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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Thiess, Frank

Schriftsteller

* 1890, 13.03.
Eluibei Uexküll/Livland

† 1977, 22.12.
Darmstadt

Frank Thiess war ein bedeutender Schriftsteller, ein universaler Geist. Schon frühzeitig verließ die Familie ihre baltische Heimat und siedelte nach Deutschland über. Frank Thiess besuchte Gymmnasien in Berlin und Aschersle­ben und studierte an den Universitäten Berlin und Tübingen, wo er mit der Dissertation „Die Stellung der Schwaben zu Goethe” (1915) zum Dr. phil. promovierte, nachdem er bereits im Jahr zuvor einen Essay über Cäsar Flaischlen veröffentlicht hatte.

Nach einem kurzen „Ausflug in die Theaterwelt” am Berliner Lessingtheater und einer Italienreise kehrte er in seine baltische Heimat zurück, verließ diese jedoch bei Kriegsausbruch im Jahre 1914 endgültig. Im Jahre 1915 holte ihn Theodor Wolff an das „Berliner Tageblatt”, wo er bis 1919 als Redakteur tätig war. In den Jahren 1920/ 1921 wirkte er als Dramaturg und Regisseur an der Stuttgarter Volksbühne, von 1921 bis 1923 war er Theaterkritiker am „Hanno­verschen Anzeiger”. Im Jahre 1923 ließ er sich als freier Schriftsteller in Berlin nieder, nachdem er bereits 1920 seine „Studien zu einer Ästhetik der Tanzkunst” unter dem Titel „Der Tanz als Kunstwerk” und 1921 seinen ersten großen Roman „Der Tod von Falern” veröf­fentlicht hatte, dem 1923 „Das Gesicht des Jahrhunderts. Briefe an Zeitgenossen” und die Romane „Angelika ten Swaart“  und „Die Verdammten” folgten – letzterer das einzige seiner Bücher, das in seiner baltischen Heimat seinen Schauplatz hat. Mit diesen Büchern, die in Riesenauflagen verbreitet wurden, setzte der beispiellose Auf­stieg des erfolgreichen Schriftstellers ein. Es folgten „Das Tor zur Welt”, ein Denkmal seiner Schulzeit in Aschersleben, „Abschied vom Paradies”, ein Roman unter Kindern, und „Der Frauenraub”, den er für mißglückt hielt und der als „Katharina Winter” in völlig neuer Fassung 1949 erschienen ist. Es folgten „Johanna und Est­her”, 1932 in Italien beendet, ein Roman von den unzerstörbaren Mächten der Erde, „Der Weg zu Isabelle” und „Stürmischer Früh­ling”, ein Roman unter jungen Menschen, in denen sich Thiess mit dem tiefsten Problem aller Dichtung, dem des Schicksals auseinan­dergesetzt hat.

Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus begannen für Frank Thiess Jahre der Vereinsamung und der Verfemung. „Die Verdammten” und „Der Frauenraub” wurden verbrannt; es folgten Rede-, Rundfunk- und Bühnenverbote, und es gehörte viel persön­licher Mut dazu, nicht zu emigrieren. Er stand vor der Situation, „je­derzeit dieses Leben verlieren zu können. Aus diesem Wissen ent­stand – eine Hilfe meines baltischen Bluterbes – die Gleichgültig­keit gegen alle Gefahr und die Entschlossenheit, jeden mir verblei­benden Tag durch sinnvolle Arbeit zu nutzen.” Es erschien „Tsushi­ma” (1936), der Roman eines Seekrieges und ein Lobgesang auf das Heldentum derer, die auf verlorenem Posten stehen. Ihm folgte das „Reich der Dämonen”, das Riesengemälde eines vergangenen Jahr­tausends, das zu einem, vom Autor zunächst gar nicht beabsichtigten Angriff gegen die Politik des Dritten Reiches und von den Machthabern alsbald verboten wurde. Es zählte zu den bedeutendsten Wer­ken der „Inneren Emigration”, deren vielumstrittener Wortführer Frank Thiess war.

Die Jahre unfreiwilliger Stille und Besinnlichkeit in der Zurückgezo­genheit wurden für seine weitere Entwicklung von größter Bedeu­tung. In ihnen reiften Werke in reicher Fülle heran, von denen wir nur einige nennen wollen. Es erschien „Caruso. Roman einer Stim­me”, „Puccini. Versuch einer Psychologie seiner Musik”, als Fortset­zung der „Dämonen” die „Ideen zur Natur- und Leidensgeschichte der Völker”. Der „Herzogin von Langeais” folgte die dramatische Historie „Zar Iwan” und „Die Wölfin”, eine phantastische Variante zürn Thema des verlorenen Paradieses. Frühe Novellen wurden un­ter dem Titel „Wir werden es nie wissen” herausgegeben; sie verbindet das Thema der Undurchschaubarkeit des Lebens: „Wir leben, aber wir wissen nicht, welche Mächte hinter der sichtbaren Fassade wesen. Wir werden es nie wissen.” Eine Reihe seiner wichtigsten Reden, Aufsätze und Vorträge erschien unter dem Titel „Vulkanische Zeit”, unerschöpflich in der Vielfalt der Themen. Mit den Titeln „Goethe als Symbol”, „Shakespeare und die Idee der Unsterblichkeit” und „Der Weg zum Frieden” können wir die wahrhaft universale Thematik dieses bedeutenden Geistes nur unvollkommen andeuten, der in seinem Werk zu einem Kritiker, Deuter und Seher der im brennenden europäischen Probleme unserer Zeit wurde, der furcht­los, mit einem leidenschaftlichen Willen zur Wahrheit und in unerschütterlichem Glauben an den Geist als die formende Kraft im Le­ben des Einzelnen wie der Völker zu einem mutigen Anwalt des Geistes wurde.

Rund hundert Titel umfaßt das Werkeverzeichnis von Frank Thiess. Außerstande, ins Detail zu gehen, seien hier nur noch einige Titel genannt, die es verdienen, nicht in Vergessenheit zu geraten. Es sind dies der Roman „Die Straßen des Labyrinths” (1951) und seine Fortsetzung „Geister werfen keine Schatten” (1955), der Roman „Gäa” (1957), eine Neubearbeitung von „Johanna und Esther”. Seine Vorträge „Ursprung und Sinn des Ost-West-Gegensatzes” (1957) und „Die geschichtlichen Grundlagen des Ost-West-Gegen­satzes” (1960) seien ebenso genannt wie „Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas” (1959), eine Fortsetzung der „Dämonen” und die Trilogie „Verbrannte Erde” (1963) mit ihren Fortsetzungen „Freiheit bis Mitternacht” (1965) und „Jahre des Unheils” (1972). Dazwischen liegen die Novellen „Der schwarze Engel”, ein „Plä­doyer für Peking. Ein Augenzeugenbericht” (1966), „Zauber und Schrecken. Die Welt der Kinder” (1969); ihnen schließt sich der Ro­man „Der Zauberlehrling” (1975) an. Doch genug der Aufzählung! Als Welt, die seine ursprüngliche eigene Form geprägt hat, bezeich­net Frank Thiess, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Darmstadt sei­nen Wohnsitz hatte, die eines radikalen Individualismus. „Ich bin überzeugt, das alles, was ich schuf, ich in dieser Form nur als Balte schaffen konnte. Und mehr denn je,” so schrieb er 1954, „hat der Balte an seinem Wesen festzuhalten und seine Sendung zu erkennen. Es ist durchaus kein Zufall, daß er in alle Welt verstreut wurde. Eben dies mußte sein, damit er seine Aufgabe in der ,Diaspora’ in ihrem vollen Umfang begriff. Daß ihre Durchführung ihm heute bitter schwer gemacht wird, wissen wir alle. Gerade, weil es so ist, wird er sie bewältigen können. Man steigt gegen den Wind auf und geht mit ihm nieder.” Und an anderer Stelle: „Das baltische Wesen ist neben dem altspanischen noch das einzige ursprünglich adlige in unserer westlichen Welt. In der allgemeinen Massenwirtschaft und der Stick­luft kollektivistischer Reglementierung sind noble Gesinnung, ja Gesinnung überhaupt, moralische Tapferkeit, Großmut und Höf­lichkeit (als Zeichen der Achtung des Menschen vor dem Men­schen!) echte Tugenden, an denen wir festhalten müssen, wollen wir nicht moralisch versinken. Alle Erfahrungen, alle Leistungen, alle Wundergebilde der Technik und der Organisation sind nichts wert, wenn sie nicht auf dem Fundamente hoher menschlicher Eigenschaften beruhen. Ja, ohne diese müssen sie zu Katastrophen, Terror und Selbstvernichtung des Menschen führen.”

Lit.: Frank Thiess. In: Baltisches Erbe, hrsg. v. Erik Thomson. Frankfurt/Main 1964; Frank Thiess: Baltische Begegnungen. In: Jahrbuch des baltischen Deutschtums, X/1963, Hamburg-Hamm 1962; Friedrich Wilhelm Neumann: Frank Thiess. In: Jahrbuch des baltischen Deutschtums XII/1965, Hamburg-Hamm 1964.

Erik Thomson

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