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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Thienel, Hubert

Prälat, Apostolischer Visitator

* 1904, 10.10.
Trebnitz/Schlesien

† 1987, 23.12.
Düsseldorf

In Trebnitz, dem Ort der Grabstätte der schlesischen Landespatronin Hedwig, geboren und seit 1910 in Schweidnitz aufgewachsen, konnte Hubert Thienel gleich zwei traditionsreiche Städte in Niederschlesien als seine Heimat bezeichnen. Sein aus Wansen gebürtiger Vater Otto Thienel war Oberpostsekretär und ließ sich nach Schweidnitz versetzen, in die Heimat seiner Frau Helene, geborene Adam. Als Abiturient des Evangelischen Gymnasiums in Schweidnitz begann Thienel 1925 das Studium der katholischen Theologie in Breslau und Freiburg/Breisgau. Schon in der Schulzeit hatte er zu den ersten Führern des „Quickborn“ in seiner Heimatpfarrei gehört und war durch diese katholische Jugendbewegung nachhaltig geprägt worden. Die Priesterweihe erfolgte am 2. Februar 1930 in Breslau durch Adolf Kardinal Bertram. Nach einer Vertretung in Kraschen/Kreis Guhrau wurde der Neupriester vierter Kaplan an St. Nikolaus in Breslau, der mit 24.000 Katholiken größten Pfarrei der Erzdiözese. In dieser Arbeitergemeinde wurde der junge Geistliche mit den sozialen Nöten der Jahre nach der Weltwirtschaftskrise konfrontiert und erprobte neue Formen der Schulung von Jugendgruppenführern. Als Kardinal Bertram im Zuge der staatlich verordneten Auflösung der katholischen Jugendverbände 1937 eine zentrale Diözesanjugendseelsorge in Breslau errichtete, berief er den erfolgreichen Jugendkaplan zum ersten Diözesanpräses der Frauenjugend und zugleich zum Domvikar. Thienel hatte mit der Organisation von Jugendwallfahrten, Schulungen und Exerzitien im totalitären System eine schwierige Aufgabe übernommen, die zu insgesamt 39 Verhören durch die Gestapo führte. Nebenher fungierte Thienel in den Kriegsjahren auf zahlreichen Firmreisen des Breslauer Weihbischofs Josef Ferche als dessen Begleiter.

Noch vor der Vertreibung erreichte den Diözesanpräses im Februar 1946 der Ruf des Kölner Kardinals Josef Frings, seine bewährte Arbeit als Referent für Frauenjugend in der Bischöflichen Hauptarbeitsstelle für Jugendseelsorge und Jugendorganisation in Haus Altenberg bei Köln unter der Leitung von Prälat Ludwig Wolker weiterzuführen. Mit Gerhard Moschner und Johannes Theissing traf sich dort ein Dreiergespann wieder, das bereits in der Breslauer Diözesanjugendseelsorge eng zusammengearbeitet hatte. 1947 gehörte er hier zu den Mitbegründern des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ). Höhepunkt und Abschluß dieser Tätigkeit war die große Jugend-Wallfahrt zum Heiligen Jahr 1950 nach Rom, die er maßgeblich mit organisierte. Ab Anfang 1951 setzte Thienel seine Talente als Generalsekretär der Bischöflichen Hauptarbeitsstelle für Frauenseelsorge in Düsseldorf ein. Zwei Jahre später gehörte er dort zu den Wiederbegründern des Zentralverbandes Katholischer Frauengemeinschaften Deutschlands (KFD). 1958 wurde er zum Päpstlichen Geheimkämmerer (Monsignore) und 1964 zum Päpstlichen Hausprälaten ernannt.

Kurz nach dem im September 1971 erfolgten Eintritt in den Ruhestand bestellte ihn die Deutsche Bischofskonferenz am 28. April 1972 in der Nachfolge des verstorbenen Prälaten Oskar Golombek zum Sprecher der heimatvertriebenen Priester aus dem Erzbistum Breslau in Deutschland und zugleich zum Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für Heimatvertriebene (Nord) in Köln sowie zum Diözesan-Vertriebenenseelsorger im Erzbistum Köln. Nachdem infolge der Errichtung einer polnischen Hierarchie in den ehemaligen deutschen Ostgebieten im Sommer 1972 die bisherigen Kapitularvikare der ostdeutschen Diözesen in der Bundesrepublik zu Apostolischen Visitatoren ernannt worden waren, blieb ein entsprechendes Amt für die Vertriebenen aus der Erzdiözese Breslau zunächst aus. Im Vatikan glaubte man, mit der Erhebung des deutschen Restteils der Erzdiözese Breslau zur Apostolischen Administratur Görlitz die schlesische Tradition genügend berücksichtigt zu haben. Auf Anfrage der Deutschen Bischofskonferenz wurde am 28. Oktober 1972 auch für die Breslauer Bistumsangehörigen in Deutschland ein Apostolischer Visitator ernannt. Es schien nur folgerichtig, daß Papst Paul VI. mit dieser Aufgabe Prälat Thienel betraute und ihm kurz darauf die höchste Prälatenwürde eines Apostolischen Protonotars verlieh.

Thienel verlegte sein Büro von Köln nach Düsseldorf, wo er zudem als Subsidiar der Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit im Stadtteil Derendorf verbunden blieb. Bei seinem Amtsantritt stand ihm die Jurisdiktion über 837 Priester zu, die für das Bistum Breslau geweiht waren und in 20 bundesdeutschen Bistümern ihren Dienst verrichteten. Jedoch handelte es sich dabei um eine rein symbolische Aufgabe, da der Apostolische Visitator in der Realität lediglich durch Ernennung verdienter schlesischer Priester zu Geistlichen Räten dafür sorgte, daß diese einen Ausgleich für in der Nachkriegszeit erfahrene Zurücksetzungen im Klerus ihrer Wirkungsdiözesen erhielten. Darüber hinaus hielt Thienel über Ordinariatsrat Herbert Mischkowsky (Hildesheim) und Prof. Erich Kleineidam (Erfurt) Kontakt zu den nahezu 200 Breslauer Priestern in den Jurisdiktionsbezirken der DDR und kümmerte sich um die Spätaussiedlerpriester, die Polen großteils ohne Erlaubnis ihrer Heimatbischöfe verlassen hatten und daher von diesen suspendiert worden waren. Ihre Eingliederung in den priesterlichen Dienst der bundesdeutschen Bistümer war Hubert Thienel ein wichtiges Anliegen.

Mit tatkräftiger Unterstützung des Kirchenrechtlers Prof. Dr. Emil Brzoska (1909-1993) errichtete Thienel 1974 zu seiner Beratung ein aus sieben Priestern bestehendes Konsistorium und zwei Jahre später einen paritätisch mit Priestern und Laien besetzten Pastoralrat. Auf wissenschaftlicher Ebene setzte er sich als Kuratoriumsvorsitzender für das Kardinal-Bertram-Stipendium ein, das seit 1973 jährlich zu drei Themen für Nachwuchshistoriker und -theologen ausgeschrieben wurde.

Die Zeitschrift der Eichendorffgilden „Der schlesische Katholik“ wandelte er 1974 in den „Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau“ um, der fortan unter seiner Regie erschien und dessen neuer Titel die Bindung an das frühere deutsche Erzbistum Breslau intensivieren sollte. Den vier jährlichen Ausgaben stellte der Apostolische Visitator jeweils programmatische Geleitworte voran.

Erst im November 1982 nahm Papst Johannes Paul II. das zweite Rücktrittsgesuch Thienels an und bestellte den Telgter Propst Winfried König zu dessen Nachfolger. Im Rahmen der Amtsübergabe im Juli 1983 in Königstein/Taunus erhielt Thienel die von ihm selbst gestiftete St.-Hedwigs-Medaille verliehen. Außerdem wurde er mit der Ernennung zum Konventualkaplan des Malteser-Ritterordens geehrt.

Für seinEngagement zugunsten der katholischen Schlesier erfuhr der Prälat darüber hinaus zahlreiche Ehrungen auf weltlicher Ebene, zu denen das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (November 1979) gehörte. Am 19. Juni 1981 wurde ihm zudem der Schlesierschild der Landsmannschaft Schlesien verliehen, am 10. September 1983 erhielt er die „Plakette für Verdienste um den deutschen Osten und das Selbstbestimmungsrecht“ und im Juli 1984 die Goldene Ehrennadel der Landsmannschaft Oberschlesien.

Nach seinem plötzlichen Tod fand er am 30. Dezember 1987 in der Priestergruft des Düsseldorfer Nordfriedhofs seine letzte Ruhestätte, zu der ihn der Kölner Diözesanadministrator Weihbischof Hubert Luthe, „Vertriebenenbischof“ Gerhard Pieschl und der Apostolische Visitator Prälat Winfried König mit einer großen Trauergemeinde geleiteten.

Trotz seines vorgerückten Alters füllte Prälat Hubert Thienel sein Amt über die kirchliche Pensionsgrenze von 75 Jahren hinaus aus und stand überdies bis zu seinem Tod für pastorale Aufgaben bei den katholischen Schlesiern zur Verfügung. Immer wieder erwies er sich als „ein fulminanter Prediger …, der auch Skeptiker mitreißen und begeistern“ (Paul Mai) konnte.

Die religiöse Identität Schlesiens in der Fremde zu bewahren und für Kontinuität zu garantieren, waren seine Anliegen, mit denen er sich selbst als treuer Hüter der Tradition des deutschen Erzbistums Breslau in der vom Kalten Krieg geprägten bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft vor der politischen Wende von 1989 sah.

Lit.: Josef Negwer (Hrsg. Kurt Engelbert): Geschichte des Breslauer Domkapitels im Rahmen der Diözesangeschichte vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Hildesheim 1964, S. 320. – Clemens Riedel: Prälat Hubert Thienel feierte am 10. Oktober 1974 seinen 70. Geburtstag, in: Heimatbrief der Katholikendes Erzbistums Breslau 4/1974, S. 9f. – Widmung, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte 32 (1974), S. VII-VIII. – E(mil) B(rzoska): Dem Apostolischen Visitator von Breslau Prälat Hubert Thienel zu seinem 75. Geburtstag Gruß und Dank, in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 4/1979, S. 7f. – Dr. F(ranz) L(orenz): „So sehe ich mein Volk“. „Festliche Stunde“ für Prälat Hubert Thienel und Clemens Riedel, in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 5/1979, S. 7-9. – Emil Brzoska: Porträt der Päpste. Pius XII. bis Johannes Paul II. 1939-1979. Festgabe an den Apostolischen Visitator Hubert Thienel, Köln 1979. – Widmung für den Apostolischen Visitator Hubert Thienel zu seinem 50jährigen Priesterjubiläum, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte 38 (1980), S. XII. – Wk: Ein Fest der Freude und des Dankes [Goldenes Priesterjubiläum Hubert Thienel], in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 1/1980, S. 11f. – Werner Marschall: Geschichte des Bistums Breslau, Stuttgart 1980, S. 199ff. – Schlesierschild für Prälat Hubert Thienel, in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 3/1981, S. 44. – Edeltraut Wloczyk (Hrsg.): Erinnerung und Dank. Prälat Hubert Thienel zum 80. Geburtstag 10.10.1984, Düsseldorf 1984. – Zum 80. Geburtstag von Prälat Thienel, in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 4/1984, S. 58. – Werner Marschall: Zum 80. Geburtstag von Prälat Hubert Thienel, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte 42 (1984), S. 251-252. – Nachrufe, in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau 1/1988, S. 1-9. – Edeltraut Wloczyk: Hubert Thienel (1904-1987), in: Johannes Gröger u.a. (Hrsg.): Schlesische Kirche in Lebensbildern, Sigmaringen 1992, S. 259-265. – Emil Brzoska/Werner Marschall: Die Apostolische Visitatur Breslau, in: Hubert Unverricht/Gundolf Keil (Hrsg.): De Ecclesia Silesiae. Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Apostolischen Visitatur Breslau, Sigmaringen 1997, S. 17-26. – Paul Mai: Die Apostolischen Visitatoren für Priester und Gläubige aus der Erzdiözese Breslau und das Institut für Ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte, in: Hubert Unverricht/Gundolf Keil (Hrsg.): De Ecclesia Silesiae, S. 27-48. – Johannes Gröger: 25 Jahre Apostolische Visitatur Breslau. Ein Rückblick, in: Winfried König (Hrsg.): Kirche im Dienst der Schlesischen Menschen. 25 Jahre Apostolische Visitatur Breslau (Schriftenreihe der Apostolischen Visitatur Breslau, Bd. 6), Münster 1998, S. 12-33. – Zur Geschichte der katholischen Pfarrjugend Schweidnitz, gesammelt von Josi Zappe, Sinsheim 1999. – Johannes Gröger: „An die Seelen dieser Menschen herankommen“. Formen und Entwicklungen katholischer Vertriebenenseelsorge, in: Michael Hirschfeld/Markus Trautmann (Hrsg.): Gelebter Glaube – Hoffen auf Heimat. Katholische Vertriebene im Bistum Münster, Münster 1999, S. 19-70. – Johannes Gröger/Michael Hirschfeld (Bearb.): Deine Auferstehung preisen wir. Verzeichnis der verstorbenen Priester des Erzbistums Breslau 1945-1999, Münster 2000, S. 107. – Michael Hirschfeld: Die schlesischen Katholiken nach 1945 in Westdeutschland, in: Winfried König (Hrsg.): Erbe und Auftrag der schlesischen Kirche. 1000 Jahre Bistum Breslau, Dülmen u. Piechowice 2001, S. 256-279. – Thienel, Hubert (1904-1987), in: Erwin Gatz (Hrsg.): Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1945-2001. Ein biographisches Lexikon, Berlin 2002, S. 120. – Edeltraut Wloczyk: Die ungeschriebenen Memoiren des Apostolischen Visitators, in: Schlesien in Kirche und Welt 5/2004, S, 84-86. – Michael Hirschfeld: Thienel, Hubert, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XXIII (2004), Sp. 1491-1496.

Werke: (Hrsg.): Heimatbrief der Katholiken des (später: aus dem) Erzbistum(s) Breslau, Köln 1/1974-5/1983. Zahlreiche Artikel, in: Bunte Kette, Morgen, Brunnen (Zeitschriften des Jugendhauses Altenberg 1946-1951), in: Frau und Mutter, Frau und Beruf, Die Mitarbeiterin, Zum Dienste ausgesandt (Zeitschriften des Hauses der katholischen Frauen Düsseldorf), darunter: Die hl. Hedwig – eine moderne Frau, in: Frau und Beruf 6/1967, S. 12-14. – Hedwig, die Heilige zweier Völker, in: Frau und Mutter v. 6.3.1967, S. 172f. – Zahlreiche Artikel, in: Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau: „Wir grüßen dich, heilige Anna“, in: 2/1974, S. 3. – Wie es einem Neupriester im Jahre 1930 erging, in: 1/1980, S. 12-15. – Was tat die Erzdiözese Breslau für die Erhaltung der polnischen Sprache, in: 2/1984, S. 26-28. – Trebnitz – die Stadt der heiligen Hedwig, in: 4/1985, S. 52-55. Zehn Jahre Apostolische Visitatur Breslau (1972-1982), in: Helmut Neubach/Hans-Ludwig Abmeier (Hrsg.): Für unser Schlesien. Festschrift für Herbert Hupka, München-Wien 1985, S. 166-178.

Bild: Totenzettel, Archiv des Apost. Visitators Breslau, Münster.

Michael Hirschfeld

 

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