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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Theiner, Johann Anton

Theologe

* 1799, 05.12.
Breslau

† 1860, 15.05.
Breslau

Obwohl er das Kind frommer katholischer Eltern war, im Schatten des Breslauer Doms aufwuchs, sich dank kirchlicher Stipendien durch ein katholisches Gymnasium und das Studium der katholischen Theologie hangelte, die Priesterweihe empfing und zum Theologie-Professor an der Universität emporstieg, wurde Johann Anton Theiner zu einem scharfen Kritiker und Bekämpfer der katholischen Kirche.

Die Aufklärung und der Rationalismus, sich radikal oder gemäßigt zeigend, taten sich auf ihrem Weg vom Westen Europas und Deutschlands in den Osten, hier speziell auf Schlesien, genauer: auf das katholische Schlesien, bezogen, sehr schwer, was viele Gründe hat, so eine stärkere Obrigkeitsbezogenheit, einen anderen Bildungs- und Ausbildungsstand und eine kräftig-herzinnige Volksfrömmigkeit. „In den Jahrzehnten, da der Rationalismus und die Aufklärung ihre Triumphe feierten, blieb Schlesien das Land des katholischen Barock und des protestantischen Pietismus. Aber die Universität der Jesuiten und erst recht die 1811 neu gegründete Universität einschließlich ihrer theologischen Fakultäten war doch ein Sitz der Aufklärung, mit der sie ihre Studierenden und damit die späteren Geistlichen und Beamten durchtränkte.“ So urteilt der in seiner Zeit sehr bekannte und heute noch forschungsrelevante katholische Kirchenhistoriker und Priester Hermann Hoffmann in seiner in den Jahren 1951 bis 1955 in fünf Teilen erschienenen grundlegenden Abhandlung über Anton Theiner, in der er allerdings das Thema so sehr ausweitet, dass auf einer großen Anzahl von Seiten der Name des Biographierten gar nicht genannt ist.

Die Gründung der Universität Breslau war ein Ausdruck des nach der Niederlage im Kampf gegen Napoleon I. klar sichtbar werdenden Willens zur geistigen Erneuerung des preußischen Staates, basierte auf der Vereinigung der protestantischen Universität Viadrina zu Frankfurt an der Oder und der katholischen Leopoldina zu Breslau und besaß, paritätisch konzipiert, sowohl eine evangelische als auch eine katholische theologische Fakultät, die niveaumäßig nicht hoch angesiedelt war und der Staturgewinnung bedurfte.

Der am 5. Dezember 1799 in Breslau geborene Johann Anton Theiner, Sohn eines aus Mähren eingewanderten armen Schuhmachermeisters, besuchte die Domschule und von 1811 bis 1818 das Königliche Katholische Gymnasium – das spätere St. Matthiasgymnasium – seiner Vaterstadt, das vom Theologieprofessor Johann Nepomuk Köhler, dem „letzten deutschen Jesuiten“ – der Orden war damals aufgehoben –, geleitet wurde, den Theiner durchaus schätzte.

Nach der Reifeprüfung begann er in der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Breslau zu studieren, die vor sich hingedümpelt hatte bis zum Jahre 1815, als eine Leuchte der Wissenschaft ihr Mitglied wurde: Thaddäus Anton Dereser. „Mit Dereser erhielt die Fakultät endlich einen in ganz Deutschland bekannten Theologen von großer geistiger Selbständigkeit und ausgeprägter Eigenart. Er kannte seit Jahrzehnten das Universitätsleben Deutschlands, war ein akademischer Lehrer von Format und besaß so viel Ansehen und Selbstbewußtsein, daß er den führenden Wissenschaftlern der anderen Fakultäten gewachsen war“ (Kleineidam). Dereser war ein Mann der (katholischen) Aufklärung, antirömisch eingestellt und wiederholt kirchlich angeeckt, bekleidete 1818-1819 das Amt des Rektors der Universität und fand großen Anklang bei den Studenten, so auch bei J. A. Theiner, dem er zu einem sehr wichtigen theologischen Wegweiser wurde.

Theiner fühlte sich angezogen von rationalistisch orientierten Professoren der beiden theologischen Fakultäten, löste eine Preisaufgabe, erhielt am 15. März 1823 in Breslau die Priesterweihe und wurde mit einer altestamentlichen Dissertation promoviert. Kurz darauf bat er den preußischen Kultusminister um eine Anstellung in der Fakultät, war also sehr überzeugt von seiner Tüchtigkeit. Von 1823 bis 1824 wirkte er als Kaplan in Zobten am Bober bei Löwenberg und dann in der niederschlesischen Hauptstadt Liegnitz. Als in der kath.-theol. Fakultät zwei Stellen frei wurden und es an geeigneten Kandidaten mangelte, bewarb sich Theiner erneut, hatte diesmal Glück und kam 1824 als außerordentlicher Professor für Kirchenrecht und Pastoraltheologie zum kleinen Kreis ihrer Dozenten, erst 24 Jahre zählend, aber als ein so jung Ernannter nicht unbedingt eine große Ausnahme darstellend. Er habilitierte alsbald mit einer Arbeit über Ehehindernisse und las an der Universität fast alle theologischen Fächer, nämlich Kanonisches Recht, Alt- und Neutestamentliche Exegese, kirchliche Altertümer, Liturgik, Homiletik und Katechetik, wobei freilich anzumerken ist, dass sich Professoren damals oft auf ein einziges Lehrbuch stützten, aus dem sie vorlasen. Man musste annehmen, dass der junge Dozent durch seine universitäre Arbeit völlig ausgelastet, ja überbelastet war. Doch im Jahre 1826 erschien außerhalb Schlesiens und der Diözese Breslau, in Altenburg (Thüringen), das Buch „Die katholische Kirche Schlesiens dargestellt von einem katholischen Geistlichen“, ein von kämpferischer Kritik an kirchlichen Zu- und Missständen, besonders mit Blick auf das Papsttum und auf Schlesien, strotzendes Werk, das große Beachtung fand, wurden in ihm doch manche Themen aufgegriffen, die „in der Luft lagen“ und auf die Verbalisierung gewartet hatten. Bei der Suche nach dem anonymen Verfasser kam bald der Gedanke an Johann Theiner, weil sich der Inhalt des Buches mit vielen Äußerungen in seinen Vorlesungen berührte. In Sorge um seinen Verbleib an der Universität bestritt Theiner wiederholt die Urheberschaft und wand sich gegenüber der staatlichen Obrigkeit hin und her.

Das Buch stammte hauptsächlich von J.A. Theiner und war in seiner für die damalige Zeit sehr großen Auflage von 2000 Exemplaren nach wenigen Wochen vergriffen. Es beginnt mit dem Satz: „Gehen wir in die ersten Jahrhunderte der christlichen Kirche zurück, so finden wir die Religion in ihrer höchsten Reinheit und Würde und in der christlichen Kirche die bewundernswürdigste Simplicität.“ Die Rückkehr „zur Einfachheit des Evangeliums“ wird erstrebt, die Besinnung auf das Wesentliche, die Abwendung von als pure Äußerlichkeit Betrachtetem, das Abwerfen von ungutem Rankenwerk. Bekämpft werden das Papsttum und „die Römlinge“, der Orden der Jesuiten, „der die für die Religion, Sittlichkeit, Staats- und Völkerrechte verderblichsten Grundsätze lehrte“ und – ganz massiv – „das scheusliche Cölibats-Gesetz“, das bewirke, „daß so viele Geistliche unwissende, müßige Taugenichtse, leidenschaftliche Jäger, Spieler, Trinker, hartherzige Geizhälse, Zotenreißer“ seien. „Was die Literatur von Jahrhunderten an Kritik wirklicher und vermeintlicher Mißstände in der katholischen Kirche aufgehäuft hatte, ist hier ohne wissenschaftliche Ordnung, Methode und Kontrolle zusammengetragen. Historische Argumente mischen sich mit eigenen, zufälligen Beobachtungen und subjektiven Urteilen.“ (Laslowski)

Dem hl. Bonifatius wird „sclavische Abhängigkeit vom römischen Stuhle“ vorgeworfen und die religiöse Unwissenheit der Gläubigen beklagt; Ablasswesen, Wallfahrten und Rosenkranzbeten gilt die Kritik, ebenso der großen Abhängigkeit der Kapläne von den Pfarrern. Der Klerus solle stärker beaufsichtigt werden, aber auch mehr Rechte gegenüber dem Ortsbischof erhalten, dem ein Zuwachs von Macht im Verhältnis zu Rom gebühre. Ganz wichtig sei die Einführung des Gebrauches der deutschen Sprache, der Muttersprache, in der Liturgie auf Kosten des dem Volke unverständlichen Lateinischen. Von König und Staat erhoffte sich der Verfasser Unterstützung seiner reformerischen Bestrebungen.

Theiner trug manches Richtige und viel Falsches vor und stützte sich oft auf Belegstellen aus heute fast durchgängig vergessenen Werken ebenfalls vergessener Autoren, und er wahrte bei seinen tendenziell orientierten Ausführungen nicht das rechte Maß, sondern betrieb – wenn auch nicht immer – wütende, polternde Polemik. Das Buch ist eine Kampfschrift und wurde bereits einige Monate nach seinem Erscheinen von Rom auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Der 1830 veröffentlichte zweite Teil stammt nicht von Theiner und verfiel alsbald gleichfalls der Indizierung. J. A. Theiner schritt auf dem eingeschlagenen Wege weiter und verfasste, diesmal nicht anonym und nun zusammen mit seinem erst 24-jährigen jüngeren Bruder Augustin, der vom Studium der Theologie zu dem der Jurisprudenz übergeschwenkt war, das von großer Belesenheit kündende Mammutwerk Die Einführung der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen Geistlichen und ihre Folgen. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte, 1828, welches den Abwehrwillen der Hierarchie und den Protest gegen ihn im schlesischen Klerus verstärkte.

Theiner mußte konstatieren, dass ihm der Boden unter den Füßen schwand und seine Stellung innerhalb der Fakultät nicht mehr zu halten war. Das Angebot der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. als Professor für Biblische Sprachen zu ihr zu kommen, lehnte er im Jahre 1829 ab und bewarb sich um die Pfarrei Polsnitz (Kreis Neumarkt), die er 1830 erhielt. 1836 überwechselte er zur Pfarrei Grüssau (Kreis Landeshut) und 1837 in die Pfarrstelle zu Hundsfeld (Kreis Oels). Er soll ein eifriger Seelsorger gewesen sein, blieb jedoch bei den Gedanken einer weitgehenden Kirchenreform und erstrebte eine romfreie deutsche Nationalkirche, was ihn zur Berührung mit der deutsch-katholischen Bewegung des aus dem Kreis Neisse stammenden ehemaligen katholischen Priesters Johannes Ronge brachte. Im Jahre 1845 vollzog Theiner den Bruch mit der katholischen Kirche, trat aus ihr aus, schloss sich den Christ-Katholiken (Deutsch-Katholiken) an und übernahm – von der katholischen Kirche exkommuniziert – bei deren Breslauer Gemeinde die Predigerstelle.

Doch er hatte diese nur ein halbes Jahr inne, weil beide, Theiner und Ronge, führen wollten. Zwei streitbare Geister prallten aufeinander, die Breslauer Gemeinde entschied sich für Ronge, Theiner verlor das Amt als Prediger und das Einkommen, wurde evangelisch und musste sich mühselig finanziell „über die Runden bringen“. 1846 erschien der zweite Teil seines Werkes Die reformatorischen Bestrebungen in der katholischen Kirche, mit dem Untertitel Mein Austritt aus der römisch-katholischen Kirche und die von Herrn Melchior, Fürstbischof von Breslau, über mich verhängte Exkommunikation und 1847 die 651 Seiten umfassende Schrift Das Seligkeits-Dogma der römisch-katholischen Kirche, geschichtlich dargestellt; dann scheint der schreibfreudige Griffel des Mannes, der sich ins Aus manövriert hatte, viel weniger bewegt worden zu sein als zuvor.

Die anfänglich vom preußischen Staat mit Wohlwollen betrachteten und behandelten „Rongeaner“ fielen aufgrund ihrer Radikalisierung und Politisierung in Ungnade, die Breslauer deutschkatholische Gemeinde wurde 1852 polizeilich „vorläufig“ geschlossen und löste sich 1855 auf. Theiner, der einstige Professor der katholischen Theologie und ehemalige Prediger der Deutsch-Katholiken, erhielt dank des Einsatzes von König Friedrich Wilhelm IV. eine kleine Stelle an der Breslauer Universitätsbibliothek (1855) und rückte 1857 ebendort zum Sekretär auf, was ihn wirtschaftlich absicherte. Am 15. Mai 1860 starb Johann Anton Theiner im Alter von 60 Jahren in seiner Heimatstadt an Typhus. Sein ihm geistig verwandter und wissenschaftlich viel bedeutenderer Bruder Augustin, der schließlich auch Priester geworden war, wurde 1870 als Präfekt des Vatikanischen Archivs gemaßregelt, starb aber in Italien als Katholik (1874).

Werke: (anonym:) Die katholische Kirche Schlesiens dargestellt von einem katholischen Geistlichen, Altenburg 1826; 2. vermehrte Aufl. unter dem Titel „Die Katholische Kirche, besonders in Schlesien, in ihrem Gebrechen dargestellt von einem katholischen Geistlichen, 1827 (anonym). – De Pseudo-Isidoriana Canonum Collectione dissertatio historico-canonica, 1827. – (anonym:) Merkwürdiges Umlaufschreiben des Fürstbischofs von Breslau an die gesamte Diöcesangeistlichkeit, begleitet mit einer Vorerinnerung und mit Anmerkungen, Hannover 1827. – Die zwölf kleinen Propheten in der Art und Weise des von Brentano-Dereserschen Bibelwerkes übersetzt und erklärt, Leipzig 1828. – Mit Augustin Theiner: Die Einführung der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen Geistlichen und ihre Folgen, 2 Bde., 3 Abt., Altenburg 1828; 2. Aufl., 1845; neu hrsg. von Friedrich Nippold, 1893; verkürzt hrsg. von Wally Mehnert, Leipzig 1932. – Die fünf Bücher Mosis, in der Art und Weise des von Brentano-Dereserschen Bibelwerkes übersetzt und erklärt, Leipzig 1831. – Die reformatorischen Bestrebungen in der katholischen Kirche. Ein Sendschreiben (…), 1. Heft, Altenburg 1845; dasselbe, 2. Heft. Mein Austritt aus der römisch-katholischen Kirche und die von Herrn Melchior, Fürstbischof von Breslau, über mich verhängte Exkommunikation, Altenburg 1846. – Das Seligkeits-Dogma der römisch-katholischen Kirche, geschichtlich dargestellt, 1847.

Lit.: J. Schlachcikowski, Anton Theiner, ein Vorläufer des heutigen Modernismus, Würzburg 1910. – Ernst Laslowski, Johann Anton Theiner, in: Schlesische Lebensbilder, Bd. IV, Breslau 1931, S. 347-353; 2. Aufl., Sigmaringen 1985. – Hermann Hoffmann, Anton Theiner. Ein Beitrag zur schlesischen Kirchengeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Teil I, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte IX, 1951, S. 74-143; Teil II, ebd. X, 1952, S. 226-278 (für Th. biogr. irrelevant); Teil III, ebd. XI, 1953, S. 169-209 (für Th. biogr. irrelevant); Teil IV, ebd. XII, 1954, S. 199-232; Teil V, ebd. XIII, 1955, S. 228-267 (mit Schriftenverzeichnis). – Erich Kleineidam, Die katholisch-theologische Fakultät der Universität Breslau 1811-1945, Köln 1961, v.a. S. 159. – Hubert Jedin, Von Sedlnitzky zu Diepenbrock. Briefe von Ignaz Ritter an Augustin Theiner von 1841-1847, in: Arch. f. schles. Kirchengesch. 29, 1971, S. 173-204. – Ders., Silesiaca aus dem Nachlaß Augustin Theiners 1838-1864, ebd. 32, 1974, S. 173-196. – Hermann Rupprecht, Matthesianer und die Katholisch-theologische Fakultät der Universität Breslau, in: Unser Weg durch die Jahrhunderte. Festschrift zur 350-Jahrfeier der Gründung des St. Matthiasgymnasiums zu Breslau. 1638-1988, Furth 1988, S. 67-85, hier S. 70. – Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 11, 1996, Sp. 795-800 (B. Wolf-Dahm). – Lexikon für Theologie und Kirche, X. Bd., 1938, Sp. 26-27 (F. X. Seppelt); 3. Aufl., Bd. 9, 2000, Sp. 1387 (H. H. Schwedt).

Bild: Arch. f. schles. KG, Bd. 11, (1953), vor S. 169.

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