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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Telemann, Georg Michael

Komponist, Kantor

* 1748, 20.04.
Plön

† 1831, 04.03.
Riga

Keiner der acht Söhne von Georg Philipp Telemann ist Musiker geworden und auch unter seinen Vorfahren sind keine Musiker auszumachen, nur ein Enkel, Georg Michael, der gleich dem berühmten Großvater seinen Vater im Kindesalter verlor, hat sich der Musik zugewandt. Georg Michaels Eltern waren der älteste Sohn Georg Philipp Telemanns, Andreas Telemann, Pastor in Plön, und Auguste Clara geb. Capsius.

Nach dem Tod des Vaters kam der siebenjährige Georg Michael nach Hamburg in das Haus seines damals 74jährigen berühmten Großvaters, des obersten Musikdirektors der fünf Hauptkirchen in Hamburg. Er erhielt von ihm musikalischen Unterricht und besuchte das Johanneum. Früh wirkte er als Generalbaßspieler bei Kirchenmusiken mit, auch war er seinem Großvater bei der Abfassung von Werken behilflich. Diese Hilfe hat mit zunehmendem Alter des Großvaters an Bedeutung gewonnen, da dessen Kräfte in den letzten Jahren stark nachließen. Über einige Jahre bekleidete Georg Michael auch „die Stelle eines Accompagnisten beim Musikchor“. 1767 komponierte er die Trauer-Ode auf das betrübte Absterben meines GroßvatersHerrn Georg Philipp Telemann, des Hamburgischen Musik-Chor-Direktors. Georg Michael übernahm das Amt bis zum Eintreffen des Nachfolgers Carl Philipp Emanuel Bach, zu dessen Einsetzung 1768 er die Kantate Hamburg, Deutschlands Pflegerin komponierte. C. Ph. E. Bach hatte ihn in einem Kondolenz-Brief „theuerster, und wegen Ihres mir unvergesslichen würdigen seeligen lieben Herrn Grossvaters würdigster Freund“ genannt.

Bis 1770 hatte Telemann das Gymnasium academicum besucht, wo er vor allem philosophische und historische Wissenschaften studierte. Nach einem Theologiestudium an der Universität Kiel war er dann kurze Zeit in Hamburg als Lehrer an der Nicolaischule tätig. 1773 erschien bei Bock in Hamburg seinUnterricht im General-Baß-Spielen auf der Orgel oder sonst einemClavier-Instrument. Zu erkennen ist, daß die Musik trotz anderweitiger Studien große Bedeutung für ihn hatte, denn diese Generalbaß-Schule war eine Summaria seiner mehrjährigen Tätigkeit als Generalbaßspieler unter der Obhut und Anleitung seines Großvaters. Diese Schrift sollte ihm denn auch seinen weiteren musikalischen Weg weisen. Sie war für eine Berufung nach Riga ausschlaggebend, die ohne ein Ansuchen von seiner Seite durch Rektor Schlegel und den Rigaer Rat erfolgte.

Nach Riga kam er 1773, und zwar als Kantor und Musikdirektor der Stadtkirchen und zugleich als Kantor und Lehrer der Domschule. Sein zweifaches Amt, das er bis 1801, als er die Lehrerstelle niederlegte, bekleidete, schlug sich auch in seinen Schriften nieder, die dem Kompositorischen an die Seite treten, wie beispielsweiseRegeln der deutschen Orthographie… (Riga u. Leipzig 1779), Fortsetzung einiger Anmerkungen zur Königsbergischen lateinischenGrammatik (Riga 1781) oder Ueber die Benennung des ältesten Hauses der Deutschen inLiefland… (Riga 1791). 1813 bekam er unter Beibehaltung des Kantorats das Organistenamt an der Domkirche übertragen.

Georg Michael Telemann „soll eine Menge Cantaten und besonders Passionsgesänge für die Rigaischen Stadtkirchen“ (RTTL) komponiert haben, von welchen sich einige Textbücher erhalten haben. Im Druck ist nur weniges erschienen, vielleicht auch, „weil er aus Bescheidenheit seine Talente verborgen hielt“. Einen umfassenderen Einblick in sein an der Kantorenpraxis orientiertes, früheres kompositorisches Schaffen gibt die 1785 von Hartung in Königsberg verlegte Sammlung Beitrag zur Kirchen-Musik, die mehrere Chöre sowie Orgelvorspiele enthält. 1809 erschien das Chorwerk Auferstehn, ja auferstehn nach Klopstock bei G. Behrends in Riga.

Georg Michael Telemann hat in Riga zahlreiche Werke seines Großvaters aufgeführt, welche er durch Änderungen dem Zeitgeschmack anpaßte, indem er beispielsweise Evangelisten-Passagen durch instrumentale Zwischenspiele ersetzte. So wurde durch ihn Riga die einzige Stadt, in welcher das Schaffen Georg Philipp Telemanns nach dessen Tod noch eine Pflege erfuhr, und dies über ein halbes Jahrhundert lang. Angemerkt sei, daß die Stadt Riga bereits vor der Tätigkeit des Enkels schon über ein halbes Jahrhundert eine bedeutende Pflegestätte der Werke Georg Philipp Telemanns gewesen war. Das hatte sich durch seinen Rigaer Freund, den Kaufmann J.R. Hollander ergeben. Einige Briefe aus den 1730er Jahren haben sich erhalten, die den Versand von Noten belegen, Widmungen von Werken enthalten, aber auch auf Vertonungen von Texten Hollanders durch Telemann hinweisen. Ein weiterer Rigaer Bekannter war der Domkantor Andreas Erhardt, welcher zuvor in Hamburg tätig gewesen war.

1828 wurde Georg Michael Telemann auf sein Ansuchen hin wegen Augenschwäche pensioniert, „mit Beibehaltung nicht nur seines vollen Gehalts, sondern sogar mit Zulage von 100 Rbl.“. Er verstarb an „gänzlicher Entkräftung“ im 83. Lebensjahr. In einem Nachruf auf ihn schrieben die Rigaer Stadtblätter, daß er als Mensch allgemein die größte Achtung genossen habe, seinem Berufseifer bis zur Peinlichkeit treu gewesen sei und Reinheit und Tiefe sein Gemüt ausgezeichnet hätten. „Den gefeierten Namen eines berühmten Großvaters erhöhete er durch eigenes Verdienst“. Verheiratet war er nicht gewesen. Ein Porträt scheint nicht überliefert zu sein, jedoch hatte sich ein von ihm selbst entworfener Lebenslauf erhalten, welcher bei seiner Beerdigung verlesen wurde.

Wie ein Eintrag Telemanns aus dem Jahre 1792 in das Stammbuch des 19jährigen Georg Poelchau zeigt, war dieser schon früh mit ihm in nähere Beziehung getreten. Der Deutschbalte Poelchau ist als berühmter Musikaliensammler in die Musikgeschichte eingegangen, welchem die Musikabteilung der Berliner Staatsbibliothek wesentliche Substanz verdankt. So sind auch viele Handschriften Georg Philipp Telemanns, die im Besitz des Enkels waren, durch Poelchau nach Berlin gekommen. In ihnen sind die Änderungen für die Rigaer Aufführungen auszumachen, für welche Georg Michael Telemann in Anmerkungen Rechenschaft ablegte. „Durch ihn, einen der letzten Vertreter des Generalbaßzeitalters, war diese Epoche in Riga bis in die Zeit der Romantik noch gegenwärtig“ (Scheunchen balt. Lande, s.u., Lit.verz.).

Werke (außer jenen im Text genannten): Größere Zahl von Kantaten und Passionsgesängen (mehrere Textbücher überliefert). – Trauermusiken. – Sammlung alter und neuer Choral-Melodien für das seit dem Jahre 1810 in den evangelisch-lutherischen und reformierten Kirchen zu Riga und in Liefland eingeführte neue Gesangbuch mit Harmonie verbunden von G.M.T., Cantor und Musik-Direktor in Riga, Mitau 1812. D. Kaiserin und große Frau Maria Feodorowna gewidmet vom Verleger (Jul. Conr. Daniel Müller, Riga 1812). – Johannes-Kantate, Kantate über die Leidensgeschichte Jesu Christi zufolge der Erzählung des Evangeliums Johannes (Häcker Riga 1809, 1815).

Lit.: Rigaische Stadtblätter für das Jahr 1831, Nr. 11 S. 93 (enth. Kurzgefaßter Lebenslauf G.M.T., Cantoris in Riga, von ihm selbst entworfen). – Rigasche Biographien etc., 2. Bd. Riga 1883 S. 23ff. – M. Rudolph: Rigaer Theater- und Tonkünstlerlexikon, Riga 1890 ND Hann.-Döhren 1975. – F. Chrysander: Briefe von Ph. E. Bach u. G.M. Telemann, AMZ IV (1869) S. 177. – H. Miesner: Die Lebensskizze des jüngeren Telemann, in: Zeitschrift d. Vereins f. hamburgische Geschichte 33 (1933) S. 143ff. – H. Wagner: Komponisten aus Schleswig-Holstein, Husum 1978, S. 57. – H. Scheunchen: Die Musik der Deutschen in den baltischen Ländern, in: W. Schwarz, F. Kessler, H. Scheunchen: Musikgeschichte Pommerns, Westpreußens, Ostpreußens und der baltischen Lande, Dülmen 1990 S. 148. – Ders.: Lexikon deutschbaltischer Komponisten (in Vorb.). – Div. Musiklexika.

    Helmut Scheunchen

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