden hervorgehoben. Ob in dieser Weise heute noch Aufnahme-Bereitschaft für ihre Darstellung besteht, die innere Bereitschaft und eigenes Mitgehen verlangt, ist zweifelhaft in unserer so unruhigen Zeit. Es mag schon damals die Aufregung und allgemeine Hetze der Großstadt, vielleicht auch ein wenig Resignation gewesen sein, die Clara von Sydow doch wieder in die Ruhe und Gelassenheit ihrer pommerschen Heimat zog, wo sie 74jährig am 18.11.1928 in Stralsund gestorben ist.

Lit.: Zschr. Pommern, KunstGeschichteVolkstum. Heft 1/1969. – Max Guhlke: Pomm. Literaturgeschichte, Stettin 1912. – Fritz Raeck: Pomm. Literatur, Proben u. Daten, 1969.

Bild: Pommern. Kunst, Geschichte, Volkstum. Heft 1 (1969), S. 26.

Friedrich Birkholz

 

 

 

 

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